Kommentar: 75 Jahre nach Auschwitz - Was Deutschland jetzt tun muss | Kommentare | DW | 27.01.2020
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Antisemitismus

Kommentar: 75 Jahre nach Auschwitz - Was Deutschland jetzt tun muss

Es reicht nicht aus, am Holocaust-Gedenktag die Erinnerung wach zu halten. Gerade Deutschland muss im Kampf gegenüber Judenhass konkrete Maßnahmen ergreifen - und zwar sofort, fordert DW-Chefredakteurin Ines Pohl.

Jahrzehntelang dominierte in meiner Heimat die Scham. Darüber, was die Eltern und Großeltern getan haben und Deutschland für immer zu verantworten hat. Über sechs Millionen Menschen wurden in Auschwitz und vielen anderen Orten ermordet. In einer geradezu industriellen Tötungsmaschinerie, die es bis dahin nicht gegeben hatte. Und welche die Vorstellungskraft bis heute übersteigt.

Dieses Gefühl der Scham war der geistige Kern der Reden, die Politiker und Intellektuelle bei zahllosen Gedenkveranstaltungen vor allem zu den großen runden Jahrestagen hielten. Auch ich selbst, meine Kommilitonen und Kommilitoninnen an der Universität, später die Kollegen in den Redaktionen waren davon getragen: Ich schäme mich dafür, was mein Land getan hat.

Schüsse auf Synagoge

In diesem Jahr geht es mir anders. Vielleicht, weil wohl zum letzten Male bei einem runden Jahrestag Zeitzeugen dabei sind und die Gedenkveranstaltungen prägen. Aber vor allem, weil in meinem Land Jüdinnen und Juden wieder in Gefahr sind. Weil am höchsten jüdischen Feiertag eine vollbesetzte Synagoge mit Schnellfeuerwaffen angegriffen wird. Weil Judenwitze wieder normal sind, und "Du Jude" in Deutschland wieder ein Schimpfwort ist. Schämen reicht nicht, wenn an dem Wochenende, an dem die Welt der Opfer des Holocaust gedenken, Berichte bekannt werden, dass es immer mehr Nazis in der deutschen Bundeswehr gibt. Heute. Jetzt.

Ines Pohl Kommentarbild App (DW/P. Böll)

DW-Chefredakteurin Ines Pohl

In diesem Jahr wird meine Scham dominiert von der Wut, dass all das wieder passiert in meiner Heimat. Wut darüber, dass all das in Deutschland nicht verhindert wird. Reden sind natürlich wichtig - so auch die hervorragende Rede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vergangene Woche in Yad Vashem. Große Gesten haben die Erinnerungskultur dieses Landes geprägt - beginnend mit dem Kniefall von Willy Brandt 1970 in Warschau.

Aber das alleine reicht nicht mehr. Wenn Deutschland weiter der Verantwortung gerecht werden will, die das Land durch dieses Menschheitsverbrechen auf sich geladen hat, muss mehr Konkretes passieren. Müssen Politiker Antworten finden auf die Frage, was geschehen muss, damit in Deutschland Synagogen nicht mehr bewacht werden müssen. Eltern müssen Antworten finden, wie wir endlich Judenwitze von den Schulhöfen bekommen. Und was leistet eigentlich unser Schulsystem, wenn jeder vierte Zehntklässler mit dem Begriff Auschwitz nichts anfangen kann?

Das Gedenken aus der Eliten-Ecke herausholen

Wir alle - die Zivilgesellschaft wie Politiker und Intellektuelle - müssen das Holocaust-Gedenken aus der Eliten-Ecke herausholen. Vor allem an Schulen muss viel mehr passieren. Denn Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit dürfen keinen Platz haben in unserer Gesellschaft. Ein klares "Nie Wieder" kann nur mit einer Null-Toleranz-Politik einhergehen.

Es fällt schwerer zu hassen, was man kennt. Auch an diese Erkenntnis kann Deutschland anknüpfen: Was wissen wir eigentlich über den jüdischen Glauben, jüdisches Leben oder die Geschichte der Juden in Europa? Warum gibt es keinen groß angelegten Schüleraustausch mit Israel?

Bald wird es keine Zeitzeugen mehr geben. Und die Täter von einst sind noch eine Generation weiter von jenen entfernt, die Deutschland heute maßgeblich prägen. Deshalb ist keine Zeit zu verlieren - die Bundesregierung muss jetzt handeln. Und daran muss sie gemessen werden.

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