Kommentar: Flug PS752 - Teheran muss Transparenz herstellen | Kommentare | DW | 10.01.2020
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Iran-Krise

Kommentar: Flug PS752 - Teheran muss Transparenz herstellen

Wurde das ukrainische Passagierflugzeug über dem Iran abgeschossen? Dann wären die tragischen Todesopfer der bittere Beweis: Den Preis jeder Eskalation zahlen vor allem unbeteiligte Zivilisten, meint Matthias von Hein.

Ukraine Kiew | Trauer nach Flugzeugabsturz im Iran

Blumen und ein Gedenkplakat für die Opfer des Unglücks vor der iranischen Botschaft in Kiew

Das neue Jahr 2020 ist gerade einmal mal zehn Tage alt. In diesen knapp 300 Stunden ist die Welt am Persischen Golf bereits bis an den Abgrund eines Krieges getaumelt - und zumindest vorläufig wieder zurück. Darüber hinaus ist das tragische Ende von Flug PS752 mit dem Tod aller 176 Menschen an Bord zu verkraften.

Der Absturz, vor allem seine Ursache, wirft bis zur Stunde viele Fragen auf. Doch es verdichten sich die Hinweise auf einen versehentlichen Abschuss durch die iranische Luftabwehr. Aber nicht nur der ukrainische Präsident Selenskyj möchte erst einmal Beweise sehen, bevor er sich auf diese Version festlegt. Wenn eine Situation so aufgeheizt ist wie am Persischen Golf, sind Geheimdienstinformationen stets mit einer gehörigen Portion Skepsis zu genießen.

Warum war der Flughafen überhaupt geöffnet?

Aber: Das Szenario ist ja durchaus plausibel. Kurz nach dem iranischen Vergeltungsangriff gegen US-Ziele im Irak muss die iranische Flugabwehr auf einen Gegenschlag der Amerikaner gefasst und hochnervös gewesen sein. Absolut denkbar, dass da jemand unter Stress eine verhängnisvolle Fehlentscheidung getroffen hat. Was die Frage aufwirft: Wie konnten die iranischen Behörden in dieser Situation überhaupt ihren Hauptstadt-Flughafen offen halten, zivile Flugzeuge starten und landen lassen, als wäre nichts geschehen?

DW Kommentarbild Matthias von Hein

DW-Redakteur Matthias von Hein

Teheran weist die Abschussversion bisher zurück. Das Dementi würde allerdings überzeugender wirken, wenn alle Ermittler Zugang zur Absturzstelle bekämen. Will Iran Glaubwürdigkeit gewinnen, muss es volle Transparenz herstellen. Das ist das Land den Angehörigen der Opfer und der Weltgemeinschaft schuldig. Eine Politisierung des Unglücks in jedwede Richtung wäre unerträglich.

Ein gutes Zeichen ist: Teheran hat inzwischen Experten auch des amerikanischen Flugzeugherstellers Boeing zur Untersuchung der Absturzursache eingeladen. Die brauchen wegen der US-Sanktionen allerdings erst einmal eine Sondergenehmigung des Finanzministeriums in Washington. Ein gutes Zeichen ist auch: Die Äußerungen von US-Präsident Trump zur Katastrophe klingen für seine Verhältnisse ausgesprochen versöhnlich. "Vielleicht hat jemand einen Fehler gemacht", ließ er sich im Weißen Haus vernehmen.

Den Preis zahlen vor allem unbeteiligte Zivilisten

Sollte die Passagiermaschine tatsächlich unbeabsichtigt von der iranischen Luftabwehr abgeschossen worden sein, wären die 176 Todesopfer ein bitterer Hinweis sowohl an Teheran wie auch an Washington: Wer den Weg der Eskalation einschlägt, hat nicht mehr in der Hand, wohin dieser führt. Und: Den Preis zahlen - wie schon in so vielen anderen Fällen - vor allem unbeteiligte Zivilisten.

Deswegen ist es wichtig, dass die Krisendiplomatie der Europäer Fahrt aufnimmt. Jetzt. Nach der maßvollen Vergeltung Teherans für die Tötung von General Soleimani durch eine US-Drohne und der ebenso maßvollen Reaktion Washingtons darauf scheint der Moment dafür günstig. Er könnte schnell verstreichen.

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