Kristalina Georgiewa: Mit Beethoven zum Spitzenjob | Wirtschaft | DW | 08.10.2019
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Neue IWF-Chefin

Kristalina Georgiewa: Mit Beethoven zum Spitzenjob

Kristalina Georgiewa ist erstmals öffentlich als neue IWF-Chefin aufgetreten. Vor der Herbsttagung des Währungsfonds nächste Woche zeichnet sie ein düsteres Bild der Weltwirtschaft. Und ermahnt Deutschland.

Es gibt unter all den Geschichten über die neue IWF-Direktorin, die in der internationalen Presse zu finden sind, eine, da wundern sich die Reporterinnen über das "außergewöhnlich lebhafte Gedächtnis" der Kristalina Georgiewa, wenn es um ihr erstes eigenes Bank-Konto geht. Sie habe nämlich genau 361 Pfund für ein Stipendium und 21 Pfund eigenes Erspartes bei einer Bank im Zentrum von London eingezahlt, gleich um die Ecke der London School of Economics, erzählte die Ökonomin der "Financial Times". Das war im Jahr 1987, da war Georgiewa 34 Jahre alt.

Jetzt ist sie für eine Finanzinstitution verantwortlich, die nach eigenem Bekunden in der Lage ist, eine Billion Dollar an ihre Mitgliedsstaaten zu verleihen. An diesem Dienstag hielt Kristalina Georgiewa ihre erste programmatische Rede als neue Direktorin des Internationalen Währungsfonds IWF. Und die hatte es in sich. 

Georgiewa verwies auf die anhaltenden Handelskonflikte, weswegen für dieses Jahr mit dem schwächsten Wirtschaftswachstum seit Beginn des Jahrzehnts zu rechnen sei. Die Welt befände sich in einer Phase der "synchronen Abschwächung". Seine offiziellen Prognosen für dieses und das nächste Jahr werde der Fonds nach unten korrigieren. Allein der Handelskonflikt zwischen den beiden größten Volkswirtschaften - USA und China - könnte die globale Wirtschaftsleistung im kommenden Jahr um bis zu 700 Milliarden US-Dollar senken, warnte Georgiewa unter Berufung auf neue IWF-Prognosen. Das entspräche rund 0,8 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung.

Angesichts einer sich abzeichnenden Abkühlung der Weltwirtschaft sei es für die Länder mit fiskalischem Spielraum wie Deutschland, die Niederlande und Südkorea jetzt Zeit, mit höheren Ausgaben gegenzusteuern. Vor allem zusätzliche Ausgaben in den Bereichen Infrastruktur und Forschung hätten das Potenzial, das Wachstum zu fördern. Niedrige Zinsen ließen manchen Regierungen noch mehr Spielraum. 

EU-Kommission und Weltbank

Der IWF hat seinen Sitz im Zentrum von Washington, in einem von vielen pragmatisch wirkenden Büroblocks, und nur ein paar hundert Meter entfernt von einem ganz anders strahlenden Bau entfernt, dem Weißen Haus mit seinem Bewohner, US-Präsident Donald Trump. Die Unterschiede zwischen beiden könnten größer kaum sein, und der Nachbar könnte sich noch als das größte Problem der neuen IWF-Direktorin erweisen.

Das Hauptquartiers des Internationalen Währungsfonds in Washington, DC (Getty Images/C. Somodevilla)

Sitz des IWF in Washington

"Sie drückt sich nicht vor Konflikten", sagt eine über Georgiewa, die auch schon ihre Erfahrungen mit dem US-Präsidenten hatte, "aber sie sucht den Konflikt auch nicht um seiner selbst willen", so die noch amtierende EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager über ihre frühere Kollegin. Zu den vielen Spitzenjobs Georgiewas zählt nämlich auch der als EU-Kommissarin, und das gleich zweimal: Zuletzt war sie bis 2015 als Vizepräsidentin der Kommission für den EU-Haushalt mit einem Volumen von rund 160 Milliarden Euro zuständig.

Auch danach übernahm sie einen Job, bei dem es um eine Menge Geld ging - bei der Weltbank, für die Georgiewa schon früher 17 Jahre gearbeitet hatte: Als Geschäftsführerin und stellvertretende Direktorin der Weltbank wirkte sie zuletzt entscheidend mit an der Kapitalerhöhung der Bank um immerhin 13 Milliarden Dollar. Auch da mussten neben vielen anderen Mitgliedsländern die USA des Donald Trump mit ins Boot geholt werden.

"Durchsetzungsfähig, verbindlich, hocheffizient" wird sie denn auch genannt (vom "Handelsblatt"), die "Süddeutsche Zeitung" charakterisiert sie als "offen, gradlinig und kompetent", die "Neue Zürcher Zeitung" bescheinigt ihr: "zweifellos qualifiziert". Und die "Financial Times" weiß über die Neue beim IWF zu berichten, Frau Georgiewa höre "Beethovens 5. Symphonie, wenn sie sich auf schwierige Entscheidungen oder große Kämpfe vorbereitet".

Die Bulgarin wurde schon für viele internationale Spitzenjobs gehandelt. An schwierigen Entscheidungen und Kämpfen dürfte es auch künftig nicht mangeln. In einer ersten Stellungnahme nach ihrer Wahl hatte Georgiewa festgehalten: "Es ist eine riesige Verantwortung, am Steuer des IWF zu stehen zu einer Zeit, in der das globale Wirtschaftswachstum weiter enttäuschend ist, Handelskonflikte anhalten und sich Schulden auf einem historisch hohen Stand befinden."

Griechenland Gewerkschaft Demo (Reuters/A. Konstantinidis)

Proteste gegen den IWF in Athen (im Juli 2015)

Der Nachbar im Weißen Haus

Vieles davon hat ihr aktueller Nachbar im Weißen Haus direkt mit zu verantworten, auf den Handelskriege mit China und Europa zurückgehen und der die Schulden der USA auf neue Höchststände treibt. Es gibt allerdings auch nicht wenige, die darauf verweisen, dass der Internationale Währungsfonds, dem Georgiewa nun vorsteht, selbst durch seine lange Zeit geübte Politik zum Erstarken des weltweiten Populismus beigetragen hat.

Zu den wesentlichen Aufgaben des IWF mit seinen rund 2700 Beschäftigten gehört es, darüber zu wachen, dass es global nicht zu großen Währungsturbulenzen oder Schuldenkrisen kommt. Dazu vergibt er wenn nötig Kredite an überschuldete und in Zahlungsschwierigkeiten geratene Staaten. Griechenland weiß ein Lied davon zu singen, dass das vielfach mit harten und bisweilen auch kruden Anpassungsprogrammen verbunden war. Kritiker geißelten den Währungsfonds immer wieder als Beispiel setzenden Vertreter neoliberaler Wirtschafts- und Politikprogramme. Und genau diese Programme mit ihren hohen Kosten für die Bevölkerung haben nach dieser Lesart den Populisten in die Hände gespielt.

Internationaler Währungsfonds l IWF-Kandidaten - Christine LaGarde im Gespräch mit Kristalina Georgieva (picture alliance/newscom/K. Dietsch)

Kristalina Georgieva und ihre Vorgängerin Christine Lagarde (im April 2018)

Schon Georgiewas Vorgängerin Christine Lagarde, die jetzt Präsidentin der EZB wird, hatte hier gegengesteuert. Staaten mit Finanzproblemen sollten nicht mehr als Bittsteller behandelt werden, zumal in Zeiten weltweiter finanzieller Ungleichgewichte, Themen wie Geschlechtergerechtigkeit und Klimaschutz gehören nun auch für den IWF auf die Agenda. Es wird erwartet, dass die neue, ansonsten als politisch konservativ geltende Chefin hier den Weg ihrer Vorgängerin fortsetzt.

"Hohe Kunst des Understatements"

Aktuell laufen aber eben auch IWF-Kreditprogramme in Höhe von 70 Milliarden US-Dollar weltweit, verbunden weiterhin mit strengen Auflagen. Zu den Kreditnehmern gehören Länder, die nicht gerade als Hort demokratischer Stabilität gelten: unter anderem Argentinien, Ägypten und die Ukraine. Dazu heißt es im gerade veröffentlichten Jahresbericht des IWF: "Um das internationale Handelssystem zu bewahren und zu modernisieren, ist ein gemeinsames Vorgehen unerlässlich." Nachbar Trump dagegen gibt sich als bekennender Gegner multilateraler Organisationen und Vereinbarungen. Die IWF-Chefin wird ihren Beethoven brauchen.

Als Gegenentwurf zu dem mächtigen Mann im Weißen Haus kann die Ökonomin Georgiewa mit Blick auf ihre ganze Biografie gelten. Während Trump mit seiner reichen Familie und eigenem Reichtum zu punkten sucht, präsentiert sich Georgiewa als Kind einfacher Verhältnisse. Kaum ein Portrait, in dem nicht ihr folgender Twitter-Eintrag zitiert wird: "Meine Großeltern hatten sehr wenig Bildung. Ich war die Erste in der Familie, die einen Doktortitel bekam."

Das sei "hohe Kunst des Understatements", kommentierte allerdings das deutsche Magazin "Cicero" - die Ökonomin kommt tatsächlich aus vergleichsweise privilegierten Verhältnissen im Ostblock der 1970er Jahre: Der Vater war Straßenbauingenieur, die Mutter Leiterin eines staatlichen Geschäfts im Zentrum der Hauptstadt. Und einen Urgroßvater findet man unter den Autoren der ersten Verfassung Bulgariens nach der Befreiung vom Osmanischen Reich.

Die junge Ökonomie-Dozentin kam jedenfalls schon vor der Wende zu ihrem Studienaufenthalt bei der renommierten School of Economics 1987 nach London. Ihre Doktorarbeit hatte sie zuvor an der Wirtschaftsuniversität in Sofia abgeschlossen, die damals nach Karl Marx benannt war - Thema: "Umweltschutz und Wirtschaftswachstum in den USA".

(mit Archivmaterial)

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