Kommentar: Die vergessenen Flüchtlinge Lateinamerikas | Kommentare | DW | 25.12.2018
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Migration in Lateinamerika

Kommentar: Die vergessenen Flüchtlinge Lateinamerikas

Die größte Krise außerhalb von Kriegsgebieten spielt sich in Venezuela ab. Die Flüchtlinge aus Mittelamerika lenkten kurzfristig davon ab, aber die Welt ist kaum an der Not Lateinamerikas interessiert, meint Uta Thofern.

Mexiko, Mexicali: Migranten, Teil einer Karawane, die zu Tausenden aus Mittelamerika auf dem Weg in die Vereinigten Staaten unterwegs ist, reisen von Mexicali nach Tijuana (Reuters/K. Kyung-Hoon)

Der Marsch der Migranten durch Mexiko in Richtung USA

Ein paar Tage lang waren sie eine Weltnachricht: Die Menschen aus Honduras, die sich erst zu Hunderten, dann zu Tausenden mit anderen aus den Nachbarländern zusammen getan hatten, um sich auf den Weg in die USA zu machen, in ein besseres Leben. Als "Karawane" mit einem griffigen Schlagwort versehen, eignete sich dieser Marsch der Verzweifelten gut, um US-Präsident Donald Trump und seine Flüchtlingspolitik zu kritisieren. In Honduras selbst warf der Treck ein Schlaglicht auf die krasse soziale Ungleichheit und die Gewalt, die der konservative Präsident Juan Orlando Hernández auch nach seiner äußerst umstrittenen Wiederwahl nicht in den Griff bekommen hat. Und in den USA und anderswo auf der Welt konnte der stetig anschwellende Zug von Rechtspopulisten als fleischgewordener Albtraum von "Massen, die 'uns' überrennen" bestens für Propagandazwecke missbraucht werden.

Die "Karawane" ist kein Thema mehr

Einen G20-Gipfel später war die "Karawane" international kein Thema mehr. Die Welt hatte wieder andere Nachrichten und andere Sorgen. Um die in Mexiko verbliebenen Flüchtlinge darf sich der neue Präsident Andres Manuel López Obrador kümmern, der nach seinem Amtsantritt aber zunächst lieber für andere Schlagzeilen sorgte. Die polemische Debatte um den UN-Migrationspakt, befeuert auch durch die Bilder von der "Karawane", hat einen bleibenden Schaden hinterlassen. Und die in Mexiko gestrandeten Menschen müssen sich nicht nur mit ihren gescheiterten Träumen auseinandersetzen, sondern auch dem wachsenden Unverständnis vieler Einheimischer. Denn die Dauerpräsenz in den Medien und die permanente fürsorgliche Begleitung durch zahlreiche Hilfsorganisationen hatten bei den Flüchtlingen teilweise eine Erwartungshaltung geschürt, die die traditionelle Hilfsbereitschaft der Mexikaner überforderte.

Thofern Uta Kommentarbild App

Uta Thofern leitet die Lateinamerika-Programme der DW

Die "Karawane" ist vergessen und teilt damit das Schicksal der nach UN-Schätzungen schon 3,3 Millionen Venezolaner, die ihr Land inzwischen verlassen haben. Das ist jeder zehnte Einwohner, und der Exodus geht weiter. Aber die Flucht aus Venezuela findet stetig statt, nicht in auffälligen Menschenmassen. Und sie geht nicht in den Norden, nicht zu Donald Trump. Dabei haben die Venezolaner paradoxerweise gerade in den USA noch die meisten Chancen, Gehör zu finden, weil Donald Trump gern gegen die pseudo-sozialistische Diktatur von Nicolás Maduro polemisiert. Kritik aus den USA aber ist Kritik aus dem falschen Lager und führt dazu, dass Maduro stabilisiert wird. Nichts ist in Lateinamerika mehr verhasst als amerikanischer Interventionismus.

Hinzu kommt, dass Venezuela weltweit im linken politischen Spektrum noch immer vom romantischen Hauch der Revolution umweht ist. Da fällt es schon schwer, die Krise beim Namen und den "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" als Ursache zu nennen.

Kritik an Maduro, aber keine Liebe für seine Flüchtlinge

Auf der anderen Seite teilen die konservativen Regierungen Lateinamerikas zwar die scharfe Kritik an Maduro und seiner Politik, aber sie können und wollen die Lasten der Migration nicht mehr allein tragen. Chile hat gerade den UN-Migrationspakt nicht unterschrieben, und in Kolumbien hat der neue Präsident Iván Duque die Wahl mit der Warnung vor der "Venezolanisierung" des Landes im Falle eines Linksrucks gewonnen. All das macht die venezolanischen Flüchtlinge nicht beliebter.

Wahr ist auch, dass die Venezolaner schon lange nicht mehr vor der Diktatur fliehen. Sie fliehen vor Hunger und alltäglicher Gewalt, genau wie die Honduraner, Guatemalteken, Salvadorianer. Sie alle werden als Spielball unterschiedlicher politischer Interessen instrumentalisiert. Mit ihrem Schicksal aber werden die Menschen und die Länder, die sie aufnehmen - allen voran Kolumbien - weitgehend allein gelassen.

Die Fluchtbewegungen in Lateinamerika haben unterschiedliche Ursachen, aber einen gemeinsamen Nenner: Not und Elend - und die kennen keine Ideologie.

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