Polen streitet über Sexualkunde an Schulen
18. März 2026
Seit dem Schuljahr 2025/26 wird an den Schulen in Polen ein neues Fach angeboten: Gesundheitserziehung. Es umfasst ein breites Spektrum von Themen, darunter physische und psychische Gesundheit, gesunde Ernährung, Einfluss der Umwelt auf die Menschen sowie Umgang mit Gefahren, die durch Nutzung sozialer Medien und Drogenkonsum entstehen. Die Teilnahme ist freiwillig.
Für die große Aufregung sorgt eines von insgesamt zehn Themengebieten: Sexualkunde. Dort werden unter anderem Empfängnisverhütung und Geschlechtskrankheiten, aber auch sexuelle Gewalt thematisiert. Rechte politische Organisationen sowie die katholische Kirche warnen vor "Verderbnis" der Kinder und fordern eine Streichung des Fachs aus den Lehrplänen - und das am besten sofort.
Das Schulwesen ist in Polen seit Langem Gegenstand ideologischer Grabenkämpfe. Die Mitte-Links-Koalition unter Premier Donald Tusk hat nach dem Amtsantritt im Dezember 2023 neben der Wiederherstellung der Rechtsstaatlichkeit auch eine grundlegende Reform versprochen.
Die rechtskonservative Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) hatte während ihrer achtjährigen Regierungszeit (2015-2023) die politische Kontrolle über die Schulen verstärkt. Zum übergeordneten Ziel wurden eine "patriotische Erziehung" und die Vermittlung "konservativer Werte" erklärt.
Symbol der Wende in der Bildungspolitik
Tusks linksliberale Bildungsministerin Barbara Nowacka musste also nicht nur die im Wahlkampf versprochene Verbesserung der finanziellen Situation der Lehrer durchsetzen, sondern auch die Lehrpläne neu aufstellen. Zum Symbol der Wende in der Bildungspolitik wurde das neue Fach Gesundheitserziehung. Es ersetzt das Fach "Erziehung zur Familie". Die Teilnahme war ebenfalls freiwillig.
Das rechtskonservative Lager in Polen - allen voran die PiS - laufen Sturm gegen das neue Fach. Rückendeckung bekommen sie von der katholischen Kirche. In einem Hirtenbrief vom Mai 2025 warfen Polens Bischöfe der Regierung Tusk vor, Kinder "erotisieren und verderben zu wollen". Die Sexualität sei "aus dem Kontext der Ehe und der Familie gerissen". Die Bischöfe riefen Polens Eltern zum Widerstand auf, um die "Verderbnis der Kinder" aufzuhalten.
Führt Sexualkunde in die Verderbnis?
Damals beugte sich Tusks Regierung dem Druck und entschied, dass die Teilnahme am Gesundheitsunterricht freiwillig sein wird. Eltern wurde das Recht eingeräumt, ihre Kinder von dem Fach abzumelden. Als einer der ersten machte davon Polens rechtskonservativer Präsident Karol Nawrocki Gebrauch. Das neue Fach sei ein Versuch, "unter harmlos klingendem Namen Ideologie und Politik in die Schulen hineinzuschmuggeln", schrieb Polens Staatsoberhaupt auf X.
Das Fach Gesundheitserziehung wird an polnischen Grundschulen von der vierten bis zu achten Klassen und an Oberschulen in den ersten und zweiten Klassen jeweils eine Stunde die Woche angeboten. Die jüngsten Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind also zehn Jahre alt. Nach Angaben des Bildungsministeriums nehmen in diesem Schuljahr etwa 30 Prozent der Schülerinnen und Schüler teil. Am geringsten ist die Beteiligung in Südosten Polens, wo der Einfluss der rechten Parteien und der katholischen Kirche am größten ist.
Falsche Scham überwinden
Tosia Kopyt lehrt seit zwölf Jahren an einer Warschauer Grundschule. Die Psychologin, Sexualerzieherin und Kinderbuchautorin war während der Jahre der PiS-Regierungen für das Fach Erziehung zur Familie zuständig, seit September 2025 unterrichtet sie Gesundheitserziehung. Sie meint, das neue Fach sei "sehr modern und breit aufgestellt" und gebe auf viele Fragen der Jugendlichen eine Antwort.
"Ich liebe diese Stunden. Gesundheit ist superwichtig", sagt Kopyt. Sie gehörte dem Expertenteam an, das seit 2024 den Lehrplan für das Fach entwarf. "In den jüngeren Klassen reagieren die Schüler auf Sexualthemen manchmal mit Lachen oder Witzen, ich lasse mich aber nicht vom Thema abbringen. Es ist wichtig, die Jugendlichen mit Sexualität vertraut zu machen. Sie sollten wissen, dass man über diese Themen ohne falsche Scham sprechen kann - und auch ohne vulgären Wortschatz", so Kopyt gegenüber der DW.
Entscheidend: attraktive Form und richtiger Umgang mit Eltern
Magdalena Wielogorska leitet eine Grund- und Oberschule STO in Masuren im Nordosten Polens. Nicht ohne Stolz erwähnt sie, dass von 190 Schülerinnen und Schüler ihrer Schule 86 Prozent am Gesundheitsunterricht teilnehmen. "Das Fach ist absolut notwendig", sagt Wielogorska, die selbst Wirtschaft lehrt. "Das Wissen ermöglicht den jungen Menschen, mehr über sich selbst, über ihren Körper zu erfahren und gesund zu bleiben", so die Rektorin.
Entscheidend für die hohe Beteiligung sei die attraktive Form des Unterrichts, meint Wielogorska. Statt eine Stunde pro Woche gibt es in ihrer Schule Unterrichtsblöcke, die mehrere Stunden dauern und mit praktischen Übungen verbunden sind. Auch den richtigen Umgang mit den Eltern hält die Schulleiterin für sehr wichtig: "Auf dem ersten Elternabend habe ich das Konzept ausführlich erläutert und alle Fragen beantwortet", sagt sie.
Zwischen Abschaffung und Pflichtfach
Bildungsministerin Nowacka will nun bis Ende März entscheiden, ob Gesundheitserziehung zum Pflichtfach wird oder fakultativ bleibt. Gegner und Anhänger des umstrittenen Schulfachs versuchen bis zuletzt, Einfluss auf die Ministerin zu nehmen. "Wir erwarten eine schnelle Entscheidung des Ministeriums", sagt Danuta Kozakiewicz, die Direktorin der Warschauer Grundschule 103. "Gesundheitserziehung soll zum Pflichtfach werden. Wir können nicht zulassen, dass ideologische Interessen über das Wohl der Kinder gestellt werden", betont die Pädagogin im Gespräch mit der DW.
"Gesundheitserziehung ist das wichtigste Fach im Schulsystem. Wir sind wütend, dass es von den Politikern in eine politische Schlammschlacht hineingezogen wurde", meint auch der Schüler Pawel Mrozek von der "Schüler-Aktion" (Akcja Uczniowska), in der sich Befürworter des Fachs organisiert haben.
Das Bündnis "Aktion Demokratie" (Akcja Demokracja), in der mehrere demokratische Organisationen vertreten sind, überreichte Ende Februar am Regierungssitz ein Schreiben, in dem das Festhalten an Thema Sexualkunde gefordert wird. "Wir dürfen der Erpressung seitens rechter Kreise nicht nachgeben, sonst wird bald jemand verlangen, dass wir die Evolutionstheorie aus den Lehrplänen entfernen", sagt der DW Jakub Kocjan vom Aktion Demokratie-Vorstand.
Doch auch die Gegner der Gesundheitserziehung zeigen sich unnachgiebig. Die "Koalition für die Rettung der polnischen Schulen", der nach eigenen Angaben mehr als 90 Organisationen angehören, forderte die Tusk-Regierung auf, das Fach zu streichen. Dieses Fach propagiere "Genderideologie", die zum Geschlechtswechsel und damit zur "Verstümmelung des Körpers" führe, heißt es im Aufruf. Gesundheitserziehung als Pflichtfach sei ein "Schlag gegen die psychische und physische Gesundheit der Schüler" und würde die Rechte der Eltern und die Gewissensfreiheit der Lehrer beeinträchtigen.
Unabhängig davon, welche Entscheidung Nawrocka trifft: Die Lebensdauer des umstrittenen Fachs ist nur bis zur Parlamentswahl 2027 gesichert. Der vor Kurzem frisch gekürte Spitzenkandidat der PiS für das Amt des Regierungschefs, Przemyslaw Czarnek, ist ein rechter Hardliner, der als Bildungsminister (2022-2023) alles bekämpfte, was er für "linken Hirngespinste" hielt. Im Falle seines Sieges wird es für Gesundheitserziehung in polnischen Schulen keinen Platz mehr geben.