Gaza-Krieg: Rassismus als Deutungsmuster
2. November 2025
Anti-palästinensische Desinformation und Propaganda werden als "Waffe zur Rechtfertigung begangener Verbrechen" eingesetzt, sagt Jalal Abukhater. Er ist Policy Manager bei 7amleh, auch bekannt als Arabisches Zentrum für die Förderung sozialer Medien.
Das Zentrum, eine gemeinnützige Organisation, die palästinensische und arabische Aktivistinnen und Aktivisten der Zivilgesellschaft darin schult, digitale Medien zur Verteidigung der Menschenrechte zu nutzen, hat einen Anstieg von Hass und Hetze gegenüber Palästinenserinnen und Palästinensern im Netz beobachtet.
Bei ihren Terrorangriffen auf Israel am 7. Oktober 2023 töteten Hamas-Kämpfer fast 1.200 Menschen. Laut der Gesundheitsbehörde des Gazastreifens wurden durch israelische Militäraktionen Berichten zufolge mindestens 68.000 Palästinenserinnen und Palästinenser getötet.
Eine Untersuchungskommission der Vereinten Nationenund die Internationale Vereinigung der Völkermordforscherhaben Israels Vorgehen als Völkermord eingestuft.
Was ist anti-palästinensischer Rassismus?
Anti-palästinensischer Rassismus ist ein umstrittener Begriff, der von Wissenschaftlern und jüdischen Institutionen heftig kritisiert wird. Die gängigste und am weitesten verbreitete Definition stammt von der Arab Canadian Lawyers Association: "Eine Form von anti-arabischem Rassismus, die Palästinenserinnen und Palästinenser oder ihre Narrative zum Schweigen bringt, ausschließt, auslöscht, stereotypisiert, diffamiert oder entmenschlicht."
Mehrere Organisationen, die Vorfälle über anti-palästinensischen Rassismus dokumentieren, berichten, dass die Vorfälle nach den Hamas-geführten Terroranschlägen vom 7. Oktober 2023 stark zugenommen haben. Ein Bericht des Islamophobia Research Hub der York University in Toronto stellt beispielsweise fest, dass "Kanada nach dem 7. Oktober 2023 einen Anstieg von anti-palästinensischem Rassismus (APR), Islamophobie, anti-arabischem Rassismus (AAR) sowie einen Anstieg von Antisemitismus verzeichnete."
Historische Wurzeln des anti-palästinensischen Rassismus
Expertinnen und Experten betonen gegenüber der DW, dass die Verbreitung von anti-palästinensischen Rassismus-Narrativen in den letzten Jahren ein alarmierendes Ausmaß erreicht habe. Das Phänomen sei allerdings nicht neu.
"Es hat seine Wurzeln in kolonialen und orientalistischen Diskursen", sagt Asmaa El Idrissi, Juristin und Dozentin an der Hochschule Bochum, gegenüber der DW. "Wenn man sich Literatur von vor 100 Jahren ansieht, findet man genau dieselben Stereotype, die jetzt wieder gegen Palästinenser auftauchen: Araber oder Muslime als irrational und rückständig."
Laut El Idrissi ist einer der wichtigsten historischen Kontexte für das Verständnis anti-palästinensischer Einstellungen die Leugnung der Nakba. Am 14. Mai 1948 wurde der Staat Israel auf dem Gebiet des damaligen britisch verwalteten Mandatsgebiets Palästina ausgerufen.
Das arabische Wort "Nakba" bedeutet "Katastrophe" und bezeichnet die massenhafte Vertreibung und Enteignung von Palästinenserinnen und Palästinensern während des arabisch-israelischen Krieges von 1948.
In einem viel beachteten Fall erklärte die israelische Botschafterin im Vereinigten Königreich, Tzipi Hotovely, in einer Rede Ende 2020, die Nakba sei "eine sehr starke und sehr populäre arabische Lüge."
Nach Angaben des palästinensischen Zentralamts für Statistikwurden in der Nakba mehr als 800.000 Palästinenser aus ihrer Heimat vertrieben und mindestens 15.000 Palästinenser getötet. Dennoch wird die Nakbaoft geleugnet oder verschwiegen.
"Die Leugnung der Nakba dient als zentrale Erzählung zur Delegitimierung jeglicher Forderung nach gleichen Rechten und einem freien Leben", erklärt El Idrissi.
Falsche Gleichsetzung von Palästinensern mit Hamas
Die Hamas ist eine politische Partei mit einem militärischen Flügel und wird von der EU, Deutschland und anderen Ländern als Terrororganisation eingestuft. Sie wurde zuletzt bei den letzten Regionalwahlen im Jahr 2006 gewählt – allerdings ohne dabei eine Mehrheit der Stimmen zu erreichen.
Seitdemwurden keine weiteren Regionalwahlen abgehalten, was auf ungelöste politische Konflikte zwischen Hamas und Fatah sowie auf die andauernde israelische Besatzung und Blockaden zurückzuführen ist. Die Fatah ist eine politische Partei, die die Palästinensische Autonomiebehörde im besetzten Westjordanland kontrolliert.
Eine der hartnäckigsten falschen Erzählungen der letzten Jahre in pro-israelischen Kreisen ist die Gleichsetzung aller Palästinenser mit der Hamas, wie sie unter anderem hierverbreitet wird. Obwohl es Videos gibt, die Palästinenser zeigen, wie sie den Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 feiern, bedeutet das nicht, dass alle Palästinenser die Hamas unterstützen.
In den letzten zwei Jahren gab es mehrere dokumentierte Fälle von Protesten gegen die Hamas durch Palästinenser, die auch von der DW verifiziert wurden. In einer aktuellen Umfragegaben 54 Prozent der Palästinenser in Gaza an, dass die Entscheidung der Hamas, den Angriff am 7. Oktober 2023 auf Israel zu starten, nicht richtig gewesen sei.
Das Narrativ, alle Palästinenser mit der Hamas gleichzusetzen, wird laut El Idrissi genutzt, um eine kollektive Bestrafung zu rechtfertigen – was einen Verstoß gegen das Völkerrecht darstelle. Eine Umfrage unter israelischen Bürgern, durchgeführt vom Accord Center im August 2025ergab, dass 62 Prozent der Befragten der Aussage zustimmten: "Es gibt keine unschuldigen Menschen in Gaza."
Beide von der DW befragten Experten sagen, dass eine Folge dieser Haltung sei, dass zivile Todesfälle in Gaza oft heruntergespielt werden und weniger über sie berichtet werde. Abukhater nennt ein Beispiel: "Wenn ein Auto oder ein Zelt in Gaza bombardiert oder angegriffen wird, sagt jemand vielleicht, dass sich ein Hamas-Mitglied in dem Fahrzeug befand, in dem fünf Kinder getötet wurden."
Desinformation und Rassismus: Eine gefährliche Allianz
Anti-palästinensische Voreingenommenheit werde durch "rassistische Medienberichterstattung" verstärkt, die wiederum diese Voreingenommenheit fördern könne, sagen die befragten Experten. Die palästinensische Forscherin Hanan Sahmoud hebt hervor, wie europäische Medien Palästinenser oft entmenschlichen und "als Wilde darstellen".
Hassrede zeigt sich regelmäßig auch in Kommentaren unter Nachrichtenartikeln über Gaza, die in den sozialen Medien geteilt werden. Auch die DW hat dies auf ihren Social-Media-Accounts bereits beobachten können.
Die Experten sind sich einig, dass die Entmenschlichung die Empathie gegenüber anderen verringert. "All das führt zu dem, was als Empathielücke bekannt ist, die wiederum eine ungleiche Behandlung rechtfertigt", sagte El Idrissi.
Es gibt auch Beispiele prominenter israelischer Politiker, die entmenschlichende Begriffe verwenden, um Palästinenser zu beschreiben. Zwei Tage nach den Angriffen vom 7. Oktober 2023 sagte Yoav Gallant, damals israelischer Verteidigungsminister: "Ich habe eine vollständige Belagerung des Gazastreifens angeordnet. Es wird keinen Strom, kein Essen, keinen Treibstoff geben. Alles ist geschlossen. Wir kämpfen gegen menschliche Tiere und handeln entsprechend."
Entmenschlichung und Propaganda gehen Hand in Hand, sagen die von DW befragten Experten und verweisen auf die Desinformationskampagnen zur Hungersnot in Gaza im Sommer 2025. Obwohl beiden Seiten vorgeworfen wurde, Desinformation zu verbreiten, ergaben DW-Recherchen , dass Umfang und Intensität irreführender Inhalte von israelischer Seite größer waren.
Der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu behauptete, es habe keine Hungersnot in Gaza gegeben und dass Kinder nur deshalb unterernährt aussähen, weil sie bereits Vorerkrankungen hätten – nicht, weil seine Regierung humanitäre Hilfe und Lebensmittel blockiere.
Einige weit verbreitete Fotos zeigten tatsächlich Kinder mit schweren Vorerkrankungen, aber Ärzte und Ernährungsexperten erklärten, dass die Lebensmittelknappheit ihre bestehenden Gesundheitsprobleme verschärft habe, wie die DW berichtete.
Fehlende unabhängige Quellen
Internationalen Journalisten wurde seit Beginn des Krieges der Zugang zum Gazastreifen verweigert. Dies führt dazu, dass sich Medien weltweit bei ihrer Berichterstattung über den Konflikt einerseits auf die Hamas und andererseits auf das israelische Militär und auf die israelische Regierung stützen müssen – ohne die Möglichkeit, die Behauptungen beider Seiten unabhängig überprüfen zu können oder lokale Quellen in Gaza zu erreichen.
Eine Studiezur Nahost-Berichterstattung deutscher Medien analysierte 4.853 Schlagzeilen zwischen dem 7. Oktober 2023 und dem 19. Januar 2025. Sie zeigt, dass einige führende deutsche Medien hauptsächlich oder ausschließlich auf offizielle israelische Quellen für ihre Berichterstattung über den Nahen Osten zurückgreifen.
Die Tötung des 28-jährigen Journalisten Anas al-Sharif in Gaza im August 2025 liefert ein weiteres Beispiel. Das israelische Militär behauptete,al-Sharif habe eine Hamas-Zelle geleitet; zahlreiche deutsche Medien wiederholten diese Behauptung als Tatsache – trotz fehlender Beweise.
Als das IDF Beweise vorlegte, veröffentlichte das Committee to Protect Journalists (CPJ) eine Stellungnahme, in der es hieß, man halte "die in sozialen Medien verbreiteten Bilder nicht für glaubwürdig... sie sind offensichtlich keine Originaldokumente. Die IDF lässt seit langem ein Muster erkennen, in dem sie unbegründete Behauptungen aufstellen, dass viele der Journalisten, die sie in Gaza gezielt getötet haben, Terroristen gewesen seien."
Die Rolle sozialer Medien bei der Verstärkung von Propaganda
Soziale Medien spielen eine bedeutende Rolle bei der Verbreitung anti-palästinensischer Inhalte. Desinformation spricht Emotionen an, und Algorithmen fördern häufig extremistische Inhalte, die auf Engagement abzielen. "Wir wissen, dass rechtsextreme oder extremistische Inhalte vom Algorithmus gepusht werden", sagt El Idrissi.
Bezahlte Propaganda und einseitige Anzeigen werden ebenfalls von sozialen Medien akzeptiert und verbreitet. Eine Untersuchung der DW und Mitgliedern des European-News-Spotlight-Netzwerkes der EBU ergab im September, dass Israel mindestens 42 Millionen Euro (49 Millionen US-Dollar) für anti-palästinensische Propagandaanzeigen ausgegeben hat.
Am 22. August, als die UN bekannt gab, dass große Teile des Gazastreifens eine "menschenverursachte Hungersnot" erleben und dass "eine Hungersnot vorhanden ist und sich rasch ausbreitet", startete die israelische Regierungs-Werbeagentur eine neue Kampagne zur Leugnung der Hungersnot. Ein Bericht von 7amleh zeigt, dass Metas Anzeigensysteme 2023 und 2025 gewalttätige und aufhetzende Inhalte als bezahlte Werbung akzeptierten und davon profitierten.
Was kann getan werden?
Was können Gesellschaften tun, um anti-palästinensische Propaganda und Rassismus zu bekämpfen? Abukhater, der Forscher von 7amleh, sagt, man müsse Palästinensern Raum geben, ihre eigenen Geschichten zu erzählen.
"Über Palästinenser wird oft gesprochen, aber sie können nicht über sich selbst sprechen", sagte Abukhater und dies gelte für viele Medien. Neben einer besseren Repräsentation müsse die Medienlandschaft auch persönliche und strukturelle Vorurteile hinterfragen.
"Es sollte mehr Diskussionen über anti-palästinensischen Rassismus geben, man sollte ihn als Konzept anerkennen, die Semantik untersuchen und prüfen, wie er allgemein verwendet wird, um zu entmenschlichen und alle Palästinenser zu beschuldigen."
Korrekturhinweis: Dieser Artikel wurde aus dem Englischen adaptiert. Hinweis der Redaktion: Nach der Erstveröffentlichung der englischen Version am 29. Oktober 2025 wurde dieser Beitrag aufgrund eines Fehlers korrigiert und umfassend überarbeitet, sowie um Kontext und um zusätzliche Quellen ergänzt. Er wurde zuletzt am 19.11. angepasst.