Kommentar: Deutsche Einheit - Die nächste Generation, bitte! | Kommentare | DW | 03.10.2019
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Tag der Deutschen Einheit

Kommentar: Deutsche Einheit - Die nächste Generation, bitte!

Ist die Deutsche Einheit nach bald 30 Jahren vollendet? Mitnichten, meint Kay-Alexander Scholz, denn es gibt auch ein schwieriges Erbe. Die Jugend ist gefordert, einen neuen Anlauf beim Zusammenwachsen zu nehmen.

West-Paket in die DDR Inhalt (picture-alliance/dpa/P. Roggenthin)

Der Inhalt ein klassischen "West-Pakets", wie man es aus der Bundesrepublik an Verwandte in der DDR schickte

Die deutsche Teilung ging quer durch viele Familien - Geschwister waren getrennt, Kinder hatten Tanten und Onkel im anderen Landesteil. Der Mauerbau 1961 bedeutete auch dort, im Kleinen, einschneidende Dramen. Die meisten derer, die das damals als Erwachsene erlitten, sind inzwischen verstorben oder jedenfalls sehr alt. Damit sind absehbar alle jene verschwunden, denen die "Einheit" immer ein persönliches Anliegen war. Die Teilung galt ihnen als Leid bringender Fehler, den es zu überwinden galt. Deshalb auch war die Bereitschaft bei vielen West-Deutschen hoch, den Verwandten im wirtschaftlich viel schwächeren Osten zu helfen. Sie schickten abertausende Pakete mit Kaffee, Südfrüchten, Kleidung und guter Schokolade über die innerdeutsche Grenze in die DDR.

Doch schon die Kinder dieser Generation erlebten die deutsche Teilung in den 1970er- und 1980er-Jahren als Normalfall. Denn sie wuchsen entweder in der Bundesrepublik oder in der DDR auf - und lebten damit in völlig unterschiedlichen Welten.

Der biografische Bezug zur "Teilung" wurde schwächer

Im Westen stellten die 1968er plötzlich Fragen an ihre Eltern und deren Rolle im Nationalsozialismus. Begriffe wie "Nation" und "Vaterland" galten plötzlich als überkommen und spießig - man fröhnte dem Internationalismus. Europa bot einen willkommenen Ausweg aus verdrängten nationalen Schuldfragen. Die Cousins und Cousinen im Osten in ihrem engen, grauen Diktatur-Alltag lebten ganz weit weg.

Scholz Kay-Alexander Kommentarbild App

DW-Redakteur Kay-Alexander Scholz ist in der DDR geboren und aufgewachsen

Dann kam die Revolution 1989, der Mauerfall, ein knappes Jahr später die Deutsche Einheit. Doch als der Party-Rausch vorbei war, verlor der Osten bald wieder an Bedeutung. Noch heute haben 20 Prozent der Westdeutschen noch nie den Osten besucht!

Nach der "Wende", wie die Revolution von 1989 auch genannt wurde, flossen zwar hunderte Milliarden aus dem Westen in den Aufbau des heruntergewirtschafteten östlichen Landesteils. Doch die Wende bedeutete für viele Ost-Deutsche erst einmal Arbeitslosigkeit - rund jeder Zweite verlor seinen Job. Der über sie hereinbrechende Westen, der in den West-Paketen doch immer so gut gerochen und das Paradies in Aussicht gestellt hatte, entpuppte sich als knallharte Konkurrenzgesellschaft. Das Idealbild verblasste schnell. Wer nicht mithalten konnte oder wollte, zog sich zurück und begann, sich die DDR rückblickend schön zu reden.

Das Zusammenwachsen kam ins Stocken - zu früh

Auch die Parteien verloren das Interesse am innerdeutschen Zusammenwachsen. Zwar wurden stolz volkswirtschaftliche Daten präsentiert, dass es doch aufwärts ginge, was auch stimmte. Doch an Debatten über Fehler der Wendezeit und über ihre Verlierer traute sich keiner so richtig heran. Im Westen wollten viele nicht zuhören und nannten ihre Brüder und Schwestern im Osten "Jammerossis": Sie sollten doch endlich aufhören mit den vielen negativen Geschichten. Dabei wollten Ost-Deutsche nur darüber reden, wie sie sich fühlten, als sie quasi über Nacht in einem anderen Land aufwachten mit ganz eigenen und ihnen bis dahin unbekannten Regeln und Gesetzen. Schließlich war die DDR der Bundesrepublik am 3. Oktober 1990 beigetreten, hatte sich als Staat also aufgelöst.

Beide Generationen - die Generation Mauerbau und die Generation Mauerfall - haben viel erlebt und viel erlitten. Wovon einiges noch unverarbeitet ist. Doch Unverarbeitetes - das ist die Lehre der Geschichte - verschwindet nicht einfach: Es wird weitervererbt.

Die rechtspopulistische "Alternative für Deutschland" hat dieses Prinzip erkannt und bereits für sich genutzt. "Vollende die Wende!" hat sie als zentralen Slogan bei Landtagswahlen im Osten plakatiert. Der Bezug zu 1989 glückte offensichtlich, denn die AfD erzielte Rekord-Wahlergebnisse - gerade bei Jugendlichen.

Die Weichen für das künftige Miteinander stellen

Noch ist die Einheit, die Geschichte der Wende nicht vollendet: Worüber Eltern und Großeltern nicht mehr reden können oder wollen, ist nun Aufgabe der Kinder und Enkel. Ob und wie sie dieses Erbe antreten, wird Weichen stellen für das zukünftige Miteinander zwischen Ost- und West-Deutschen. Die friedliche Revolution und die Wiedervereinigung waren und bleiben glückliche Momente der Deutschen. Diese Geschichte muss weitererzählt werden - einerseits.

Andererseits braucht es Mut und politischen Willen, über die Probleme der Wendezeit zu reden. Es wäre schade, dieses Kapitel der Geschichte denen zu überlassen, die es zuallererst für den politischen Machtkampf instrumentalisieren wollen. Ost und West sollten sich nie wieder auseinander dividieren lassen!

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