Jubel und Frust nach knappem Sieg für AKK | Deutschland | DW | 07.12.2018
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Entscheidung um CDU-Vorsitz

Jubel und Frust nach knappem Sieg für AKK

Der Machtwechsel bei der CDU - ein historischer Parteitag mit bewegenden Momenten. Annegret Kramp-Karrenbauer folgt auf Angela Merkel als CDU-Chefin. Freude hier - Enttäuschung da. In der Partei wird es spannend.

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Triumph für AKK - Kramp-Karrenbauer ist CDU-Vorsitzende

Da steht sie auf der Bühne und wirft Kusshände in den Saal. Momente zuvor fiel Annegret Kramp-Karrenbauer ihrem Mann um den Hals. Am Ende eines Weges, der vor 37 Tagen begann. Mit der Ankündigung von Angela Merkel, sich nach 18 Jahren vom Vorsitz der CDU zurückzuziehen. Sie ist nun Parteivorsitzende. Die 55-jährige Saarländerin, bewährt in ganz unterschiedlichen politischen Ämtern, erklimmt die oberste Karrierestufe in der CDU. An einem für die Christlich-Demokratische Union historischen, für ihre Zukunft prägenden Tag. 

Kramp-Karrenbauer setzt sich in der Stichwahl knapp gegen Friedrich Merz durch. Es ist eine Richtungswahl - AKK (wie sie sich auf Twitter selbst nennt) steht für eine starke Volkspartei der Mitte, Merz wollte eine deutliche Neuausrichtung - hin zu mehr Engagement Deutschlands in Europa und der Welt, weg von mehreren Grundpositionen der Angela-Merkel-CDU, in denen er die "Übernahme von Wünschen der Sozialdemokraten" sah.

Nie in den vergangenen Jahrzehnten war eine Konkurrenz spannender. Die Halle überfüllt, auch aufgeheizt, neben 1001 Delegierten mehr als 1600 Journalisten aus dem In- und Ausland. Volker Bouffier, einer der Stellvertreter der Vorsitzenden, spricht später auf der Bühne von "einer großen Stunde der CDU Deutschlands". Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier twittert: "Gewonnen haben wir heute alle." Jeder der Kandidaten, die Partei.

Deutschland CDU-Parteitag in Hamburg (Reuters/F. Bensch)

Stimmung in der Bude: So viel innerparteiliche Demokratie war nie

Draußen vor der Tür

Die Stimmung im Saal ist das eine. Aber vor den Türen sieht es anders aus. "Ich hatte vorsichtshalber für heute Abend einen Flug gebucht. Die Option ziehe ich jetzt", sagt einer zu seinen Begleitern. Ein anderer meint, nun werde alles so weitergehen wie bisher. Dabei stehe in den ostdeutschen Bundesländern Brandenburg, Sachsen und Thüringen 2019 eine "entscheidende Schlacht" an - die Landtagswahlen werden für die etablierten Parteien zu einer Bewährungsprobe.

Draußen im Nieselregen steht Paul Ziemiak, Chef der Jungen Union, und - ein seltenes Bild - raucht. Die meisten derer, die auf Merz gesetzt hatten, sind von seiner Rede enttäuscht. Irritiert, wie schwer er trotz seiner rhetorischen Begabung in die Gänge kam, kaum Anschluss an die Halle fand. Dabei nutzte er, meint einer, 29 Minuten, weit mehr als beide Mitbewerber.

Deutschland CDU-Parteitag in Hamburg Kramp-Karrenbauer mit Ehemann (Imago/Becker/Bredel)

Der Mann an ihrer Seite: Helmut Karrenbauer

Da ist spürbar: Dieser Parteitags-Tag ist mit beeindruckenden Reden und stundenlanger Hochspannung ein Fest des demokratischen Wettkampfs in der CDU, die eigentlich eher behäbige Parteitage pflegt und halbwegs wichtige Personalentscheidungen in Hinterzimmern vorabklärt. Aber 517 gegen 482 Stimmen - das ist für die Wahl zur CDU-Vorsitzenden ein knapper, ein hauchdünner Sieg. 51,7 Prozent gibt es für Kramp-Karrenbauer. Und schnell sagen viele in den Gängen: Nein, das ist keine Spaltung, von Spaltung könne keine Rede sein. Es klingt wie ein Pfeifen im Walde. Denn knapper geht es kaum.

Wer wird Generalsekretär?

Sie selbst setzt bald nach den ersten Dankesworten zwei Signale. Entgegen ihrer Ankündigung noch vor wenigen Tagen, gleich nach der Wahl einen Kandidaten für das Amt des Generalsekretärs vorzuschlagen, vertagt sie das - vermutlich auf Samstag. Sie wird die unterlegene Parteitags-Hälfte, zu der im Grunde die komplette Junge Union zählt, einbinden müssen. Und dann bittet sie die beiden unterlegenen Gegenkandidaten, sich weiter an führender Stelle in der CDU zu engagieren und gleich im Anschluss für das Parteipräsidium zu kandidieren. Spahn, dort auch bislang schon dabei, macht mit. Aber der 63-Jährige Merz, der die Größe dieser Stunde beschwört und von Herzen Kramp-Karrenbauer gratuliert, beantwortet die Frage nicht. Und ruft stattdessen seine Anhänger zur Unterstützung von Jens Spahn auf. Was aus ihm werden wird, ob und wie er in der Partei engagiert bleibt, ist in diesen Stunden offen.   

Deutschland CDU-Parteitag in Hamburg Friedrich Merz (picture-alliance/AP Photo/M. Schreiber)

Unklar, welche Rolle er in Zukunft spielen wird: Friedrich Merz

Der Spannung des frühen Abends gingen über Mittag große Reden voraus, die dem historischen Einschnitt dieses Tages angemessen waren. Kanzlerin Angela Merkel, die über achtzehneinhalb Jahre der Partei vorstand, kam zur Eröffnung des Parteitags ans Rednerpult - und stand dann noch vor jedem Wort angesichts minutenlangen Beifalls schweigend da. Später schreibt sie ihrer Partei Mahnungen ins Stammbuch: Dass konservativ nicht von Konserve kommt, "sondern davon, zu bewahren, was uns stark macht, und zu verändern, was uns hindert", zum Beispiel. Wie dramatisch die heutige Weltlage sei.

Merkel: "Es war mir eine Ehre"

Merkel äußert sich auch selbstkritisch und räumt ein, dass sie der Partei manches zugemutet habe. Zwei Mal spricht sie die CDU-Spendenaffäre an und erinnert so an die heikle Rolle von (Merz-Unterstützer) Wolfgang Schäuble. Einmal nennt sie Helmut Kohl und seinen Beitrag für die Einheit Deutschlands. Und sie erwähnt, wie wichtig der CDU-Sieg bei der Landtagswahl im März 2017 mit über 40 Prozent für den späteren Erfolg der Union bei der Bundestagswahl im September 2017 gewesen sei. Im Saarland - das sagt sie nicht ausdrücklich - siegte Annegret Kramp-Karrenbauer. "Es war mir eine große Ehre, es war mir eine Freude", sagt sie zum Schluss. Und dann neuneinhalb Minuten dankbarer Beifall, keine Euphorie, kein Jubel. "Danke, Chefin", steht auf orangefarbenen Pappschildern der Frauen-Union. Und einige derer, die sie hochhielten, haben feuchte Augen.

Deutschland CDU-Parteitag in Hamburg Merkel (Reuters/K. Pfaffenbach)

Tritt nur als CDU-Chefin, nicht als Kanzlerin ab: Angela Merkel

Dem folgen drei große Reden der drei Kandidaten. In alphabetischer Reihenfolge Kramp-Karrenbauer, Merz (63), dann Jens Spahn (38). Die bisherige Generalsekretärin ist mit den ersten Worten im Wahlkampfmodus, die Stimmung springt über. Kramp-Karrenbauer betont die Grundwerte der Partei, das christliche Fundament. Und sie wirbt für eine offene Gesellschaft. Merz bleibt hinter seinem bewährten Profil zurück und spricht von "Aufbruch und Erneuerung", während er weder das eine noch das andere ausstrahlt. Dann Jens Spahn, der hier viele Sympathien gewinnt mit seiner Art, persönlich zu werden, seine politische Ungeduld anzusprechen, für die er in der Partei respektiert, aber auch berüchtigt ist, auf eine Verjüngung zu drängen. Die Partei, sagt er, habe mehr Mitglieder über 75 Jahre als unter 40. Ein drastischer Hinweis. Und er, sagt er, gelte als "blutjung", wenn er mit 38 Jahren Vorsitzender der CDU werden wolle. Allein das zeige schon das Problem der CDU.

Spahn spricht immer wieder von "Deutschland 2040", was er sich dann erhoffe für dieses Land. Er ist der kommende Mann dieser Partei, dem stimmen viele zu. Aber nun wählen sie ihn noch nicht. Mit 157 Stimmen scheidet er im ersten Wahlgang aus. Dann folgt das Stechen. "Herzschlagfinale", sagt Kramp-Karrenbauer später. Da ist sie im Ziel.

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