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Linke: "Wir werden den Osten nicht den Nazis überlassen"

20. Juni 2026

Auf dem Bundesparteitag der Linken dominieren Kampfansagen: gegen die AfD, Aufrüstung und Bundeskanzler Friedrich Merz. Gegenwind spürt aber auch der neue Vorsitzende Luigi Pantisano.

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In weißer Schrift steht das Parteitagsmotto der Linken "Es reicht!" auf einer roten Wand. Darunter prangt die Forderung "Das Leben bezahlbar machen". Vor der Bühne sitzen hunderte Delegierte und heben bei einer Abstimmung ihre Stimmkarten in die Höhe.
Das Parteitagsmotto der Linken "Es reicht!" ist bei dem Delegierten-Treffen in Potsdam-Babelsberg der rote FadenBild: Chris Emil Janßen/IMAGO

Die Kulisse ist filmreif, denn der Linken-Parteitag findet in der Metropolis-Halle in Potsdam-Babelsberg statt. Sie liegt direkt neben den weltberühmten Filmstudios, wo seit 1912 Kino-Geschichte geschrieben wird. Die Linke wiederum ist seit der Bundestagswahl 2025 dabei, ihre eigene kleine Erfolgsgeschichte zu schreiben.

Jan van Aken verlässt die erste Reihe

Dabei zweifelten 2025 viele in der Partei, wahrscheinlich die meisten, am Wiedereinzug in Deutschlands wichtigstes Parlament. Doch statt an der Fünf-Prozent-Sperrminorität zu scheitern, erhielt die Linke knapp neun Prozent. Der überraschende Höhenflug spiegelt sich auch in einer Verdopplung der Mitgliederzahlen auf rund 126.000 wider.

Der Linken-Politiker Jan van Aken, Jahrgang 1961, spricht beim Bundesparteitag der Linken, hebt dabei gestikulierend seine rechte Hand und streckt den Zeigerfinger aus. Über einem weißen Hemd trägt er ein graues Jackett. Seine grauen Haare sind an der Stirn leicht gelichtet.
Jan van Aken verzichtete aus gesundheitlichen Gründen auf eine erneute Kandidatur für den Parteivorsitz der LinkenBild: Michael Bahlo/dpa/picture alliance

Lauter Gründe, gut gelaunt zu sein - die allerdings schon vor dem Auftakt des Parteitags am Freitag etwas gedämpft ist. Denn der erst 2024 zum Vorsitzenden gewählte Jan van Aken kandidiert aus gesundheitlichen Gründen nicht für eine zweite Amtszeit. Gemeinsam mit Ines Schwerdtner bildete er zwei Jahre eine Doppelspitze, die an der Basis großen Rückhalt hatte.

Stimmungskiller bei der Wahl von Luigi Pantisano

Das Duo konnte zusammen mit der Bundestagsfraktionsvorsitzenden Heide Reichinnek Aufbruch-stimmung verströmen. Und dann dieser Stimmungskiller: Lediglich 53,3 Prozent der Delegierten wählen van Akens Nachfolger Luigi Pantisano zum Vorsitzenden. Entscheidender Grund für das bescheidene Ergebnis dürften seine umstrittenen Äußerungen in einem Interview mit dem Boulevard-Medium Bild gewesen sein.

Der Brillenträger Luigi Pantisano, Jahrgang 1979, sitzt mit geschlossenen Augen neben einer  Frau, die ihre Hand auf seine linke Schulter legt. Er hat lockiges, schwarzes Haar und ist über einem offenen weißen Hemd mit einer dunkelblauen Jacke bekleidet.
Luigi Pantisano wurde mit bescheidenen 53,3 Prozent erstmals zum Vorsitzenden der Linken gewähltBild: dts Nachrichtenagentur/IMAGO

Pantisano verglich die Christdemokraten (CDU) von Bundeskanzler Friedrich Merz mit der vom Verfassungsschutz teilweise als rechtsextremistisch eingestuften Alternative für Deutschland (AfD): Es gebe gerade "gar keinen Unterschied zwischen der CDU, die faschistische Politik macht, der AfD oder den Faschisten selbst".

Neuer Linken-Chef rechtfertigt Faschismus-Aussage

"Wer Christdemokraten mit Faschisten gleichsetzt, disqualifiziert sich für jede politische Verantwortung", reagierte CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann in der Bild am Sonntag auf Pantisanos Äußerung. Der neue Linken-Chef, Sohn einer aus Italien nach Deutschland eingewanderten Familie, rechtfertigt sich auf dem Parteitag: "Es war eine zugespitzte Aussage", räumt er ein. Aber sie sei von der Bild aus dem Kontext herausgerissen worden.

Pantisano kann die Linken-Basis damit nur bedingt überzeugen, wie sein schwaches Wahlergebnis zeigt. Vieles spricht dafür, dass die Gegenstimmen vor allem aus ostdeutschen Landesverbänden kamen. In Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern steht die AfD in Umfragen seit Monaten an der Spitze.

"Ich muss mir das Vertrauen jetzt erarbeiten"

In beiden Bundesländern wird im September ein neues Parlament gewählt. Danach könnte sich für die Linke in Sachsen-Anhalt womöglich die Frage stellen, mit der CDU zu koalieren oder eine Minderheitsregierung zu dulden, um die AfD von der Macht fernzuhalten. Vor diesem Hintergrund klingt Pantisanos Gleichsetzung der beiden Parteien wenig hilfreich.

"Ich muss mir das Vertrauen jetzt erarbeiten", sagt Pantisano der DW angesichts des Dämpfers zum Auftakt seiner ersten Amtszeit als Linken-Vorsitzender. Ein paar mehr Stimmen habe er sich schon erhofft. Großes Vertrauen genießt hingegen Ines Schwerdtner, die mit fast 86 Prozent wiedergewählt wurde.

Ines Schwerdtner: "Das ist ihr Klassenkampf von oben"

Mit Blick auf die Parlamentswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern macht sie eine klare Kampfansage an die AfD: "Wir werden den Osten nicht den Nazis überlassen." Damit meint sie auch den Stadtstaat Berlin, wo im September ebenfalls gewählt wird. Schwerdtner nimmt auch die Bundesregierung ins Visier.

Ines Schwerdtner, Jahrgang 1989, steht mit einem ärmellosen, weißen Pullover am Rednerpult des Parteitages der Linken. Sie hat die rechte Hand mit rot lackierten Fingernägeln erhoben. Ihre schulterlangen Haare sind blond und von rechts nach links gescheitelt.
Die mit knapp 86 Prozent wiedergewählte Ines Schwerdtner kündigte auf dem Linken-Parteitag "Klassenkampf von unten" an Bild: Michael Bahlo/dpa/picture alliance

Sie kritisiert zunehmende Militarisierung und die von der Linken abgelehnten Reformen bei der Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung: "Hunderte Milliarden für Aufrüstung im Eiltempo", kritisiert die Parteivorsitzende das dafür beschlossene sogenannte Sondervermögen. Plötzlich sei die Schuldenbremse abgeschafft worden - nur für diesen Bereich sei Geld da. "Das ist ihr Klassenkampf von oben, den sie jeden Tag betreiben. Und deswegen machen wir jetzt Klassenkampf von unten!", kündigt Schwerdtner an.

"Wir schützen jüdisches Leben - hier und überall"

Auch auf den in der Linken immer wieder aufflammenden Streit über die Nahost-Politik geht sie ein. Dass die Linke nun offiziell das Wort "Genozid" (deutsch: Völkermord) für den Militär-Einsatz Israels im Gazastreifen benutzt, rechtfertigt sie: "Wir ringen darum, wie wir die Realität beschreiben, weil uns das Leid der Palästinenserinnen und das Aushungern von Zehntausenden nicht egal ist."

Israel beruft sich dagegen auf sein Selbstverteidigungsrecht nach den Terroranschlägen am 7. Oktober 2023, die palästinensische Islamisten vom Gazastreifen aus auf Israel verübten, und weist den Vorwurf des Völkermords entschieden zurück: Die hohen Opferzahlen seien Folge der Kriegsführung palästinensischer Terrorgruppen und nicht etwa eines Vernichtungswillens gegenüber den Palästinensern.

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Zugleich verurteilt Schwerdtner jede Form von Antisemitismus: "Kein Vater und keine Mutter darf in diesem Land Angst haben, sein Kind auf eine jüdische Schule zu schicken", sagt sie. "Kein Mensch darf in diesem Land Angst haben, eine Synagoge zu besuchen oder seine Kippa auf der Straße zu tragen. Wir schützen jüdisches Leben - hier und überall."

Mahnende Worte zum Abschied

Mahnende Worte richtet der nunmehr ehemalige Linken-Vorsitzende van Aken an seine Partei: Man werde nicht automatisch immer weiterwachsen, sagt er angesichts weiter steigender Mitgliederzahlen und Umfragewerten von zehn Prozent. "Wir müssen uns sehr bewusst sein, dass der gegenwärtige Hype ganz schnell wieder vorbei sein kann."

Deutsche Welle Marcel Fürstenau Kommentarbild ohne Mikrofon
Marcel Fürstenau Autor und Reporter für Politik & Zeitgeschichte - Schwerpunkt: Deutschland