Stirb langsam! | Deutschland | DW | 28.08.2019
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Wald

Stirb langsam!

Der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro hat Bundeskanzlerin Angela Merkel empfohlen, Deutschlands Wald wieder aufzuforsten, dies sei viel nötiger als in Brasilien. Abseits der Polemik – wäre dies überhaupt möglich?

Riesige Waldflächen, die in den letzten Jahren verschwunden sind, Schneisen, die geschlagen werden, um Straßen zu bauen, eine Agrarwirtschaft, die immer mehr Platz braucht für ihre Anbauflächen. Das Waldsterben nimmt immer dramatischere Züge an, die Schäden gehen in die Milliarden.

Es steht nicht gut um den Wald. In Deutschland.

"Wir brauchen gar nicht über Aufforstung in Deutschland zu sprechen, solange wir nicht die Abholzung im großen Stil stoppen", sagt Jana Ballenthien, Fachreferentin Wald von der Nichtregierungsorganisation Robin Wood. "Die Wirtschaftsinteressen der Industrie, aber auch der Verkehr gehen hierzulande immer noch vor Ökologie."

Umweltschützer sprechen vom Waldsterben 2.0

Der deutsche Wald, der nach Angaben der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald in einem Jahr 120.000 Hektar und damit eine Fläche des Bundeslandes Berlin verloren hat, ist wieder Thema. Dies wahrscheinlich nur, weil die Welt gerade gebannt die Brände im Amazonasgebiet mit den verheerenden Folgen für das Weltklima verfolgt. Deutschland hat deswegen die Fördermittel für Umwelt- und Klimaschutzprojekte in Brasilien eingefroren.

Der brasilianische Präsident Bolsonaro konterte, Kanzlerin Angela Merkel solle die Hilfsgelder lieber für die Aufforstung der Wälder in Deutschland verwenden. "Wenn man Wälder wie hier in Deutschland, mit vielen Baumarten, vielen Altersklassen und einem funktionierenden ökologischen System ideal aufforsten will, braucht man mindestens 150 Jahre", erklärt jedoch Ballenthien.

Jana Ballenthien (Privat)

"In Deutschland sind die Wälder in den letzten Jahrzehnten heruntergewirtschaftet worden", sagt Jana Ballenthien

An diesem Donnerstag spricht Agrarministerin Julia Klöckner mit Waldbesitzern, Förstern und Umweltschützern über den Wald und den Klimawandel. Auch die CDU-Ministerin hat verstanden, dass der Kampf gegen das Waldsterben 2.0 - nach dem "sauren Regen" in den 1980er-Jahren - viel Geld verschlingen wird. 1,5 Milliarden Euro sind nach Klöckners Einschätzung in den nächsten Jahren notwendig, um die schwer geschädigten Wälder zu retten. Eine massive Aufforstung wäre noch ungleich teurer.

Trockenheit sorgt für dramatische Entwicklung

Sind es im Amazonasgebiet jetzt die Brände, setzen den Bäumen hierzulande der Klimawandel mit der Trockenheit und der Borkenkäfer zu. "Bei ausreichenden Niederschlägen sind die Bäume eigentlich vital genug, um die Angriffe von Borkenkäfern abzuwehren, weil sie Harz als Abwehrmechanismus produzieren," sagt Ulrich Dohle, Bundesvorsitzender vom Bund Deutscher Forstleute. "Wenn sie jedoch zu wenig Wasser haben, können sie nicht ausreichend Harz produzieren und die Borkenkäfer haben leichtes Spiel."

BdT mit Deutschlanbezug 16.08.2018 - Borkenkäfer (picture alliance/dpa)

Feindbild Borkenkäfer: bis zu 10.000 von ihnen können sich auf einer Fichte breitmachen

Wegen des Klimawandels können die Bäume hierzulande auch den Stürmen nicht mehr trotzen. "Schon bei Windstärken wie 7 und 8 knicken sie einfach um, weil sich durch die Trockenheit die Verwurzelung der Bäume zurückbildet," beobachtet Dohle. Wenn der Förster durch sein Revier in Mecklenburg-Vorpommern schlendert, sieht er eine dramatische Entwicklung: "Kleine Seen und Bäche sind einfach ausgetrocknet. Wir haben 2018 nur die Hälfte an Niederschlägen gehabt. Das habe ich so seit 20 Jahren noch nie erlebt."

Zu viele Monokulturen, zu wenige Förster

Um den deutschen Wald zu retten, ist eine große Kraftanstrengung notwendig. Heißt auch: Die Monokulturen, die ein Viertel des deutschen Waldes ausmachen und, wie die Fichte, dem Klimawandel nicht standhalten, müssen schnell in stabile Mischformen umgewandelt werden, vor allem mit Kiefern und Eichen. Doch Ulrich Dohle geht das alles viel zu langsam: "Wenn wir mit der bisherigen Geschwindigkeit weitermachen, Wälder umzuwandeln, dann sind wir in 120 Jahren damit fertig. Der Klimawandel lässt uns aber nicht diese Zeit."

Ulrich Dohle (privat)

"Der Umbau zum stabilen Mischwald lief früher zu langsam und läuft jetzt zu langsam", meint Ulrich Dohle

Hinzu kommt, dass es zu Umwandlungen und Aufforstungen Personal braucht. Mehr Förster müssten eingestellt werden. Doch die Realität in Deutschland ist eine andere. Dohle ist fassungslos: "In den letzten 25 Jahren ist die Hälfte an Forstpersonal abgebaut werden. Das geht dann soweit, dass in Sachsen und Thüringen darüber nachgedacht wird, die Bundeswehr einzusetzen, um die Borkenkäfer zu bekämpfen."

Kein Platz für Aufforstung in Deutschland

Eine Studie der ETH-Universität in Zürich sorgte vor wenigen Wochen für Aufsehen, wonach Aufforstung das effektivste Mittel gegen den Klimawandel sei. Die neuen Wälder könnten 200 Milliarden Tonnen Kohlenstoff speichern. Man müsse einfach nur weltweit eine Landfläche mit der Größe der USA neu mit Bäumen bepflanzen.

Video ansehen 01:56

Bäume pflanzen gegen den Klimawandel?

Doch Jana Ballenthien fragt sich, wo in einem so auf die Agrarwirtschaft fokussierten und dicht besiedelten Land wie Deutschland Platz für die Bäume sein soll. "Wir haben hier viele Industrieanlagen, viele Straßen und die Agrarindustrie. Die Brachflächen, die für eine Aufforstung von null infrage kämen, gibt es einfach nicht."

Der Traum von einer weltweiten Aufforstung der Wälder wird endgültig zur Utopie, wenn Länder wie die USA jetzt die Regenwälder Alaskas zur Abholzung freigeben wollen. Und er ist auch unmöglich, solange die Verbraucher weltweit nicht endlich umdenken und zum Beispiel ihren Fleischkonsum einschränken. "Fleisch ist ein doppelter Waldkiller", mahnt die Naturschützerin Ballenthien. "Zum einen wird der Regenwald im Amazonas abgeholzt, um dort Sojaplantagen hinzustellen. Und dann haben wir die Tierproduktion in Deutschland. Und zu viel Stickstoff hier schädigt unsere Wälder."

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