Kanadas Premier Trudeau: Hinweise auf versehentlichen Flugzeug-Abschuss im Iran | Aktuell Welt | DW | 10.01.2020
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Iran-Konflikt

Kanadas Premier Trudeau: Hinweise auf versehentlichen Flugzeug-Abschuss im Iran

Nach dem Absturz der ukrainischen Passagiermaschine bei Teheran geht Kanada von einem Abschuss durch eine iranische Rakete aus. Eine Lufthansa-Maschine auf dem Weg von Frankfurt am Main nach Teheran kehrte nun wieder um.

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Rätselraten um Flugzeugabsturz im Iran

Die Frage drängte sich schon kurz nach dem Flugzeugabsturz im Iran auf: Hatten die iranischen Angriffe auf von den USA genutzte Stützpunkte im Irak etwas damit zu tun? Der Verdacht scheint sich nun zu erhärten: Die kanadische Regierung habe Informationen, die darauf hindeuteten, "dass das Flugzeug von einer iranischen Boden-Luft-Rakete abgeschossen wurde", sagte der Ministerpräsident Justin Trudeau in einer TV-Ansprache. Er wies auf "Informationen aus verschiedenen Quellen, auch von unseren Verbündeten und unseren eigenen Geheimdiensten" hin. Ein solcher Abschuss könne durchaus versehentlich geschehen sein.

In Großbritannien forderte Premierminister Boris Johnson angesichts der Hinweise auf einen Abschuss eine umfassende und transparente Untersuchung. Er forderte alle Seiten zur Deeskalation auf.

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Trudeau: "Wir haben Informationen aus verschiedenen Quellen"

Unterdessen drehte eine Lufthansa-Maschine auf dem Weg von Frankfurt am Main nach Teheran nach einer Stunde Flugzeit wieder um. Dies teilte das Unternehmen mit. Hintergrund der Rückkehr von LH 600 sei "eine veränderte Einschätzung der Sicherheitslage für den Luftraum rund um den Flughafen in Teheran" gewesen. Die Lufthansa strich zudem den für Freitag geplanten Flug von und nach Teheran. Der Konzern prüfe gemeinsam mit nationalen und internationalen Behörden weiter die Lage vor Ort, hieß es.

Die ukrainische Passagiermaschine mit 176 Menschen an Bord war am Mittwochmorgen auf dem Weg von Teheran nach Kiew kurz nach dem Start abgestürzt – unmittelbar nachdem der Iran zwei von US-Soldaten genutzte Stützpunkte im Irak angegriffen hatte.63 Kanadier waren an Bord der Maschine.

Ukraine Kiew | Trauer nach Flugzeugabsturz im Iran (Getty Images/AFP/S. Supinsky)

Ort der Trauer am Mittwoch in einer Halle des Flughafens Kiew-Boryspil, wo die abgestürzte Maschine hätte landen sollen

Der Leiter der iranischen Luftfahrtbehörde, Ali Abedsadeh, erklärte, man werde neben Experten aus der Ukraine auch Boeing-Fachleute aus den USA, Kanada und Frankreich an den Untersuchungen zur Absturzursache beteiligen. Die Nationale Behörde für Transportsicherheit (NTSB) in den USA sei von der iranischen Luftfahrtbehörde über den Absturz benachrichtigt worden und habe einen Vertreter für die Untersuchungen ernannt, hieß es in einer Mitteilung der Behörde.

Iranische Vorwürfe

Die Blackboxen des Flugzeuges sollen im Iran untersucht werden. Falls dies aber aus technischen Gründen nicht möglich sein sollte, wären auch Untersuchungen im Ausland denkbar. Es sollten alle technischen Möglichkeiten in Betracht gezogen werden, um die Absturzursache umgehend zu klären, sagte Abedsadeh. Die Behauptung, dass die Maschine von einem iranischen Raketenabwehrsystem getroffen worden sei, bezeichnete er technisch und wissenschaftlich als absurd. Vielmehr sei er der Auffassung, dass die Amerikaner solche Gerüchte in die Welt setzten, um das bereits international angekratzte Image von Boeing nicht noch weiter zu beschädigen.

Radarsignale und Satelliten-Bilder

Mehrere US-Medien berichteten übereinstimmend, dass amerikanische Regierungsbeamte einen Abschuss für hoch wahrscheinlich hielten. Zur Begründung der Annahme, dass die Maschine abgeschossen worden sein könnte, führte der Sender CBS an, dass US-Geheimdienste Signale von einem Radar empfangen hätten, das eingeschaltet worden sei. US-Satelliten hätten außerdem den Start von zwei Boden-Luft-Raketen kurz vor der Explosion des Flugzeugs entdeckt.

Trauermarsch für Soleimani am Dienstag in dessen Heimatstadt Kerman

Trauermarsch für Soleimani am Dienstag in dessen Heimatstadt Kerman

Der Sender CNN meldete unter Berufung auf mehrere US-Behördenvertreter, man gehe zunehmend von einem versehentlichen Abschuss durch den Iran aus. Dieser "Arbeitstheorie" lägen die Analyse von Satelliten-, Radar- und anderen elektronischen Daten zugrunde, die routinemäßig vom Militär und den Geheimdiensten der USA gesammelt würden.

Das US-Außenministerium forderte eine "umfassende Zusammenarbeit" bei der Untersuchung zur Absturzursache. Die Ukraine schließt einen Raketenangriff oder einen Terroranschlag als Ursache nicht aus. Kiew schickte eigene Experten in den Iran. Präsident Wolodymyr Selenskyj dankte Trudeau auf Twitter für die Unterstützung.

US-Präsident Donald Trump heizte Mutmaßungen über die Absturzursache mit unspezifischen Äußerungen an. "Ich habe meinen Verdacht", sagte er im Weißen Haus. "Ich will das nicht sagen, weil andere Menschen auch diesen Verdacht haben. Es ist eine tragische Angelegenheit." Trump sagte weiter: "Jemand könnte einen Fehler gemacht haben." Auf die Frage, ob die Maschine aus Versehen abgeschossen worden sein könnte, sagte er allerdings: "Das weiß ich wirklich nicht."

US-Präsident Donald Trump (4. v. r.) mit Regierungsmitgliedern und Beratern im Weißen Haus

US-Präsident Donald Trump (4. v. r.) mit Regierungsmitgliedern und Beratern im Weißen Haus

Die Lage am Persischen Golf war eskaliert, nachdem die USA den iranischen Top-General Ghassem Soleimani Ende vergangener Woche in Bagdad gezielt getötet hatten. Der Iran hatte in der Nacht zum Mittwoch mit einem - angekündigten - Angriff auf zwei von den USA genutzte Militärbasen im Irak geantwortet.

Danach hatten Trump und Irans Präsident Hassan Rohani angekündigt, den Konflikt zunächst auf politischer Ebene führen zu wollen. Rohani warnte aber am Donnerstag: "Falls die Amerikaner einen weiteren Fehler begehen sollten, werden sie eine sehr gefährliche Antwort des Irans erhalten."

Neue Wirtschaftssanktionen

Trump hatte als Antwort auf den Vergeltungsschlag weitere Wirtschaftssanktionen gegen den Iran in Aussicht gestellt. Am Donnerstag sagte der US-Präsident, bestehende Sanktionen seien bereits verschärft worden, und kündigte an, dass es dazu noch eine Bekanntmachung geben werde. Er verteidigte die umstrittene Tötung des Top-Generals. "Wir haben ein totales Monster erwischt und ihn getötet und das hätte schon vor langer Zeit passieren sollen." Soleimani habe vorgehabt, die US-Botschaft in Bagdad in die Luft zu jagen. Washington hatte nach dem Drohnenangriff erklärt, der Chef der Al-Kuds-Einheiten habe Angriffe auf US-Bürger geplant. Nähere Informationen wurden dazu nicht öffentlich. Soleimani war der wichtigste Vertreter des iranischen Militärs im Ausland.

Der getötete General Ghassem Soleimani (M.) im Jahr 2016

Der getötete General Ghassem Soleimani (M.) im Jahr 2016

Nach den gezielten Militärschlägen zeichnete sich vorerst keine weitere Eskalation ab. "Wir sind bereit für ernsthafte Verhandlungen mit dem Iran ohne Vorbedingungen", schrieb die amerikanische UN-Botschafterin Kelly Craft an den UN-Sicherheitsrat. Ziel müsse sein, eine weitere Gefährdung des Friedens sowie eine weitere Eskalation durch den Iran zu verhindern. Falls die Situation in Nahost es erfordere, seien die USA vorbereitet, "zusätzliche Maßnahmen" zu ergreifen, um Amerikaner in der Region zu schützen. Für den Fall, dass die USA ihre Bürger aus dem Nahen Osten ausfliegen müssen, verlegten sie bereits Hubschrauber und Flugzeuge nach Zypern.

NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg hält die Lage weiter für unberechenbar. Stoltenberg reagierte auf Trumps Aufforderung, das Militärbündnis müsse zusätzlich zur Stabilität im Nahen Osten und dem Kampf gegen Terrorismus beitragen. Die NATO habe das Potenzial dazu, sagte Stoltenberg. "Und wir prüfen, was wir zusätzlich tun können."

NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg

NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg

Die Lage im Irak blieb angespannt: In der Nähe der von den US-Truppen genutzten Luftwaffenbasis Balad schlug am Donnerstagabend eine Rakete ein. Das meldete die irakische Nachrichtenseite Al-Sumaria unter Berufung auf irakische Sicherheitskreise. Am späten Mittwochabend waren in der hoch gesicherten Grünen Zone in Bagdad, in der sich die US-Botschaft befindet, bereits zwei Raketen des Typs Katjuscha eingeschlagen. Solche Angriffe werden oft örtlichen Milizen zugeschrieben, von denen manche auch vom Iran unterstützt werden.

Bei dem Vergeltungsschlag der Iraner in der Nacht zum Mittwoch waren nach US-Angaben elf Raketen im Luftwaffenstützpunkt Ain al-Assad westlich von Bagdad und fünf in Erbil eingeschlagen. Die Iraker sprachen von 22 Raketen. Alle gingen demnach über Standorten der von den USA angeführten internationalen Koalition zur Bekämpfung der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) nieder. Im Irak sind auf mehreren Stützpunkten rund 5000 US-Soldaten stationiert.

Frauen feiern am Mittwoch in Teheran den iranischen Vergeltungsschlag

Frauen feiern am Mittwoch in Teheran den iranischen Vergeltungsschlag

Der Iran hatte auch eine Militärbasis im Raum Erbil angegriffen. Dort sind etwa 100 deutsche Soldaten im Einsatz, die unversehrt blieben. Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer erklärte, die irakische Regierung müsse dringend über die Zukunft des internationalen Militäreinsatzes entscheiden. Deutschland sei bereit, den Einsatz fortzusetzen, sagte die CDU-Politikerin nach einer Sondersitzung des Verteidigungsausschusses des Bundestags. Die Bundeswehr ziehe allerdings etwa 26 der noch mehr als 100 Männer und Frauen aus dem Einsatz in Erbil ab, weil deren Einsatzzeit abgelaufen sei. "Alle anderen Kräfte bleiben vorerst auch in Erbil", sagte sie.

Die EU stellte klar, dass sie das internationale Atomabkommen mit dem Iran entgegen dem Willen Trumps nicht aufgeben will. Das Abkommen sei eine wichtige Errungenschaft gewesen und bleibe ein wichtiges Werkzeug für die Stabilität in der Region, teilte der Sprecher von EU-Ratschef Charles Michel nach einem Telefonat Michels mit dem iranischen Präsidenten Rohani mit. Michel habe Rohani dazu aufgerufen, unwiderrufbare Handlungen zu unterlassen. Trump hatte die an dem Abkommen beteiligten Staaten Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Russland und China am Mittwoch dazu aufgerufen, nicht länger daran festzuhalten.

stu/gri (dpa, afp, rtr)

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