Kommentar: Warten (und hoffen) auf Joe Biden | Kommentare | DW | 06.06.2020
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Deutsch-amerikanische Beziehungen

Kommentar: Warten (und hoffen) auf Joe Biden

Ob sie noch Vertrauen in Donald Trump habe, wird Angela Merkel in einem Interview gefragt. Eine sonderbare Frage. Denn das transatlantische Verhältnis ist längst ein Trümmerhaufen, meint Sabine Kinkartz.

Nein, ein Nachruf auf die deutsch-amerikanischen Beziehungen soll das hier nicht werden. Auch wenn es derzeit wirklich keinen Anlass dafür gibt, sie noch als wirklich existent und gelebt zu bezeichnen. Und es nur schwer zu ertragen ist, dass ausgerechnet diese Beziehungen dermaßen zerrüttet sind. Dabei ist es auch wenig tröstlich, dass Deutschlands verkorkstes Verhältnis zu den USA global gesehen kein Einzelfall ist.

Die USA und Deutschland - das war immer etwas Besonderes. Eine Liebesbeziehung, selbstverständlich und unverbrüchlich. Amerika, das war im 20. Jahrhundert die neue Welt, der Fackelträger der Demokratie, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Noch in den 1980er- und 1990er-Jahren war es ein Sehnsuchtsort nicht nur für junge Deutsche. So modern, so fortschrittlich, so offen für neue Ideen. Eine Reise nach New York, nach Chicago, San Francisco oder Los Angeles - wer bekam da nicht glänzende Augen?  

Nicht alles, was glänzte, war Gold

Auch politisch gehörten die USA und Deutschland über Jahrzehnte zusammen. Engste Verbündete waren sie und das nicht nur im militärischen Sinn. Wie alte Ehepartner. Bis dass der Tod uns scheidet. Was nicht heißt, dass niemand je einen Fehler gemacht hätte. Die schlechte Zahlungsmoral der Deutschen in der NATO, die deutschen Exportüberschüsse und das oft unkritische Verhältnis zu China waren schon lange Streitthemen. Und auch unter US-Präsident Barack Obama war längst nicht alles Gold, was glänzte. Differenzen zu haben bedeutete aber nie, das transatlantische Verhältnis substanziell zur Debatte zu stellen.

Das ist heute anders und zwar so grundlegend, dass man keine rosarote Brille braucht, um die Vergangenheit glorreich zu finden. Ob sie noch Vertrauen in den US-Präsidenten Donald Trump habe, wurde Bundeskanzlerin Angela Merkel am Donnerstag in einem TV-Interview gefragt. Ihre Antwort klang hölzern und traf es doch auf den Punkt: "Ich arbeite zusammen mit den gewählten Präsidenten auf der Welt und natürlich auch mit dem amerikanischen." Sie hätte auch sagen können: Als Politikerin kann ich nicht anders. Ich muss ich ihn aushalten, das ist mein Job.

Die Deutschen sind entsetzt

Das klingt nüchtern und pragmatisch und ist es auch. Aber natürlich ist Merkel nicht gleichgültig, was in den USA passiert. Wie die meisten Deutschen ist sie entsetzt über die eskalierende Gewalt, über die tief gespaltene amerikanische Gesellschaft und die Rolle, die Trump dabei spielt. Den tödlichen Polizeieinsatz gegen den Afroamerikaner George Floyd nennt die deutsche Kanzlerin "Mord" und macht sich Gedanken darüber, wohin das polarisierte Land driftet: "Ich kann nur hoffen, dass man zusammenfindet und ich bin froh, dass viele dazu ihren Beitrag leisten." Donald Trump meinte Merkel damit nicht.

Kinkartz Sabine Kommentarbild App

DW-Redakteurin Sabine Kinkartz

Die Kanzlerin, das ist nicht zu übersehen, hat jeden Versuch aufgegeben, mit Trump in irgendeiner Form konstruktiv zusammenarbeiten zu können. Geglaubt hat sie nie an ihn. Aber anfangs gab es von deutscher Seite zumindest die Hoffnung, dass das Amt Donald Trump so weit zähmen könnte, um gemeinsame Politik zu ermöglichen. Doch diese Hoffnung war schnell zerstört. Was folgte, war ungläubiges Staunen, Unverständnis, Empörung, Entsetzen, gepaart mit politischer Hilflosigkeit.

Er polarisiert, sie möchte verbinden

Was Merkel Trump am meisten übel nimmt, ist sein Ausstieg aus der internationalen Zusammenarbeit. Er lehnt alles das ab, was für die deutsche Kanzlerin Grundlage einer funktionierenden Weltordnung ist: internationale Organisationen und eine multilaterale internationale Ordnung. Dafür hat Merkel immer gekämpft, weil sie davon überzeugt ist, dass Politik zusammenführen und verbinden muss.

Endgültig rot sah sie, als Trump den Ausstieg aus der Weltgesundheitsorganisation WHO erklärte. Mitten in der Corona-Pandemie. Aber die würde der Präsident ja auch am liebsten als erledigt betrachten. Weswegen er auch kein Hindernis mehr sieht, den G7-Gipfel doch noch als persönliches Treffen aller Staats- und Regierungschefs in den USA stattfinden zu lassen. Zumal das schöne Bilder im Wahlkampf wären.

Wahlkampfhilfe? Nein danke!

Doch diese Bühne will Angela Merkel Donald Trump nicht geben. Sie hat diese Woche ihre Teilnahme unter Verweis auf Corona abgesagt. Den Kampf dieses Präsidenten um seine Wiederwahl im November unterstützen? Ganz sicher nicht. Angela Merkel gehört zu denen, die auf einen Personalwechsel im Weißen Haus hoffen. Zwar weiß auch sie, dass unter einem US-Präsidenten Joe Biden nicht automatisch wieder alles in Ordnung wäre. Dafür hat sich die Welt zu weit gedreht. Aber zumindest könnte man verloren gegangenes Vertrauen wieder erarbeiten.

Bis dahin heißt es abzuwarten und die Ereignisse in den USA aus der Ferne zu beobachten. Das gewalttätige Chaos und die Corona-Pandemie, die weiterhin Menschenleben fordern und die Wirtschaft niederdrücken wird, werden Amerika noch lange intensiv beschäftigen.

Was aber wird sein, wenn Donald Trump trotz allem eine zweite Amtszeit erreicht? Wird das deutsch-amerikanische Verhältnis das aushalten können? Wohl kaum, angesichts dessen, was in den vergangenen vier Jahren bereits zerstört worden ist. Dann wäre endgültig Eiszeit. Man kann also nur hoffen.

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