Kommentar: Der Wald, die Medien und wir | Kommentare | DW | 31.08.2019
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Waldbrände

Kommentar: Der Wald, die Medien und wir

So berechtigt es auch ist, sich über die Umweltpolitik des brasilianischen Präsidenten Bolsonaro zu empören: Wer seinen Blick auf die Brände im Amazonas verengt, verpasst das Wesentliche, meint Martin Muno.

Natürlich sind die anhaltenden Brände im Amazonas-Regenwald eine Katastrophe. Und die gestiegene Zahl der Brände ist zumindest zu einem guten Teil auf die umweltfeindliche Politik des rechtsextremen brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro zurückzuführen. Seit der im Amt ist, erfüllt er jeden Wunsch der Agrarlobby - unter anderem auch den auf eine umfassendere Nutzung des Regenwaldes. Dass dieses Jahr die Zahl der Brände gegenüber dem Vorjahr um 77 Prozent gestiegen ist, beruht zum Gutteil auf den Rodungen der zurückliegenden Zeit. Denn überwiegend brennt nicht der feuchte Regenwald, sondern trockenes Holz auf bereits gerodeten Flächen.

Und natürlich brennt auch nicht das ganze Amazonas-Gebiet, auch wenn so manche Grafik, die in Medien und sozialen Netzwerken fleißig verbreitet wird, anderes suggeriert. Und gleichzeitig gibt es an anderen Orten verheerende Waldbrände: in der Arktis, in Sibirien, in vielen Ländern Afrikas. Doch diese Feuer schaffen es kaum in die Nachrichten und damit nicht in unser Bewusstsein. Gerade in den sozialen Medien, die von Zuspitzung leben, bleibt nur der Bolsonaro-Brand im Gedächtnis haften.

Ein Finger zeigt auf Bolsonaro, zwei zeigen auf uns

Doch mit dem Finger nur auf Bolsonaro zu zeigen, ist zu billig - denn zugleich zeigen zwei Finger auf uns: Der eine zielt auf unsere Teller und Mägen. Denn der Grund für die massenhaften Abholzungen ist der wachsende Hunger der Welt nach Fleisch - möglichst zum Discounterpreis. Rindfleisch und Soja für die Viehmast sind die wichtigsten landwirtschaftlichen Exportgüter Brasiliens. Die Farmer Brasiliens bedienen nichts anderes als unsere Gier. Und jeder Hektar Agrarfläche mehr bedeutet einen Hektar weniger Regenwald - so einfach ist die Rechnung. Mit unserem massenhaften Fleischkonsum sägen wir quasi mit dem Steakmesser an dem Ast, auf dem wir sitzen.

Kommentarbild Muno Martin

DW-Redakteur Martin Muno

Der andere Finger, der auf uns zurück deutet - zumindest, wenn wir in Europa wohnen -, zeigt auf unsere Wälder: Haben wir denn schon vergessen, dass bei uns im trockenen Frühsommer die Wälder brannten? Dass viele Quadratkilometer Wald kurz vor dem Vertrocknen stehen? Es ist der zweite Dürre-Sommer in Folge, der dem europäischen Wald zusetzt. Und es sind nicht nur die intensiv bewirtschafteten Wälder, die unter steigenden Temperaturen und ausbleibenden Niederschlägen leiden, wie etwa Fichten- und Kiefernmonokulturen. Zunehmend betrifft das "neue Waldsterben" auch Mischwälder. Und abgeholzt statt aufgeforstet wird auch in Europa.

Es ist der Klimawandel...

Die Bäume zeigen uns deutlich, was wir alle spüren: Der Klimawandel verändert unsere Umwelt schon jetzt - egal, wo wir leben. Und wir stehen, wenn wir den Prognosen glauben können, erst am Anfang. Dass es die Wälder sind, die leiden, macht die Sache nicht einfacher, denn sie sind die größten Kohlendioxid-Speicher unseres Planeten. Nicht umsonst kamen zu Beginn dieses Sommers Wissenschaftler der ETH Zürich zu dem Schluss, dass durch großflächige Aufforstungen der Klimawandel effektiv bekämpft werden könne. Und nicht umsonst warnen die Forscher, dass das Sterben der großen Wälder Abermillionen Tonnen CO2 freisetzt.

Dass mit Bolsonaro ein Klimaleugner als Hauptschuldiger ausgemacht wird, ist verständlich, greift aber zu kurz. Wir alle leisten durch unsere Lebensweise unseren Beitrag. Und es liegt an uns, das kritisch zu hinterfragen. Das bringt mehr als so manch aufgeregter Facebook-Post.

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