Schadet unser Weihnachtsessen dem Klima? | Wissen & Umwelt | DW | 24.12.2020
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Wissen & Umwelt

Schadet unser Weihnachtsessen dem Klima?

Fisch in Skandinavien oder Russland, Truthahn in den USA, die Weihnachtsgans in Deutschland - wo Weihnachten gefeiert wird, wird gut gegessen. Gutes Essen, schlechte Klimabilanz? Das muss nicht sein - trotz Truthahn.

Weihnachtstafel mit Weihnachtsgans und Kuchen

Wie viel ist zu viel des Guten auf der Weihnachtstafel?

In Ländern christlicher Prägung steht die Weihnachtszeit meist für Gemütlichkeit und Schlemmerei. Schon in der Adventszeit locken vielerorts Plätzchen und andere Süßigkeiten. Und an Weihnachten selbst soll es dann etwas ganz besonderes sein.

Aber welche Klimabilanz hat unser Weihnachtsessen? Gibt es Unterschiede zwischen den Weihnachtsmenüs verschiedener Regionen in Sachen CO2-Abdruck? Also dem, was bei der Herstellung von Lebensmitteln insgesamt an Kohlendioxid und anderen klimaschädlichen Gasen anfällt?

Ifeu-Studie zum den deutschen "Food-Print"

In einer Studie hat das Institut für Energie und Umweltforschung Heidelberg (ifeu) dieses Jahr eine Studie herausgegeben, die für insgesamt 188 Lebensmittel errechnet, welchen CO2-Fußabdruck sie pro Kilo hinterlassen haben, bis sie an der Supermarktkasse in Deutschland übers Band laufen. Nicht mit einberechnet ist der Transport der Lebensmittel nach Hause sowie die Zubereitung dort.

Eine Gänsekeule, Rotkohl und Klöße auf einem Teller vor einem Weihnachtsbaum

Kommt in vielen deutschen Familien zu Weihnachten auf den Teller: Gans mit Rotkohl und Klößen

Ein typisch deutsches Weihnachtsessen ist die gebratene Gans mit Kartoffelklößen und Rotkohl. Rotkohl im Glas hat einen Treibhausgas-Fußabdruck von 0,7 Kilogramm CO2-Äquivalent. Frischer Rotkohl käme dagegen nur auf 0,2 kg CO2-Äq. Pulver für Kartoffelklöße steht nicht in der Tabelle, dafür aber solches für Kartoffelpüree: 0,9 kg CO2-Äquivalent, frische Kartoffeln haben mit 0,2 ebenfalls eine deutlich niedrigere Bilanz.

Gute Klimabilanz für frisches Obst und Gemüse

"Bei Lebensmitteln im Supermarkt hängt die Umwelt- und Klimabilanz oft weniger am Produkt, als daran, wo und wie diese Produkte angebaut, transportiert und verpackt wurden", sagt Guido Reinhardt, Leiter der ifeu-Studie. Seine Untersuchungen zeigen: Vor allem bei Obst und Gemüse kann der Unterschied zwischen frisch oder verarbeitet und verpackt durchaus sehr groß sein. Hier gilt: unverarbeitet, regional und saisonal ist am klimafreundlichsten.

So hat gefrorener Rosenkohl einen doppelt so hohen CO2-Fußabdruck wie frischer Rosenkohl. Bei Roter Beete im Einmalglas ist er sechsmal und bei Pfirsichen in der Dose sogar achtmal so hoch.

Frische Rote Beete

Frische Rote Beete: Sie und anderes Wurzelgemüse haben frisch eine gute CO2-Bilanz

Und die Weihnachtsgans? Geflügel schlägt mit 5,5 bis 6 kg CO2-Äq. zu Buche. Wohlgemerkt: an der Supermarktkasse. Gebraten aus dem Ofen gezogen dürfte noch einiges an CO2-Verbrauch hinzukommen.

Ersetzt man die Gans durch Rindfleisch, schießt die Klimabilanz exorbitant in die Höhe, auf 13,6 CO2-Äquivalent - also auf mehr als doppelt so viel wie bei Geflügel. Zum Vergleich: Dafür kann man mit einem Benziner, der sieben Liter auf 100 Kilometern verbraucht, rund 80 Kilometer zurücklegen. 

Regionalität bei Fleisch nicht entscheidend

Eine internationale Studie der Wissenschaftler Thomas Nemecek und Joseph Poore, die 2018 im Wissenschaftsmagazin Science vorgestellt wurde, macht Rindfleisch weltweit betrachtet sogar als noch ärgeren Klimakiller aus. In der Studie wurden Daten aus rund 120 Ländern zusammengerechnet. Das Ergebnis: Für ein Kilogramm Rindfleisch wird durchschnittlich 10 Mal so viel CO2 verbraucht, wie für Geflügel.

Infografik Durchschnittlicher CO2-Fußabdruck von Lebensmitteln DE

Die internationale Studie macht auch deutlich: Vor allem bei tierischen Produkten fallen Transport, Verpackung und Verteilung von Lebensmitteln für die CO2-Bilanz kaum ins Gewicht. Die viel beschworene Regionalität bringt hier also keine Entlastung fürs Klima. Und beide Studien zeigen ganz klar: Rindfleisch hat mit Abstand die schlechteste Klimabilanz.

Auch Milchprodukte haben einen hohen CO2-Verbrauch. Bei Butter ist er laut ifeu-Studie mit 9,0 bis 11,5 (Bio) kg CO2-Äq. sogar rund doppelt so hoch wie bei Schweinefleisch.

Andere Länder, andere Weihnachtsmenüs - andere CO2-Bilanzen?

Wie sieht es mit anderen Ländern und ihren Weihnachtssitten aus? Isst man irgendwo besonders klimafreundlich? Ein typisches Weihnachtsessen in der Côte d'Ivoire (Elfenbeinküste) oder Bénin besteht laut DW-Afrika-Redaktion etwa aus Hühnchen mit Reis und Bohneneintopf, dazu meist ein Salat aus Tomaten, Mais, Kartoffel, Gurke und anderem Gemüse.

Hier schlägt neben dem Huhn vor allem der Reis ins Klima-Gewicht. Seine CO2-Bilanz liegt laut der internationalen Studie bei etwa 4 kg CO2-Äq. Die unter Wasser stehenden Reisfelder emittierten viel Methan, ein noch deutlich klimaschädlicheres Gas als Kohlendioxid, erläutern die Autoren.

Infografik Klimagase durch Landwirtschaft DE

Getreide hat eine gut dreimal niedrigere CO2-Bilanz. Laut ifeu-Studie schneiden auch Nudeln (0,7 kg CO2-Äq.) oder Bulgur (0,6 kg CO2-Äq.) deutlich besser ab als Reis.

Und das Huhn im afrikanischen Weihnachtsessen? Hier stelle sich nicht die Frage nach dem Kontinent sondern nach der Haltung, sagt Reinhardt. "Wenn Hühner wohnortnah gehalten und hauptsächlich mit Lebensmittelresten gefüttert werden, ist die CO2-Bilanz natürlich besser, als wenn man das Futter für sie extra anbaut - egal ob in Europa oder Afrika." Bei einem Supermarkteinkauf in einer afrikanischen Großstadt unterschieden sich die CO2-Bilanzen nicht wesentlich von denen in einem deutschen Supermarkt.

Viel Tierisches zu Weihnachten

Beim Blick auf weitere traditionelle Weihnachtsmenüs wird schnell klar: Auf tierische Produkte wird fast nirgendwo verzichtet. Auf den Philippinen wird die Weihnachtszeit besonders ausgiebig gefeiert, hier beginnt der Advent schon im September. An den Festtagen selbst wird viel Schweinefleisch gegessen.

Infografik Nahrungsmittel und Landwirtschaft DE

In den USA kommt zu Weihnachten meist der Truthahn auf den Tisch, immer häufiger auch in Mexiko. Ein Weihnachtsessen an den Küsten Brasiliens ist der "Camarão na Moranga", ein mit Gambas gefüllter Kürbis. Den CO2-Vorsprung des Kürbisses (0,2 bis 0,3 kg CO2-Äq.) machen die Meerestiere mit etwa 12 kg CO2-Äq. zunichte.

Im orthodoxen Russland, wo das Weihnachtsfest erst Anfang Januar stattfindet, ist es Tradition, zuvor 40 Tage lang zu fasten. Nach den orthodoxen Regeln dürfen in dieser Zeit weder Fleisch, Käse, Butter, Milch noch Eier gegessen werden. Prima fürs Klima!

Weihnachststollen mit Rosinen und Mandeln

Den größten CO2-Fußabdruck im Weihnachststollen hat die Butter

Wie in vielen slawischen Ländern gilt auch Heiligabend als Fastentag. Wobei Fasten dann aber nur den Verzicht auf Fleisch meint. Geschlemmt wird trotzdem. Etwa mit Hering oder Karpfen. Im Vergleich zu Fleisch hat Fisch eine bessere CO2-Bilanz, denn er verbraucht kein Land. Zwischen 2,4 und 5 kg CO2-Äq. sehen die beiden hier vorgestellten Studien die CO2-Bilanz von Fisch, wobei der Wildfang besser abschneidet als die Aquazucht. Doch bei Wildfisch stellt sich eine andere Frage: die nach der Gefährdung der Bestände.

Kein Verzicht aber Augenmaß fürs Klima

Dürfen wir zu Weihnachten also gar nicht mehr schlemmen, ohne schlechtes Klimagewissen? Doch, sagt Guido Reinhardt vom ifeu-Institut. An den Feiertagen dürfe man es sich natürlich kulinarisch gut gehen lassen - aber mit Augenmaß.

Infografik Lebensmittelverschwendung durch Konsumenten DE

Und das heißt, so Reinhardt: Keine Unmengen an Lebensmitteln einkaufen, die doch nur übrig bleiben und im schlimmsten Fall in der Mülltonne landen oder die wir aus schlechtem Gewissen irgendwie noch in uns reinstopfen. In beiden Fällen wird unnötiger CO2-Ausstoß erzeugt.

"Man kann ja einfach mal etwas weniger Truthahn, Gans oder Raclette-Käse essen und dafür mehr pflanzliche Beilagen, ohne dass dadurch der Genuss auf der Strecke bliebe", sagt Reinhardt. Denn die mit Abstand schlimmste Klimabilanz haben weggeschmissene Lebensmittel.

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Infofilm: Essen für die Tonne?

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