Iranische Menschenrechtlerin Sotudeh beendet Hungerstreik | Aktuell Nahost | DW | 26.09.2020
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Iran

Iranische Menschenrechtlerin Sotudeh beendet Hungerstreik

Die Strapazen waren zu hart, das gesundheitliche Risiko zu groß. Die iranische Frauenrechtlerin Nasrin Sotudeh hat nach mehr als 45 Tagen ihren Hungerstreik im Gefängnis beendet. Das teilte ihr Ehemann mit.

Unterstützung für Nasrin Sotoudeh in Paris (picture-alliance/abaca/P. Pierrot)

In Paris fordern Unterstützer Sotudehs auf diesem Plakat im März 2019 ihre Freilassung

"Wegen ihres kritischen Zustands hat Nasrin gestern ihren Hungerstreik abgebrochen», twitterte ihr Ehemann Resa Chandan. "Ihr Körper war nicht mehr in der Lage, den Streik fortzusetzen", sagte er der Nachrichtenagentur AFP. Sie habe Angst gehabt, dass sich ihre Herzkrankheit verschlimmern könnte. Vergangene Woche war die 57-Jährige in ein Teheraner Krankenhaus eingeliefert worden, weil sie nach Angaben ihres Ehemannes sehr viel Gewicht verloren habe und "ernsthaft geschwächt" sei. Am Mittwoch sei sie dann "ohne jeglichen medizinischen Eingriff" wieder zurück ins Gefängnis gebracht worden. "Wegen ihrer Herzprobleme hatte ich erwartet, dass man sie zumindest in die Gefängnisklinik verlegen würde", sagte Chandan. Nach seinen Angaben war ihr Gesundheitszustand in den vergangenen Tagen besorgniserregend.  

Die renommierte Menschenrechtsanwältin hatte mit dem Hungerstreik seit dem 11. August gegen den mangelnden Schutz für politische Häftlinge vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus protestiert. Wegen der Ansteckungsgefahr hatte die iranische Führung fast 90.000 Gefangene vorläufig freigelassen. Politische Häftlinge waren von der Maßnahme aber ausgeschlossen.

Iran Teheran - Protest gegen Verhaftung von Nasrin Sotoudeh vor Ewin Gefängnis (Privat)

Vor dem Ewin-Gefängnis in Teheran protestieren Menschen im Juni 2018 gegen Sotudehs Verhaftung

Abschreckend hohe Gefängnisstrafen

Sotudeh wird "staatsfeindliche Propaganda" vorgeworfen. Sie war vergangenes Jahr nach Angaben ihres Ehemanns wegen angeblicher Beleidigung des Revolutionsführers und Spionage zu 33 Jahren Haft und sechs Monaten sowie 148 Stockschlägen verurteilt worden. Von der Haft muss sie mindestens 12 Jahre absitzen. Über ihre Haftstrafe gibt es allerdings unterschiedliche Angaben, so war später auch von einer Haftstrafe von 38 Jahren die Rede.

Sotudeh hat vor Gericht alle gegen sie erhobenen Vorwürfe zurückgewiesen. Sie engagiere sich lediglich friedlich für Frauenrechte und gegen die Todesstrafe im Land. Sie und ihr Mann gehören zu den renommiertesten Menschenrechtsaktivisten im Iran. Die Anwältin hat unter anderem Frauen vertreten, die gegen die Kopftuchpflicht im Iran protestierten. Sie war auch für Journalisten, Oppositionelle und Dissidenten wie Friedensnobelpreisträgerin Schirin Ebadi tätig. 2012 wurde Sotudeh mit dem Sacharow-Preis des Europaparlaments ausgezeichnet.

Menschenrechtler verlangen Freilassung

Erst am Freitag hatte die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) die Freilassung der Rechtsanwältin gefordert. Nach wochenlangem Hungerstreik sei ihr Gesundheitszustand sehr schlecht, erklärte IGFM-Vorstandssprecher Martin Lessenthin. Die Führung in Teheran nehme den Tod der Frauenrechtlerin billigend in Kauf. Nach dem Krankenhausaufenthalt gehe es Sotudeh schlechter als vorher. "Nasrin Sotudeh ist die Stimme der Menschenrechte im Iran - sie darf nicht sterben und ihre Stimme darf nicht verstummen." Auch befürchten die Menschenrechtler, dass Sotudeh sich im Krankenhaus mit dem Coronavirus angesteckt haben könnte.

Bildergalerie Iran KW24 (Mehr)

Der deutsche Diplomat Michael Freiherr von Ungern-Sternber, hier 2014 in Teheran

Ebenfalls am Freitag verurteilten Deutschland und 46 andere Staaten vor dem UN-Menschenrechtsrat Folter, Unterdrückung und Gewalt gegen Oppositionelle im Iran. Die andauernden Menschenrechtsverletzungen im Iran seien sehr besorgniserregend, sagte der deutsche Botschafter bei den UN, Michael Freiherr von Ungern-Sternberg, in Genf. Er sprach von glaubwürdigen Berichten über willkürliche Festnahmen, unfaire Gerichtsverfahren, erzwungene Geständnisse und Misshandlungen in Gefängnissen. Außerdem kritisierte von Ungern-Sternberg die Hinrichtungen im Iran, die Todesstrafe werde auch bei Jugendlichen angewendet.

Im Iran hat sich in den vergangenen Jahren die Opposition gegen das schiitisch-autokratische Mullah-Regime erheblich verstärkt. Eine schwere Wirtschaftskrise trug erheblich zu der weit verbreiteten Unzufriedenheit bei. Das Land mit etwa 82 Millionen Bewohnern ist zudem stark von der Corona-Pandemie betroffen. Mehr als 25.000 Menschen starben an den Folgen einer Infektion mit dem Coronavirus. Annähernd 440.000 haben sich infiziert.

kle/qu (afp, dpa, epd)

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