Mehr als 10.000 zivile Opfer in Afghanistan | Aktuell Welt | DW | 15.02.2018
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Krieg in Afghanistan

Mehr als 10.000 zivile Opfer in Afghanistan

Der neue UN-Bericht zur Lage der Zivilisten zeigt erschütternde und beunruhigende Trends des Kriegs am Hindukusch: Eine besondere Form des Tötens nimmt deutlich zu. Fast die Hälfte aller Opfer sind Frauen und Kinder.

Afghanistan Beerdigung nach Anschlag (Getty Images/AFP/N. Shirzada)

Nach einem Bombenanschlag im Januar in Jalalabad werden die Opfer beerdigt

Das Wichtigste in Kürze:

      - Die UN registrierten 2017 in Afghanistan 10.453 getötete oder verletzte Zivilisten  

      - Ein Brennpunkt bleibt die Hauptstadt Kabul 

      - Die Zahl der Selbstmordanschläge nimmt zu; die Taliban weiten ihre Herrschaft aus

Das vierte Jahr in Folge sind im Kampf gegen radikalislamische Taliban und Dschihadisten der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) mehr als 10.000 Zivilisten getötet oder verletzt worden. Registriert wurden 3438 Tote und 7015 Verletzte, insgesamt 10.453 Opfer, wie aus dem Jahresbericht der Vereinten Nationen (UN) hervorgeht. Im Vergleich zu 2016 ging die Opferzahl zwar um neun Prozent zurück - doch vor allem nur deshalb, weil die Taliban ihre Herrschaft über bestimmte Gebiete konsolidiert haben. "Wo sie Gegenden voll kontrollieren, gibt es eben keine Kämpfe mehr", sagte ein UN-Mitarbeiter, der namentlich nicht genannt werden wollte. Außerdem feuere die afghanische Armee inzwischen nicht mehr so oft willkürlich schwer steuerbare Geschosse in dicht besiedelte Gebiete.

Der 75 Seiten starke Report zeigt weiter auf, dass 42 Prozent aller zivilen Opfer Frauen und Kinder sind. Mehr als 4400 von ihnen seien im vergangenen Jahr getötet oder verletzt worden.

Kabul Afghanistan Ärztin überprüft eine Prothese (picture-alliance/dpa/J. Lai)

Ein Opfer des Kriegs: Eine Ärztin überprüft bei einer 55-Jährigen den Sitz der Prothese (Archiv)

Tatsächliche Opferzahl wohl weitaus höher

Gleichzeitig weisen die UN darauf hin, dass sie nur begrenzten Zugang in den Kriegsgebieten haben und somit auch nicht lückenlos alle Opfer dokumentieren können. Die tatsächlichen Zahlen dürften somit weitaus höher ausfallen. Die Menschenrechtsabteilung der UN in Afghanistan benötigt für jedes offiziell registrierte Opfer drei unabhängige Quellen. Diese sind aber in den zunehmend umkämpften Provinzen mit immer weniger UN-Beobachtern im Feld kaum noch zu bekommen.

Außerdem wachsen laut UN die Regionen unter Taliban-Kontrolle - und damit auch die "weißen Flecken" der Beobachter. Nach Angaben des US-Militärs "kontrollieren oder beeinflussen" die Taliban rund 13 Prozent des Landes. Andere Quellen gehen von deutlich höheren Zahlen aus.

Afghanistan | beschädigte deutsche Botschaft in Kabul (Reuters/M. Ismail)

Bei dem Anschlag auf die deutsche Botschaft in Kabul im Mai 2017 wurden laut UN 92 Menschen getötet und 491 verletzt

Erheblich mehr Selbstmordanschläge und Luftangriffe

Mit großer Sorge verweisen die Autoren auf den Anstieg der Opfer von Selbstmord- und anderen Anschlägen. Diese hätten im vergangenen Jahr mehr als ein Fünftel (22 Prozent) aller zivilen Opfer des Krieges verursacht - 17 Prozent mehr als 2016.

Im Brennpunkt steht nach wie vor die Hauptstadt Kabul. Taliban- und IS-Kämpfer töteten dort im vorigen Jahr mit Selbstmordattentaten und anderen Angriffen knapp 500 Zivilisten, mehr als 1200 wurden verletzt. Damit stammte etwa jedes sechste zivile Opfer (16 Prozent) aus der Hauptstadt. "Afghanische Zivilisten wurden getötet, als sie ihrer Alltagsroutine nachgingen - Busfahren, Beten in der Moschee, einfach an einem Gebäude vorbeilaufen, das angegriffen wurde", zitiert der Bericht UN-Menschenrechtskommissar Zeid Ra'ad al-Hussein.

Die Vereinten Nationen registrieren außerdem eine Zunahme der zivilen Opfer nach Luftangriffen, und zwar um sieben Prozent. Die USA weiteten 2017 ihre Bombardements auf mutmaßliche Taliban- und IS-Stellungen massiv aus - auf mehr als 2000 im ganzen Jahr (2016: knapp 1000).

Steigende Opferzahlen befürchtet

Für das laufende Jahr rechnen die UN nicht mit sinkenden Opferzahlen. Im Gegenteil: Ein westlicher Diplomat in Kabul, der sich seit Jahren mit den Konflikten am Hindukusch beschäftigt, erläuterte: "Mit (US-Präsident Donald) Trumps neuer Afghanistanstrategie - mehr Soldaten im Land, viel mehr Luftangriffen und scharfer Rhetorik gegen die Taliban sehen wir gerade eine Eskalierung, keine Beruhigung der Lage." Die USA flögen ihre Angriffe mit B-52 Bombern, und die Taliban befüllten Krankenwagen mit Sprengstoff. Falls sich dieser Trend fortsetzen sollte, müsse man 2018 mit "neuen Rekorden ziviler Opfer" rechnen.

Die ersten Anzeichen hierfür gibt es bereits: Im Januar verübten Taliban und IS allein in Kabul vier Anschläge. Die Bilanz: 150 Todesopfer.

se/sam (dpa, ap, afp)

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