Kahane: ″Offener Antisemitismus der DDR″ | Deutschland | DW | 12.05.2015
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Deutschland

Kahane: "Offener Antisemitismus der DDR"

Vor 50 Jahren hat die BRD diplomatische Beziehungen zu Israel aufgenommen. Die damalige DDR lehnte Israel und jede Verantwortung aufgrund des Holocausts dagegen ab. Anetta Kahane erinnert sich an ihre Zeit in der DDR.

Ausstellung zu Antisemitismus in der DDR (Foto: DW/Graupner)

"Das hat's bei uns nicht gegeben!" - Ausstellung zu Antisemitismus in der DDR

DW: Sie kommen aus einer jüdischen Familie und sind in der DDR aufgewachsen. Es gab im Vergleich zu Westdeutschland eine relativ große Anzahl an Juden, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Ostdeutschland zurückkehrten. Woran lag das?

Anetta Kahane: Der Grund war, dass die meisten deutschen jüdischen Rückkehrer Kommunisten oder Sozialisten waren und deswegen in Deutschland unbedingt einen zweiten Versuch machen wollten. Ihre Idee war: "Wir bauen hier den Sozialismus auf. Die Leute können sich ja ändern und überhaupt: Es ist alles eher eine Frage des Klassenkampfes und der Wirtschaft als der Gesinnung." Mit dieser Haltung sind sehr viele kommunistische Juden nach Ostdeutschland zurückgekehrt.

Im Westen war es eher so, dass die deutschen Juden nicht nach Deutschland zurückgekehrt sind. Die hatten die Nase voll, die wollten mit Deutschland nichts zu tun haben bis auf ganz wenige Ausnahmen. Um zurückzukommen, brauchte es schon ein starkes Motiv.

Das hatten die Kommunisten und so auch meine Eltern, die beide im Widerstand in Frankreich gekämpft hatten. Als der Sommer 1945 kam und Berlin befreit wurde, hat mein Vater beschlossen, dass er in die sowjetische Besatzungszone geht und den Genossen hilft. Und so kam es, dass meine Familie dann in der DDR gelebt hat.

Wie sah es in der DDR mit Antisemitismus aus?

Natürlich gab es den, sogar sehr stark. Die Ostdeutschen waren ja nicht 1945 aufgewacht mit dem Wunsch, ein sozialistisches Land aufzubauen. Das war ja keine Wunderheilung, die plötzlich den Antisemitismus aus den Menschen weggezaubert hätte. Zumal sich auch die Deutschen in der DDR genauso schuldig gemacht hatten wie die Deutschen in Westdeutschland. Da gab es gar keinen Unterschied.

Staatlicher Antifaschismus

Nur dass eben in der DDR die Staatsführung beschlossen hatte, dass der Staat an sich antifaschistisch war und deswegen könnte es gar keinen Antisemitismus geben. Nach dem Motto: "Wenn der Kapitalismus abgeschafft ist, der ja die Ursache für alle Misere ist, dann gibt es auch keinen Antisemitismus mehr." Das haben die Leute natürlich dankbar angenommen als eine Art Entschuldung.

Das hieß nicht, dass es keine Ausbrüche, keine Friedhofsschändungen, keine Übergriffe, keine entsprechenden Äußerungen gegeben hätte. Ich bin als Kind und Jugendliche auch mit sowas konfrontiert worden. Und nicht zuletzt gab es diese enorme Israel-Feindschaft, die ja Staatsdoktrin war und hinter der sich der Antisemitismus gar nicht zu verstecken brauchte.

Anetta Kahane, Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung (Foto: Imago)

Anetta Kahane, Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung

Wie haben Sie die politische Beziehung zwischen der DDR und Israel wahrgenommen?

Die gab es nicht. Die einzige Beziehung, die es zu Israel gab, war eine der strikten Ablehnung, des Hasses. Das war geradezu bizarr, wie das in der DDR gehandhabt wurde. Wir haben mit der Amadeu-Antonio-Stiftung mal eine Ausstellung gemacht, "Antisemitismus in der DDR", und haben da wir herausgefunden, dass in der DDR auch Terroristen untergebracht wurden. Die sind unterstützt worden von der Staatsführung und sind trainiert und ausgebildet worden. Das ist ungeheuerlich.

So war die Beziehung, die man zu Israel hatte. Man hat sich gemein gemacht mit den Leuten, die Israel zerstören wollten. Es war auch während des Sechstagekrieges oder des Jom-Kippur-Krieges klar, auf wessen Seite man in der DDR war und wie sehr man es bedauert hat, dass Israel nicht von der Landkarte gewischt wurde.

Wann begann sich das zu ändern?

Das war Anfang, Mitte der achtziger Jahre, als die DDR in einem sehr maroden wirtschaftlichen Zustand war. Erich Honecker wollte bessere Bedingungen für den Handel mit den USA haben und irgendjemand hat ihm ins Ohr geflüstert: "USA, weißt ja, das wird von den Juden beherrscht, deswegen musst du dich gutstellen mit Israel und mit den Juden in der DDR und in den USA auch. Über die Juden kriegst du das Geld."

Wandel für Handel

Dann gingen plötzlich Sachen, die vorher nie gingen. Den jüdischen Gemeinden wurden bestimmte Grundstücke wieder zur Verfügung gestellt, die man ihnen einfach weggenommen hatte. Plötzlich wurden Friedhöfe geharkt. Und man fing an, gegenüber Israel freundlichere Töne anzuschlagen. Und das alles, um die Handelsbedingungen mit den USA zu verbessern. Das hat zwar am Ende nicht funktioniert, aber das war der Grund.

Hat sich ihre Familie auf Grund des Antisemitismus je die Frage gestellt, in den Westen zu gehen? Westdeutschland hatte 1965 ja offizielle diplomatische Beziehungen mit Israel aufgenommen.

Für meine Familie stellte sich die Alternative zwischen Ost- und Westdeutschland nie. Für uns gab es nur die Frage: Deutschland oder nicht Deutschland. Mein Vater hätte ums Verrecken nicht in den Westen gewollt, wo so ziemlich jeder Beamte im höheren Dienst ein ehemaliger Nazi war. Das hat ihn vollkommen abgeschreckt, das wollte er auf keinen Fall. Er war Berichterstatter in den Nürnberger Prozessen (gegen NS-Verbrecher, Anm. d Red.) und war später beim Eichmannprozess in Jerusalem. Er hatte einfach von diesen "westdeutschen Nachkriegsbraunen" die Nase voll. Dazu war er viel zu sehr Antifaschist, wenn man so will. Es stand für meine Familie nie zur Debatte zu gehen - die waren Intellektuelle und hatten es sich in der DDR schön eingerichtet. Aber wenn, dann wären sie garantiert nicht nach Westdeutschland gegangen.

Anetta Kahane ist Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung, die sich für eine Zivilgesellschaft ohne Rassismus und Antisemitismus einsetzt. Sie wurde in der DDR als Tochter jüdischer Kommunisten geboren und arbeitete dort bis zum Mauerfall als Übersetzerin.

Das Interview führte Carla Bleiker.

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