Islamischer Feminismus in Bosnien: Muslimas fordern Rechte
13. Mai 2026
Wenn die Muslime in Bosnien und Herzegowina am Freitag zum Gebet strömen, kommen meist nur die Männer. Wie überall im Islam ist es auch in dem Westbalkan-Staat nicht üblich, dass Frauen am Freitagsgebet in der Moschee teilnehmen. Doch das ändert sich langsam, denn gläubige Muslimas wollen nicht mehr länger unsichtbar sein.
Bosnien ist ein säkularer Staat, vor dem Gesetz sind Männer und Frauen gleich. In den letzten Jahrzehnten sind erhebliche Anstrengungen unternommen worden, um Frauen besser vor Gewalt zu schützen und Diskriminierung aufgrund des Geschlechts abzubauen. Dennoch sind gerade in den drei großen Religionsgemeinschaften des Landes - Katholizismus und Orthodoxie sowie Islam - immer noch soziale und kulturelle Normen verbreitet, die einer Gleichstellung der Geschlechter entgegenstehen.
Zudem hat die jeweilige Religion seit dem Ende des Bosnienkrieges (1992-1995) in allen ethnischen Communities des Landes - unter muslimischen Bosniaken, orthodoxen Serben und katholischen Kroaten - an Bedeutung gewonnen. In muslimischen Familien herrschen teilweise sehr konservative Rollenvorstellungen, wonach Frauen in erster Linie Mütter sein und sich um die Familie kümmern sollen, auch wenn die soziale Realität längst anders aussieht.
Mit dem Koran für Frauenrechte
"Muslimische Feministinnen kämpfen in einem islamischen Referenzrahmen für Frauenrechte", sagt die bosnische Soziologin Dermana Kuric von der Universität Sarajevo im Gespräch mit der DW. Viele würden dies tun, indem sie eine aktive Rolle in der Gesellschaft einnehmen, ohne frauenfeindliche Auslegungen des Koran offen zu hinterfragen.
Akademisch gebildete muslimische Frauen würden sich auch bewusst mit Aussagen der traditionellen islamischen Gelehrsamkeit auseinandersetzen, die Frauen auf eine untergeordnete Rolle in der Familie und in der islamischen Gemeinschaft festlegen wollen. "Islamischen Feministinnen geht es um Geschlechterbeziehungen, die auf Autonomie und individueller Verantwortung basieren - im Gegensatz zu Kontrolle oder Dominanz", so Kuric.
Die feministischen bosnischen Muslimas sind Teil einer breiteren Strömung, die seit den 1980er Jahren in der islamischen Welt an Einfluss gewinnt. Sie lesen den Koran aus weiblicher Sicht und verstehen ihn als Selbstermächtigung für ihren Kampf um mehr Rechte. Mit ihrer bosnischen Übersetzung des bahnbrechenden Buches "Die Sultanin. Die Macht der Frauen in der Welt des Islam" (dt. 1991) der marokkanischen Soziologin Fatima Mernissi (1940-2015), einer der Mütter des islamischen Feminismus, hat die Genderforscherin Zilka Spahic-Siljak von der Universität Sarajevo wesentlich dazu beigetragen, die Ideen des islamischen Feminismus in Bosnien bekannt zu machen.
Interpretation durch männliche Gelehrte
"Wie andere Religionen auch ist der Islam geprägt von der Interpretation seiner heiligen Schriften durch männliche Gelehrte vor dem Hintergrund ihrer jeweiligen Erfahrungen", sagt Spahic-Siljak. "Die Erfahrungen von Frauen kommen nicht vor, abgesehen von einzelnen Ausnahmen. Aber Gerechtigkeit ist ein zentrales Prinzip im Koran und es kann keine Gerechtigkeit geben, wenn Frauen nicht gleichberechtigt sind".
Neben ihrer Lehrtätigkeit an der Universität Sarajevo hat Spahic-Siljak 2021 mit der Gründung der Online-Schule "Feminismus und Religion" zusammen mit der feministischen katholischen Ordensschwester Jadranka Rebeka Anic das Thema weiter an den Universitäten verankert.
Keine Rechtfertigung für Gewalt
Doch islamischer Feminismus ist keine rein akademische Angelegenheit. Im Rahmen einer Kampagne gegen häusliche Gewalt hat Spahic-Siljak 2023 Islamgelehrte kritisiert, die mit Bezug auf Sure 4,34 Gewalt von Ehemännern gegen ihre Frauen legitimieren. Ein einflussreicher Imam, Senaid Zajimovic, nahm ihre Argumente auf und zeigte sich offen für eine neue Lesart der Sure. In einer theologischen Stellungnahme betonte er, der Koran dürfe nicht herangezogen werden, um männliche Dominanz und Gewalt gegen Frauen zu rechtfertigen.
"Wir sehen in den letzten Jahrzehnten, dass Muslimas sich mehr Raum innerhalb der islamischen Community erobern", sagt Soziologin Dermana Kuric. Das mögen kleine Schritte sein, doch es geht voran. So etwa drängen Frauen auch darauf, am Freitagsgebet teilzunehmen. "Formal verboten war ihre Teilnahme nie, es war einfach ein Ergebnis männlich geprägter Kultur, dass sie nicht dabei waren."
So hat im April 2026 der Rat für religiöse Angelegenheiten der islamischen Gemeinschaft der bosnischen Stadt Zenica Muslimas ermutigt, in allen Moscheen des Bezirks am Freitagsgebet teilzunehmen. Auch zwei Moscheegemeinden in Sarajevo haben ihre Freitagsgebete für Frauen geöffnet. Die Muslimas beten getrennt von den Männern in einem eigenen Raum oder auf einem Balkon.
Weibliche Imame nicht auf der Tagesordnung?
Auch unter den Theologinnen tut sich etwas. Zwar gibt es immer noch keine Professorin für Theologie an den islamisch-theologischen Fakultäten Bosniens - wohl aber für Sprachen und Pädagogik. Theologinnen aus der jüngeren Generation sind auf der Ebene von Assistentinnen an den Lehrstühlen vertreten - und es besteht die Hoffnung, dass sie in den nächsten Jahren auf Professorenposten vorrücken.
Die Forderung nach weiblichen Imamen steht allerdings noch nicht auf der Tagesordnung. Sie existieren bisher erst in islamischen Communities im Westen wie zum Beispiel in den USA, seitdem die Islamwissenschaftlerin Amina Wadud im Jahr 2005 ein gemischtes Freitagsgebet in New York leitete und damit weltweit Aufsehen erregte.
Die Institutionen des Islam in Bosnien gehen auf die Herrschaft der Habsburger (1878 bis 1918) zurück. Als Österreich-Ungarn 1878 Bosnien besetzte, erkannte es die Muslime offiziell als Religionsgemeinschaft an. Die Habsburgermonarchie gründete eine Organisation der bosnischen Muslime mit einer Verwaltungsstruktur nach dem Vorbild der christlichen Kirchen. Zudem wurde das Amt eines "Reisu-l-ulema" eingeführt. Dieser Großmufti ist bis heute der oberste Vertreter der bosnischen Muslime.
Strategie zur Frauenförderung fehlt
"Es ist immer noch schwierig für Frauen, Positionen mit Macht und Einfluss in der islamischen Gemeinschaft zu erlangen", sagt die Politikwissenschaftlerin Djevada Garic gegenüber der DW. "Wir haben zum Beispiel viele Lehrerinnen an islamischen Schulen, aber keine Frau im Rijaset, dem höchsten Entscheidungsgremium, oder im Rat der Muftis. Nur 11 von insgesamt 87 Vertretern im Parlament der Islamischen Gemeinschaft sind Frauen." Garic selbst war als Referentin für Internationale Beziehungen der islamischen Gemeinschaft eine der ersten Frauen in einer Führungsposition.
Demana Kuric betont vor allem die Veränderung. Es gebe heute mehr Frauen, die sich trauen, für einen Posten zum Beispiel im Parlament der Gemeinschaft zu kandidieren. Zudem habe der amtierende Großmufti Husein Kavazovic eine eigene Abteilung zur Frauenförderung eingerichtet. Islamische Theologinnen erhalten jetzt eine berufliche Perspektive und die Möglichkeit, sich mit den muslimischen Institution Bosniens und ihren Strukturen vertraut zu machen.
Gegen die Frauenförderung gebe es unter den muslimischen Männern "keinen Widerstand in dem Sinne, dass sie sagen würden, 'ihr dürft keine Führungspositionen einnehmen'", sagt Soziologin Kuric. Aber auch für sie bleibt noch viel zu tun: "Was mir fehlt, ist eine klare institutionelle Strategie der islamischen Gemeinschaft, um Frauen als Gläubige und als Theologinnen ernsthaft voranzubringen und besser einzubinden."