COP26: Zu wenige Vertreter aus Entwicklungsländern in Glasgow | Wissen & Umwelt | DW | 03.11.2021
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Klimaschutz

COP26: Zu wenige Vertreter aus Entwicklungsländern in Glasgow

Vertreter der Länder, die am meisten unter Klimafolgen leiden, sind bei der COP26 unterrepräsentiert. Dabei gilt sie als "beste letzte Chance", den Klimawandel noch zu bremsen. Was heißt das für die Verhandlungen?

Protestierende in Weltklimagipfel COP26 in Glasgow

Junge Klimaaktivisten, indigene Völker und Eltern fordern führende Politiker auf, den "den Verrat am Klima zu beenden"

Auf der Klimakonferenz in Glasgow entscheiden Staatschefs darüber, ob und wie der Klimawandel rechtzeitig gebremst wird. Bereits im Vorfeld ist dabei jedoch schon einiges schiefgegangen. Für Repräsentanten der Länder des globalen Südens war es schwierig, überhaupt anzureisen, kritisieren Delegierte und Beobachter aus ärmeren Ländern.

Mit 40.000 Teilnehmern ist die diesjährige COP26 fast doppelt so groß im Vergleich zur letzten Klimakonferenz 2019, wie die Organisatoren am Dienstag mitteilten.

Coronabedingte Reisebeschränkungen, Änderungen der Quarantäne-Bedingungen in letzter Minute und hohe Kosten für Flüge und Hotels zwangen viele Delegierte dazu, nur per Videokonferenz teilzunehmen, statt an einem Tisch mit den Vertretern der Welt zu sitzen.

Umweltaktivisten, die sich für benachteiligte Menschen auf der ganzen Welt einsetzen, sagen, sie seien wegen der strengen Auflagen für die maximale Teilnehmerzahl in Tagungsräumen von Sitzungen ausgeschlossen worden.

Das Gipfeltreffen, das als "beste letzte Chance" zur Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius im Vergleich zur vorindustriellen Zeit gesehen wird, bietet Staats- und Regierungschefs die Möglichkeit, konkrete Ziele zu vereinbaren, wie zunehmende Wetterextreme in Zukunft abgewendet werden können.

Was zähle, sei die gemeinsame Stimme derer, die dringend Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels bräuchten, so Tasneem Essop, Internationale Direktorin des Climate Action Network, einer Dachorganisation von 1500 zivilgesellschaftlichen Gruppen. "Leider ist sie jetzt schon geschwächt.”

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Standpunkte nicht berücksichtigt

Noch im Mai hieß es vom Gastgeber der Konferenz, der britischen Regierung,  die COP26 solle "die inklusivste aller COPs" sein, und man bot allen Delegierten, Beobachtern und Medienvertretern Impfungen an. Für viele Teilnehmerseite waren allerdings sowohl Impfungen wie auch Visa schwer zu bekommen. 

Besonders frustrierend sei gewesen, dass die britische Regierung viele ärmere Länder und Schwellenländer erst zwei Wochen vor Beginn der Konferenz von der roten Liste für Corona-Risikoländer strich. Reisende aus diesen Ländern hätten zwar theoretisch ohne die zehn Tage Quarantäne anreisen können. Doch für viele kam dieser Schritt zu kurzfristig, und so blieb einer Reihe von Delegierten nichts anderes übrig, als von zu Hause teilzunehmen. Andere, die noch Last-Minute-Flüge buchen konnten, bekamen nur noch Hotels im 75 km entfernten Edinburgh. 

"Wenn man nicht vertreten ist, werden deine Standpunkte nicht berücksichtigt”, sagt Colin Young, Direktor von Caribbean Community Climate Change Centre (CARICOM), einer Gruppe von 15 Ländern in der Karibik. Einige davon waren bis vor kurzem auf der roten Liste. "Unsere Delegation ist immer klein, weil wir immer Probleme mit der Finanzierung haben. Wenn das dann noch weiter reduziert wird, dann haben wir wirklich ein Problem mit unserer Interessenvertretung, das macht uns Sorgen.”

Zu wenig Stühle am Tisch

Im Kern geht um die Frage der Fairness. Länder des globalen Südens, die am wenigsten zum Klimawandel beigetragen haben, aber die Hauptlast der Schäden tragen, fordern auf dem Gipfel vor allem zwei Dinge. 

Zum einen sollen reiche Länder endlich das gebrochene Versprechen von der Klimakonferenz 2009 einlösen. Es sah vor, ärmere Länder bis 2020 mit 100 Milliarden US-Dollar (86 Mrd. Euro) jährlich zu unterstützen, um die ökologische Transformation ihrer Wirtschaft voranzutreiben und sich an den Klimawandel anzupassen. Die zweite Forderung: Die Anerkennung, dass arme Länder zu den Hauptverlierern des Klimawandels gehören und durch immer extremere Wetterphänomene wie tropische Stürme oder Waldbrände stark geschädigt werden.

Menschenschlange vor der Konferenz

Lange Schlange vor der COP. Rund 40.000 Teilnehmer sind registriert, aber viele aus dem globalen Süden haben es nicht geschafft

"Das war ein Problem, das die reicheren Länder überhaupt nicht ansprechen wollten”, so Essop vom Climate Action Network. Die Stimmen der ärmeren Länder seien "entscheidend", um sicherzustellen, dass die reichen Länder für Verluste und Schäden aufkommen.

"Wenn die Industrieländer es ernst meinen, müssen sie ihre Führungsrolle unter Beweis stellen", sagte Halima Bawa-Bwari, Umweltwissenschaftlerin vom Department of Climate Change in Nigeria. Sie fügt hinzu, dass viele Mitglieder der nigerianischen Delegation den Sitzungen fernblieben, weil sie von außerhalb der Stadt anreisen.

Größere Delegationen 

Das UN-Klimasekretariat (UNFCCC), das die Klimaverhandlungen organisiert, hat auf Anfrage der DW eine Liste der registrierten Teilnehmer veröffentlicht. Daraus geht hervor, dass im Vergleich zum Vorjahr rund 150 Länder ihre Delegation vergrößert haben, sechs blieben gleich und 33 meldeten kleinere Delegationen an.  

Unklar ist allerdings, wie viele der rund 22.000 registrierten Delegierten, 14.000 Beobachter und 4000 Journalisten tatsächlich nach Glasgow kommen. Aus den Unterlagen geht nicht hervor, welche Teilnehmer nur virtuell teilnehmen. Bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung hatte das UN-Klimasekretariat nicht auf ein Ersuchen um Stellungnahme reagiert.

"Wenn die Konferenz virtuell stattfindet, kann Afrika nicht teilnehmen", sagte Mamoudou Ouedraogo von der zivilgesellschaftlichen Organisation Association for Education and Environment in Burkina Faso. Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen ist er in Glasgow dabei. Viele virtuelle Teilnehmer aber  haben beispielsweise mit schlechten Internetverbindungen zu kämpfen. "Das Internet fällt manchmal zwei, drei Tage aus", so Ouedraogo.

Bianca Coutinho, von ICLEI, einer Organisation, die Gemeinden und Städte weltweit vertritt, sagt, man sei gezwungen gewesen, Bürgermeister aus Städten des globalen Südens zu bitten, für andere zu sprechen, die nicht selber teilnehmen könnten. Es wurden auch hybride Sitzungen abgehalten, bei denen einige Teilnehmer virtuell und andere persönlich teilnehmen. "Glücklicherweise funktionieren die hybriden Veranstaltungen", sagt sie. 

Ist Klimagerechtigkeit eine Illusion?

Gehör für Zivilgesellschaft 

Auch auf der Konferenz selbst fällt es Teilnehmenden schwer, in als "offen" bezeichnete Sitzungen zu kommen. Denn damit der 1,5 Meter Corona-Abstand eingehalten werden kann, brauchen Teilnehmer für viele Sitzungen Eintrittskarten. Umweltverbände bekämen jedoch für Dutzende von Veranstaltungen nur sehr wenige Tickets, kritisieren NGO-Vertreter.

"Es gibt nicht genug Platz am Veranstaltungsort, um alle akkreditierten Teilnehmer unterzubringen", sagt Nathan Thanki von der weltweiten Kampagne für Klimagerechtigkeit.

Das Gesamtergebnis, so beklagen die Teilnehmer, sei ein Klimagipfel, bei dem die vom Klimawandel am stärksten betroffenen Länder und Menschen sich kein Gehör verschaffen können.

 "Für die Zivilgesellschaft, soziale Bewegungen und Regierungen war es eine unglaubliche Herausforderung, alle Hürden zu überwinden, um hier in Großbritannien anzukommen", so Thanki. "Im Vergleich zu früheren Jahren ist diese COP eine der weißesten".