Kommentar: Keine Angst vor den Corona-Protesten! | Kommentare | DW | 23.05.2020
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Meinungsfreiheit

Kommentar: Keine Angst vor den Corona-Protesten!

Weltweit protestieren Verschwörungsgläubige und Impfgegner gegen staatliche Maßnahmen im Kampf gegen die Pandemie. Politik und Medien sollten sich ihnen gelassen, aber selbstbewusst entgegenstellen, meint Hans Pfeifer.

Deutschland München | Etwa 3000 Menschen protestieren gegen Corona-Auflagen mit teils Verschwörungstheoretischem Hintergrund (picture-alliance/ZUMAPRESS/S. Babbar)

Demonstranten auf dem Marienplatz vor dem historischen Rathaus von München

Ich habe einen Bekannten und "Facebook-Freund" in Atlanta, Georgia. Sein Name ist Karl. Karl hat in den vergangenen Wochen wie verrückt zum Thema Corona gepostet. Mit seiner Meinung wäre er bestens auf jeder Protestveranstaltung gegen die staatlichen Zwangsmaßnahmen zur Eindämmung der Pandemie aufgehoben.

Karl ist der festen Überzeugung, dass Bill Gates ein Babymörder ist, dass jede Impfung nur der Pharmalobby dient und dass Corona eine Erfindung der US-Demokraten ist. Dabei ist er kein organisierter Aktivist oder Mitglied irgendeiner Gruppe. Seine Inspiration und seine Mitstreiter findet er in den Sozialen Medien.

Diskussion mit Impfgegnern - ein Experiment

Ich habe mit Karl ein Experiment gemacht. Ich habe mich mit Ruhe, Zeit und journalistischer Recherchelust auf eine Debatte eingelassen. Ich habe Karls Argumente ernst genommen, habe sie geprüft, habe ihm geschrieben, dass einige seiner Quellen nachweislich frei erfunden sind und ihn gefragt, was er dazu sagt. Sein Kommentar: "Egal, ob frei erfunden oder nicht: Wichtiger ist, dass es so sein könnte!" Schließlich schrieb mir Karl, dass es mich doch stutzig machen müsste, dass schon in der Bibel stehen würde, dass zwischen 2020 und 2030 ein Virus die Menschen befallen würde und dass Impfen teuflisch sei. Ich habe trotz hartnäckiger Nachfragen keine Antwort von ihm bekommen, wo genau das denn in der Bibel stehe? Jetzt ist Karl auf Facebook verschwunden.

Deutsche Welle Pfeifer Hans Portrait (DW/B. Geilert)

DW-Redakteur Hans Pfeifer

Kurz gesagt: Die Diskussion hat nichts gebracht. Karl hat nicht darauf gewartet, dass irgendjemand mit ihm diskutiert. Er sucht nur nach Mitstreitern. Genauso verhält es sich mit der übergroßen Mehrheit der Männer und Frauen, die derzeit auf die Straße gehen und lautstark gegen Impfungen, Bill Gates und Ausgangssperren protestieren. Sie wollen keine Teilhabe an einer gesellschaftlichen Debatte. Sie wollen allein den absoluten Sieg des eigenen Arguments. Wer, wie in Berlin geschehen, protestiert, indem er einen Judenstern mit dem Aufdruck "ungeimpft" trägt, der verharmlost zunächst einmal den millionenfachen Mord an den europäischen Juden. Er hat aber vor allem zwei zentrale Ziele: maximale Provokation und Gier nach Aufmerksamkeit.

Giftige Allianz der Demokratieverächter

Im Grunde genommen ist schon dieser Kommentar kontraproduktiv, weil er die giftige Allianz der Provokateure zum Thema hat. Denn Politik und Medien machen diese vergleichsweise kleinen Proteste am Ende erst groß. Und unter den Protestlern stecken so dermaßen viele verschwörungstheoretische, antisemitische und rechtsextreme Aktivisten, die seit Jahren jede Gelegenheit nutzen, um die offene Gesellschaft unter Beschuss zu nehmen, dass der Rest der Gesellschaft sie gerne auch mal dalassen kann, wo sie hingehören: in der Isolation.

Deutschland und andere demokratische Staaten tappen in eine Falle, wenn sie anfangen, sich gegenüber diesen vermeintlich "besorgten Bürgern" zu rechtfertigen. Was bringt eine Diskussion mit 5.000 Menschen, die friedlich demonstrieren dürfen, denen die Polizei trotz aller Gesundheitsrisiken und Auflagen die Zusammenkunft ermöglicht und die dann Journalisten anschreien und anpöbeln, dass man ja nicht mehr seine Meinung sagen dürfe? Viel sinnvoller bleibt es, die wichtige Debatte über Sinn und Unsinn aller Maßnahmen im Kampf gegen die Pandemie weiterhin offen und streitbar in Parlamenten und Medien zu führen.

Verschwörungstheorien als Geschäftsmodell

Sorgen müssen sich die Anhänger der Demokratie eigentlich nur aus einem Grund: Das schrille Geschrei der Demokratieverächter ist im Laufe der Jahre zu einem Geschäftsmodell geworden: Twitter, Facebook, YouTube und der Fernsehsender Fox News in den USA verdienen Millionen mit dem Verbreiten von Antisemitismus, Hetze und Halbwahrheiten. Wieviel Einfluss dieses Geschäftsmodell auf die Demokratie haben kann, dass zeigt auch der unglaubliche Aufstieg eines gewissen Donald Trump.

Die Redaktion empfiehlt