Lutz Seiler: ″Kruso″ | 100 gute Bücher - ein literarisches Jahrhundert-Panorama deutschsprachiger Literatur | DW | 09.10.2018
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100 gute Bücher

Lutz Seiler: "Kruso"

Ein Roman über das Jahr 1989 in der DDR, ein Buch über die Frage, was Freiheit ist und was Freundschaft bedeutet. Mit "Kruso" gewann Lutz Seiler 2014 den Deutschen Buchpreis.

"Edgar Bendler hatte beschlossen, zu verschwinden", heißt es zu Beginn des Romans, und was folgt, ist die Geschichte von einem, der auszog aus dem grauen DDR-Alltag, um sich an den äußersten Rand des Landes zu verziehen. Die Insel Hiddensee wird für über 450 Seiten zum Schauplatz des Geschehens. "Kruso" ist Insel-Roman wie Aussteiger-Geschichte, Freiheitsphilosophie wie Adoleszenz-Erzählung.

Erfolgreich als Lyriker und Erzähler

Lutz Seiler war schon seit Mitte der 1990er Jahre bekannt als Lyriker, auch als Erzähler wurde er viel beachtet und mit renommierten Preisen ausgezeichnet. Gleich mit seinem ersten Roman, "Kruso", gewann er dann 2014 den prestigeträchtigen Deutschen Buchpreis. 

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"Kruso" von Lutz Seiler

Seiler lässt seinen jugendlichen Helden Edgar Bendler im Frühjahr 1989 von Halle an der Saale aufbrechen nach Hiddensee. Seine Freundin ist bei einem Unfall ums Leben gekommen. Bendler, im Roman nur kurz "Ed" genannt, sucht auf der Ostseeinsel einen Neuanfang, spielt auch mit Fluchtgedanken. Auf der Insel trifft Ed auf einen Kreis von Aussteigern, Gestrandeten, Obdachlosen. Als "Schiffbrüchige" beschreibt der Autor seine Protagonisten - es sind Gestrandete im Staate DDR.

"Das ist Hiddensee, Ed, verstehst Du, hidden - versteckt? Die Insel ist das Versteck, die Insel ist der Ort, wo sie zu sich kommen, wo man zurückkehrt zu sich selbst, das heißt zur Natur, zur Stimme des Herzens, wie Rousseau es sagt."

Die Ausflugsgaststätte "Zum Klausner" wird zum Zentrum der Handlung. Dort lernt Ed auch Kruso kennen, eigentlich Alexander Dimitrijewitsch Krusowitsch, um den sich alles dreht. Er ist heimlicher Anführer und Inselphilosoph der Schiffbrüchigen. Seiler hat dieser Figur mit Bedacht den Namen des berühmten Romanhelden von Daniel Defoe gegeben: Kruso ist Einzelgänger und Philosoph, ein Eremit auf Hiddensee, eine fast schon mythische Gestalt.

Insel Hiddensee (DW/Maksim Nelioubin)

Auf der Ostseeinsel Hiddensee sucht Lutz Seilers Protagonist Ed einen Neuanfang

Geschichte einer Freundschaft

Ed freundet sich mit dem Älteren an, wird zu dessen "Freitag". Der Roman ist auch ein intensiver Text über diese innige Freundschaft zwischen den beiden so ungleichen Männern. Der Ältere bewundert Eds Fähigkeit, die Poesie als Instrument zum Überleben zu nutzen: Ed war Literaturstudent und Bewunderer des Dichters Georg Trakl: "In ihrer von Gedichten gestifteten Vertrautheit hatten Kruso und Ed zueinander gefunden."

Ed hingegen schaut zu Kruso auf, saugt dessen Gedanken von individueller Freiheit und Utopie gierig auf. Die spielen auch im Denken der Inselbewohner eine übermächtige Rolle: Schließlich ist der Roman in den Monaten vor dem Mauerfall angesiedelt. Hiddensee war über Jahre Fluchtpunkt für viele Ausreisewillige: Der Weg über die Ostsee brachte manchen Glück, viele kamen aber auch zu Tode, ertranken in den Fluten der Ostsee.

Magischer Realismus

Verleihung Deutscher Buchpreis 2014 Autor Lutz Seiler 6. Oktober (picture-alliance/dpa/A. Dedert)

Lutz Seiler galt 2014 als haushoher Favorit beim Deutschen Buchpreis. Das Debüt wurde als bester Roman des Jahres ausgezeichnet.

Und doch ist "Kruso" nicht vornehmlich ein dokumentarisch-historischer Roman über die DDR des Jahres 1989. "Das Buch ist überhaupt nicht die Rekonstruktion dieser Zeit oder des Sommers '89, aber ich hab diesen authentischen Ausgangspunkt gehabt, von dem aus ich dann weitergehen konnte bis auch in phantastische Passagen, die man niemals selbst erlebt haben kann oder möchte", so Lutz Seiler. 

"Am Ende aller Reden schien Hiddensee ein schmales Stück Land von mythischem Glanz, der letzte, der einzige Ort, eine Insel, die immer weiter hinaustrieb, außer Sichtweite geriet - man musste sich beeilen, wenn man noch mitgenommen werden wollte."

Lutz Seiler hat mit "Kruso" einen ebenso realistischen wie phantastischen Roman vorgelegt, ein Buch, das Zeitgeschichte mit mythologischem Weltblick vereint.

Hiddensee Insel (picture-alliance/dpa)

Hiddensee war zu DDR-Zeiten immer wieder Ausgangspunkt für Fluchtversuche über die Ostsee

Zwölf Figuren gruppiert Seiler im "Klausner" um einen Tisch: "Die 12 Apostel am Personaltisch", so Seiler: "Eine Art Tafelrunde mit ganz eigenen Regeln und einer ganz eigenen Ritterlichkeit und eben auch mit ganz eigenen Namen." Religiöse Verweise wie mythische Grundierung - kaum ein Erzählstrang im Roman erscheint eindeutig und eindimensional. Ed verdient wie viele andere auch in dem Ausflugslokal sein Geld als Tellerwäscher in der Küche: "Es werden nicht nur Teller gewaschen, sondern auch Menschen, also Schiffbrüchige. Kruso hat die Vorstellung, die Waschung gehört auch zu seiner Utopie", so Seiler.

Ein Buch über die Freiheit

"Kruso steht für ein Modell von Freiheit, die er auf dieser Insel verwirklichen will. Die befinden sich auf hoher See, getrennt von der Gesellschaft durch das Wasser", beschreibt Seiler seine Titelfigur: "Es geht um die Freiheit in dem Roman, verkörpert durch Kruso, der sehr viele Freiheitsphilosophien auch sehr ungefiltert nebeneinander setzt."

Flucht aus der DDR: Mit dem Schlauchboot über die Ostsee (picture-alliance/dpa/W. Baum)

Mit dem Schlauchboot über die Ostsee - Dieser Familie aus Dresden war 1977 die Flucht gelungen

Lutz Seiler hat dem Romangeschehen noch einen Epilog beigefügt, in dem er fast dokumentarisch über reale Vorbilder und historische Tatsachen Auskunft gibt. Auch in Dänemark, wo viele Flüchtlinge über die Ostsee ankamen, hat er recherchiert. Was ist aus all denen geworden? Ein Kapitel DDR-Geschichte, das kaum aufgearbeitet ist. 179 Tote sind offiziell registriert, doch von vielen anderen Verschwundenen fehlt bis heute jede Spur.

Freiheit und Scheitern

"Kruso" ist ein ungemein dicht komponierter Text. Zahlreiche Verweise und Bilder, Metaphern und Symbole machen "Kruso" zu einer aufregenden literarischen Reise. Ein großes Buch über das Ende der DDR, aber auch ein großes Buch über die Frage, wie Freiheit zu leben ist.

 

Lutz Seiler: Kruso (2014), Suhrkamp Verlag

Der 1963 in Gera in der DDR geborene Lutz Seiler studierte Germanistik in Halle /Salle und Berlin. 1989 arbeitete er als Saisonkraft auf Hiddensee. "Kruso" wurde ein Überraschungserfolg beim Publikum und gewann den Deutschen Buchpreis. Er ist außerdem in verschiedenen Funktion im deutschen Literaturbetrieb tätig, u.a. als Herausgeber und Dozent.Seiler lebt in Wilhelmshorst bei Potsdam im Peter-Huchel-Haus, dessen literarisches Programm er seit 1997 leitet, und mit seiner Frau in Stockholm. 

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