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In-Game-Fotografie: Virtuelle Kunstwerke

1. September 2021

Videospiele haben eine eigene Kunstform hervorgebracht: Game Art. Eine Spielart davon ist die In-Game-Fotografie. Doch wann wird ein Screenshot zu Kunst?

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Screenshot aus dem Spiel "Red Dead Redemption 2"
"Red Dead Redemption 2" ist eine große Spielwiese für virtuelle Fotografen: "The Smoking Man" von Cristiano BonoraBild: Cristiano Bonora

Früher waren Handys fast ausschließlich zum Telefonieren da. Heute sind sie auch ziemlich gute Taschenkameras. Überall wird ständig fotografiert. Diese Entwicklung macht auch vor Videospielen nicht Halt. Fast jedes große Game, das auf eine breite Zielgruppe abzielt, hat einen Fotomodus, der es den Spielenden ziemlich leicht macht, schöne, emotionale und witzige Momente im Spiel festzuhalten: "Es gibt relativ viele Spielerinnen und Spieler, die das Fotografieren in Spielen als Meta-Spiel etabliert haben. Die spielen gar nicht unbedingt das Spiel selbst, sondern die spielen das Spiel, um Fotos zu machen", sagt der Medienwissenschaftler Stephan Schwingeler.

Ein Souvenir aus einer fiktiven Welt

Cristiano Bonora ist einer von ihnen. Zu Beginn waren die Game-Screenshots für ihn ein Souvenir aus einer Welt, in der er gerne viele Stunden verbracht hat, doch nachdem er einen Fotowettbewerb zu dem Spiel "God of War" gewonnen hatte, wurde das Hobby zur Passion. "Die virtuelle Fotografie ermöglicht es, Fotos von Charakteren und Orten aus deinen fiktiven Lieblingswelten und -geschichten zu machen. Videospiele sind das einzige Medium, das dies erlaubt", sagt er. Zudem könne man mit In-Game-Fotografie wahnsinnig viele Menschen erreichen, da Videospiele auf der ganzen Welt gespielt werden. "Wenn es dir gelingt, eine unglaubliche Aufnahme von einem beliebten Spiel zu machen, erzeugst du ein Bild, zu dem Millionen Menschen einen Bezug haben."

Screenshots aus den Spielen "Horizon Zero Dawn", "Control" und "Shadow of the Colossus".
Vertikale In-Game-Fotografie ist Cristiano Bonoras MarkenzeichenBild: Cristiano Bonora

Wo kein Kläger, da kein Richter

Doch was ist rechtlich erlaubt? In Deutschland greift das Urheberrecht, und zwar unabhängig davon, wo ein Spiel entwickelt wurde. Jeder darf für den privaten Gebrauch Screenshots erstellen. Diesen Screenshot zu veröffentlichen, zum Beispiel im Internet, sei aber ohne Erlaubnis des Spieleherstellers rein rechtlich verboten, so Stephan Dirks, Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht. "Aber ich habe in 15 Jahren anwaltlicher Tätigkeit in diesem Bereich noch nicht eine einzige Abmahnung gesehen. Das kommt in signifikanter Anzahl überhaupt nicht vor." Dafür gebe es zwei Gründe. "Das erste ist, dass die Videospielfirmen die kostenlose Werbung gebrauchen können. Das andere ist, dass sie Angst haben vor einem Aufstand ihrer eigenen Kundschaft, wenn sie anfangen, Abmahnungen auszusprechen."

Porträtbild des Fachanwalts für Urheber- und Medienrecht Stephan Dirks.
Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht: Stephan DirksBild: A. Kock/Baylight Studio

In-Game-Fotografie: Neue Form der Fotografie

Für Cristiano Bonora hat sich mit der virtuellen Fotografie eine neue Art von Fotografie entwickelt, die jedoch noch nicht ausreichend gewürdigt werde, oft selbst nicht mal von Seiten der Spielerschaft, die solche Fotos als lächerliche Screenshots bezeichnete. Um dies zu ändern und die In-Game-Fotografie aufzuwerten, hat er im Dezember 2019 ein Manifest geschrieben, ganz in der Tradition avantgardistischer Bewegungen und Künstlergruppen. "Mit meinem Manifest wollte ich klarstellen, dass In-Game-Fotografie nicht gleichbedeutend ist mit dem Erstellen von Screenshots", erklärt er. "In der Spielebranche gab es schon immer Künstler, deren Aufgabe darin bestand, Screenshots für Werbezwecke zu erstellen. Sie müssen das Spiel als lustig, actionreich und explosiv erscheinen lassen. Aber ihr Job hatte nichts mit Kunst zu tun. Es ging nicht um die Sprache der Fotografie. Ich wollte deutlich machen, dass die virtuelle Fotografie eine neue Form der Fotografie ist."

"Bildkomposition vom Feinsten"

In seinem Manifest beschreibt Cristiano Bonora, was die In-Game-Fotografie auszeichnet: "Virtuelle Fotografie ist Bildkomposition vom Feinsten; wenn man die Zeit anhalten kann, gibt es keine Ausreden." Virtuelle Fotografie erfordere Wissen, Können und Zeit. "Virtuelle Fotografie ist hart." Obwohl die virtuelle Fotografie ihre Schönheit den schönen Spielen verdanke, gehe es nicht nur darum, Spiele in ihrer ganzen Pracht zu zeigen, sondern auch darum, sie zu kritisieren und sie zu nutzen, um etwas über die reale Welt und den Fotografen selbst zu erzählen. "Bei der virtuellen Fotografie geht es nicht um schöne Bilder, sondern um unglaubliche Aufnahmen."

Screenshots aus den Videospielen "Uncharted: The Lost Legacy", "Death Stranding", "The Last of Us Part 2".
Cristiano Bonora will mit seinen Fotografien Geschichten erzählenBild: Cristiano Bonora

Kunst muss nicht schön sein

Die Ästhetik sei ein Aspekt, aber nicht der ausschlaggebende, um aus einem Werk ein Kunstwerk zu machen, ergänzt der Medienwissenschaftler Stephan Schwingeler. "Kunst definiert sich nicht unbedingt dadurch, wie etwas aussieht", sagt er. "Ob etwas schön ist oder nicht oder zum Beispiel besonderen kompositorischen Regeln folgt oder besondere Farben hat, sind keine ausschlaggebenden Kriterien, um ein Artefakt zu Kunst zu machen." Kunst muss also nicht schön sein, keinen ästhetischen Regeln folgen. Joseph Beuys' Fettecke, Kasimir Malewitschs schwarzes Quadrat oder Marcel Duchamps' Readymades gelten als Kunstwerke, brechen aber mit ästhetischen Regeln. "Es ist meines Erachtens wichtig, nicht nur das Ästhetische, das Artefakt zu beurteilen, sondern den Kontext, in dem es entsteht", sagt Stephan Schwingeler. "Alles Mögliche kann Kunst sein, wenn es im Kontext der Kunst stattfindet."

Porträt von Prof. Dr. phil. Stephan Schwingeler.
Kunsthistoriker und Medienwissenschaftler: Professor Stephan SchwingelerBild: Kevin Momoh

In-Game-Fotografie ist eine Spielart der Game Art

Die In-Game-Fotografie fällt in den Bereich der Game Art, eine Kunstrichtung, die sich im weitesten Sinne um Videospiele dreht und mittlerweile in Museen rund um die Welt gezeigt wird. Die Künstlerinnen und Künstler präsentieren dabei jedoch meist nicht "nur" einen Screenshot, sondern gehen einen Schritt weiter, verändern das Bild, erzählen einen andere Geschichte, als die, die das Spiel eigentlich vorsieht oder suchen die Schnittstelle zwischen realer und virtueller Welt.

Virtuelle Fotografie im Museum

Das Künstlerpaar Eva und Franco Mattes liefert eines der ersten Beispiele für künstlerische In-Game-Fotografie. Von 2006 bis 2007 fotografierten sie die Avatare in dem Spiel "Second Life", hievten also die Porträtfotografie in die virtuelle Welt und brachten sie, gedruckt auf Leinwände, in die reale Welt zurück.

Aufnahme einer Tankstelle aus dem Videospiel "Grand Theft Auto V", fotografiert und bearbeitet von Lorna Ruth Galloway
Die US-Künstlerin Lorna Ruth Galloway fotografierte Tankstellen in "Grand Theft Auto V"Bild: Lorna Ruth Galloway

Die Fotografin Lorna Ruth Galloway machte Screenshots von Tankstellen aus dem Spiel "Grand Theft Auto V", bearbeitete sie und erstellte daraus Siebdrucke. Der Verweis auf Ed Ruschas Fotobuch "Twentysix Gasoline Stations" von 1963 ist beabsichtigt und zeigt, wie nah doch virtuelle Fotografie und reale Fotografie beieinander liegen. Ihre Arbeiten sind aktuell im Fotomuseum Winterthur zu sehen. 

Der Fotograf Robert Overweg reist in Videospielen ans Ende der virtuellen Welt und hält es fotografisch fest. Da endet dann zum Beispiel eine Straße vor einer grauen Wand oder Feuertreppen und Reklameschilder schweben eigenartig in der Luft. "Er macht etwas sichtbar, was eigentlich unsichtbar ist, also Momente in der Spielwelt, die eigentlich verborgen sind", sagt Stephan Schwingeler. "Das sind interessante Momente, die man mit keinem anderen Mittel als der In-Game-Fotografie so zeigen könnte."