Mehr Frauen beim Weltwirtschaftsforum in Davos | Wirtschaft | DW | 23.01.2018
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Weltwirtschaftsforum

Mehr Frauen beim Weltwirtschaftsforum in Davos

Ist das die Reaktion auf die #metoo Debatte? Noch nie war die Beteiligung von Frauen am Weltwirtschaftsforum so groß wie in diesem Jahr und auch zahlreiche Themen befassen sich mit der Situation von Frauen.

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Weltwirtschaftsforum - mehr Frauen in Davos

Sie kommt lässig in den Raum, ihr beigefarbener Rollkragenpullover scheint nicht ausreichend zu wärmen, denn sie fröstelt. Draußen schneit es ununterbrochen, an den Fenstern der kleinen Bar in Davos hängen lange Eiszapfen. Pia Mancini ist Argentinierin. In ihrer Heimat ist gerade Sommer, aber sie lebt schon seit mehr als drei Jahren mit ihrem Mann und der kleinen Tochter in New York. Da war es in den letzten Wochen auch ziemlich kalt.

Die 34-Jährige hat gerade eine Diskussion mit dem Gründer des Weltwirtschaftsforums, Klaus Schwab, hinter sich. Es ging um soziale Gerechtigkeit, die industrielle Revolution und um die Menschen, die unsere Zukunft formen. Pia Mancini gehört dazu. Sie gilt als eine einflussreiche Frau und Tech-Pionierin. Die neue Blockchain-Technologie fasziniert sie, Computer, die miteinander agieren, ohne zentral gesteuert oder kontrolliert zu werden. Daraus könnten sich viele Möglichkeiten der politischen Beteiligung ergeben, erzählt sie. Netzwerke, die sich zu einem Thema verbünden und damit der etablierten Politik einheizen.

Pia Mancini - Erfinderin für Liquid Democracy/Trans-national Kollaboration (Wikipedia/B. Flanagan)

Zum ersten Mal beim Davoser Gipfel: Pia Mancini.

In Argentinien hat sie dies bereits erlebt und selber initiiert. "DemocracyOS" heißt eine Plattform, die Mancini mitgegründet hat. Auf der Plattform werden Gesetzesvorhaben sofort einfach erklärt und diskutiert. Sogar eine Abstimmung, um ein Meinungsbild zu vermitteln, ist möglich. So kann direkte Demokratie aussehen. Die Politik bekommt ein schnelles Feedback.

Ein weiblicheres Davos

Jetzt ist Pia Mancini erstmals zum Weltwirtschaftsforum nach Davos eingeladen, kann mit Microsoft Gründer Bill Gates oder IWF Chefin Christine Lagarde gleichberechtigt diskutieren. Sie ist aber auch hier, weil Davos in diesem Jahr anders aussieht. 21 Prozent der Teilnehmer sind Frauen, eine Rekordzahl, und alle sieben sogenannten Co-Chairs, die die Diskussionen wesentlich begleiten, sind Frauen. Darunter Erna Solberg, Premierministerin Norwegens oder die Chefin der europäischen Organisation für Kernforschung, CERN, Fabiola Gianotti.

Fabiola Gianotti (CERN) (picture-alliance/dpa/ROPI)

Die Physikerin Fabiola Gianotti leitet das CERN-Projekt.

Es scheint wie eine kleine Revolution in der bisher klar männerdominierten Atmosphäre des Weltwirtschaftsforums. "Die Zeit ist vorbei, in der Frauen diskriminiert und missbraucht werden konnten. Nun ist die Zeit, da die Frauen Erfolg haben. Frauen in Führungspositionen - das ist auf der Agenda … beim WEF18" twitterte IWF Chefin Christine Lagarde, die in Davos eine der ‘Co-Chairs' ist. Und das ist eine Premiere in Davos: Denn alle sieben 'Co-Chairs' sind in diesem Jahr weiblich. (siehe Artikelfoto)

Plötzliches Medieninteresse

Schweiz Weltwirtschaftsforum Davos 2016 Christine Lagarde (Reuters/R. Sprich)

IWF-Chefin Christine Lagarde, hier beim WEF im Jahr 2016

Doch das Weltwirtschaftsforum kommentiert den Trend eher zurückhaltend. "Wir sehen, dass das ein sehr deutliches Signal ist, aber es ist keine Reaktion", betont Saadia Zahidi im Gespräch mit der DW. Denn das Thema stehe schon seit Jahren auf der Agenda des Weltwirtschaftsforums.

Die Pakistanerin verantwortet den wichtigen Bereich "Education, Gender and Employment" ("Bildung, Geschlechterfragen und Beschäftigung") beim Genfer Weltwirtschaftsforum, das sich als Think Tank und Ideengeber versteht. Man arbeite eng mit Unternehmen, NGOs und Regierungen zusammen. Die Türkei und Südkorea wurden ebenso beraten wie Mexiko, Argentinien oder Japan. Immer mit dem Ziel, die Beteiligung von Frauen in allen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Funktionen zu erhöhen. Der Erfolg sei sichtbar, findet Saadia Zahid. Das Tempo sei allerdings doch sehr unterschiedlich.

Auffällig aber sei in diesem Jahr das Interesse der Medien an den 'Gender-Themen'. Ständig werde sie für Interviews angefragt, berichtet Saadia Zahidi erstaunt. Dabei habe es immer wieder viele Programmpunkte zum Thema Frauen gegeben. Auch die Nachfrage nach dem Gender-Gap-Report sei enorm.

Den veröffentlicht das Weltwirtschaftsforum bereits seit 11 Jahren. Darin wird die Lage von Frauen in 144 Ländern untersucht und schonungslos mit Zahlen unterlegt. Demnach hat sich die Lage von Frauen eher verschlechtert als verbessert, aber es gibt auch Positivbeispiele. "Island ist das Land mit der größten Geschlechtergleichheit der Welt. Wenn es so weiter macht, wird es wahrscheinlich das erste Land sein, das den Gendergap schließt. Aber bedenken sie: Obwohl es diesbezüglich das führende Land ist, hat selbst Island den Gendergap noch nicht komplett geschlossen."

Davos 2018 Saadia Zahidi (WEF/Sandra Blaser )

Saadia Zahidi, hier beim WEF im Jahr 2017

Mehr Frauen - das rechnet sich

Für das Weltwirtschaftsforum hat die Forderung nach mehr Frauen in Führungspositionen auch eine klar wirtschaftliche Komponente. Saadia Zahidi ist überzeugt: "Unternehmen werden sich besser entwickeln, wenn Frauen stärker beteiligt werden."

Für Pia Mancini gibt es für die Gesellschaft weltweit jetzt kein Zurück mehr. "Wir haben einen Wendepunkt erreicht", sagt sie leidenschaftlich. Allerdings dürfe es nicht nur um weiße Frauen der Mittelschicht in gut entwickelten Volkswirtschaften gehen.

"Wo sind die armen Opfer von Belästigung, die weniger privilegierten, wo sind die mexikanischen Frauen, die vergewaltigt werden?" fragt sie laut. Auch die Stimmen dieser Frauen müssten gehört werden. "Es gibt noch so viel zu tun", sagt die Argentinierin. Sie selbst will ihre Stimme erheben und in Davos mitdiskutieren - wenn es um Frauen geht, um neue Technologien und um politische Kampagnen.

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