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Mücken: Die gefährlichsten Tiere der Welt?

8. Dezember 2025

Malaria, Dengue, Zika, West-Nil-Fieber – alles Krankheiten, die von Mücken übertragen werden können. Jährlich sterben hunderttausende Menschen an solchen Infektionen. David Hancock wäre fast einer von ihnen gewesen.

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Deutschland Magdeburg 2002 | Mücke saugt Blut – West-Nil-Fieber Gefahr in Deutschland
David Hancock infizierte sich durch einen Mückenstich mit dem West-Nil-Virus - und überlebte nur knappBild: Andreas Lander/dpa/picture alliance

Es begann an einem Tag im Juni 2007 mit plötzlichem Fieber und heftigem Erbrechen. David Hancock sagt, er hätte sofort ins Krankenhaus gehen sollen. Er dachte aber, eine kleine Infektion überstehe er schon. Dabei hatte er so eine Ahnung, dass irgendwas nicht stimmte. Das war keine Grippe. 

David hatte recht. Doch es dauerte zehn Tage, bis klar war, woran der damals 49-Jährige litt. Zehn Tage, in denen David ins Koma fiel, sein Herz mehrfach versagte, seine Lungen sich mit Flüssigkeit füllten und sich sein Gehirn entzündete. 

"Ich war auf der anderen Seite. Mit einem Fuß in der anderen Welt sozusagen", erzählt David. 

Erst zehn Tage später konnten die Ärzte eine sichere Diagnose stellen: David hatte sich mit dem West-Nil-Virus infiziert. Durch einen simplen Mückenstich vor der eigenen Haustür in Glendale, einer Stadt unweit der Millionenmetropole Phoenix, im US-Bundesstaat Arizona. 

Ein perfektes Paar: Mücken und das West-Nil-Fieber

Anders als Malaria, Dengue, Gelbfieber oder das Zika-Virus wird das West-Nil-Virus (WNV) nicht durch eine sogenannte invasive Mückenspezies übertragen, sondern hauptsächlich durch die auf der Nordhalbkugel heimische Gattung Culex

Das West-Nil-Virus allerdings kommt ursprünglich aus den Tropen. Es wurde 1937 in der West-Nil-Region im Norden Ugandas erstmals beschrieben und nach seinem Fundort benannt.

Besonders gut vermehrt es sich in Vögeln. Durch sie konnte es schließlich auch Afrika verlassen – Zugvögel brachten das West-Nil-Virus nach Europa und in die USA. 1999 wurde es erstmals in den USA registriert. Heute ist es die Hauptursache für durch Mücken übertragene Krankheiten im Land.

Das liegt daran, dass das tropische West-Nil-Virus auf Culex pipiens traf, die Gemeine Hausmücke. Sie ist eine europäische und nordamerikanische Ureinwohnerin und ein besonders guter sogenannter Vektor für das WNV: sticht die Mücke einen infizierten Vogel, nimmt sie das Virus auf und gibt es bei der nächsten Blutmahlzeit an ihr nächstes Opfer weiter. Das kann wieder ein Vogel sein oder ein Pferd. Oder ein Mensch wie David.

Während die Infektion meistens unbemerkt und symptomfrei verläuft, erkranken in den USA aber auch durchschnittlich 1.300 Menschen pro Jahr schwer – 130 sterben.

USA Atlanta 2012 | Elektronenmikroskopische Aufnahme des West-Nil-Virus
In den meisten Fällen verläuft eine WNV-Infektion symptomlos. Bei David drang das Virus bis in sein Gehirn vor und verursachte bleibende SchädenBild: Cynthia Goldsmith/CENTERS FOR DISEASE CONTROL/EPA/dpa/picture alliance

Ironie des Schicksals: Davids Bruder ist Mückenforscher

Am 18. Juni 2007 hat David nicht nur Fieber und muss sich erbrechen. Er kann auch nicht mehr schlucken. Seine Frau Teri bringt ihn schließlich selbst ins Krankenhaus. Ein Fehler.

"Wir hätten unbedingt einen Krankenwagen rufen sollen, dann wäre ich bei der Triage ganz nach vorne gerückt. So haben wir stundenlang in der Notaufnahme gewartet, was mich fast das Leben gekostet hätte", sagt David.

Teri muss zwischendurch nach Hause, den Hund füttern. Als sie wiederkommt, erfährt sie, dass Davids Herz bereits zweimal aufgehört hat zu schlagen, er liegt auf der Intensivstation und wird beatmet. Das Fieber ist so hoch, dass der Raum stark runtergekühlt ist. Die Ärzte rechnen jeden Tag mit Davids Tod.

Teri trommelt die ganze Familie zusammen. Ihre Eltern kommen, Davids Eltern auch und sein Bruder Bob. Bob Hancock ist Biologe und erforscht seit Jahrzehnten das Verhalten von - Ironie der Geschichte - Mücken.

"Als die Nachricht die Runde machte, dass David sich mit West-Nil infiziert hatte, fragten alle: 'Sicher, dass es David ist?'", erzählt Bob. Schließlich ist er es, der ständig von Moskitos umgeben ist und am liebsten im südamerikanischen Dschungel zwischen ihnen hockt. "Ich liebe mein Studienobjekt. Ich erforsche Moskitos nicht, um sie auszurotten. Sie interessieren mich."

Mückenjagd im Moor: Wie sich Krankheiten ausbreiten könnten

Klimawandel verbessert die Bedingungen für Mücken und Viren

Die Geschichte der beiden Brüder macht die Notwendigkeit zur Differenzierung deutlich: Die meisten Moskitostiche sind ungefährlich. Gezählt werden nur die klinischen Fälle, "das heißt, wenn jemand zum Arzt oder ins Krankenhaus muss", sagt der Mückenforscher. Oder wenn die Infektion tödlich endet. Die Dunkelziffer derer, die sich infizieren, ohne etwas davon zu merken, ist wahrscheinlich ziemlich groß.

Gleichzeitig sind die Gefahren einer Infektion ebenso real. Nicht nur für David, auch für seine Frau Teri hat seine Erkrankung ein Trauma hinterlassen. Teri weint, wenn sie an die Tage zurückdenkt, in denen sie dachte, ihr Mann müsste sterben.  

Was seinem Bruder passiert ist, ist auch Bob eine Lehre gewesen. Sein Leben hat sich nach der Erkrankung seines Bruders verändert. "Ich wäre einfach glücklich damit gewesen, dieser lebenslustige Moskito-Liebhaber zu sein, der sich für Dschungelmücken interessiert, die herumfliegen und coole Dinge tun", sagt er. Doch seither beschäftige er sich vor allem mit der Übertragung von Krankheiten durch Mücken. "Ich bin zu dem medizinischen Entomologen gereift, der ich heute bin."

Als medizinischer Entomologe, also Insektenforscher, beobachtet Bob Hancock die Entwicklungen in den USA genau. Zehn Jahre hätte beispielsweise die Reise der Aedes-Spezies von Südkalifornien bis San Francisco gedauert. Diese ursprünglich aus den Tropen stammenden Moskitos sind potente Überträger von Krankheiten wie Dengue, Gelbfieber oder Zika. Der Klimawandel bietet  tropischen Mücken und Viren immer bessere Lebensbedingungen auch in nördlichen Gefilden. "Wir haben keinen Grund anzunehmen, dass die Moskitos kommen, aber die Krankheiten nicht."

Moskitos sind nicht gefährlich, die Viren sind es

David hat sich seit dem 18. Juni 2007 verändert. Als er aus dem Koma erwachte, konnte er weder selbstständig atmen noch sprechen. Er war abgemagert, musste das Gehen neu lernen. Es dauerte neun Monate, bis er wieder arbeiten konnte. Selbstständig schlucken kann er bis heute nicht.

Teri sagt, er sei introvertierter geworden, anders als der Mann, den sie geheiratet hat. Er sei jetzt nicht furchtbar, nur anders. Immerhin. Sie gehen davon aus, dass dies mit den Schäden zu tun hat, den das Virus in Davids Gehirn hinterlassen hat. 

Eines hat sich aber nicht verändert: David wird immer noch besonders häufig von Mücken gestochen. Das Einzige, was hilft, ist Mückenspray und davon viel. "Ich hasse sie zutiefst", sagen sowohl David als auch Teri über die Tiere. Wer kann es ihnen verübeln?

Und Bob? "Ich liebe Moskitos nach wie vor. Sie versuchen lediglich Futter zu finden und ihre Nachkommen zu ernähren. Ich könnte auch die Vögel hassen, oder? Schließlich hat sich der Moskito, der meinen Bruder infiziert hat, bei einem Vogel angesteckt."

Julia Vergin
Julia Vergin Teamleiterin in der Wissenschaftsredaktion mit besonderem Interesse für Psychologie und Gesundheit.