Huthi-Miliz und Iran-Krieg: Zurückhaltung als Kalkül?
25. März 2026
Die Warnung der Huthi-Miliz war deutlich: Sie werde "angemessene Maßnahmen" ergreifen, sollte der Krieg gegen den Iran weiter andauern. Sie würden dem nicht tatenlos zusehen, zitieren Medien dieser Tage eine Erklärung des von der Miliz geführten Außenministeriums im Jemen. Jeder Versuch, den Krieg auszuweiten oder zusätzliche ausländische Streitkräfte zu entsenden, könnte weitreichende Folgen haben, hieß es warnend.
Ein paar Tage zuvor hatte bereits der Anführer der schiitisch-islamistischen Miliz, Abdul-Malik al-Huthi, laut einem Bericht der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu erklärt, die Bewegung sei entschlossen, im Zweifel auf Seiten Irans in den Krieg einzugreifen. Oder wie er selbst es in seiner vergangenen Donnerstag veröffentlichten Videobotschaft formulierte: "Wir bekräftigen unsere Unterstützung für Iran, Libanon, Palästina und die Heiligen Stätten sowie unsere militärische Bereitschaft entsprechend der weiteren Entwicklungen."
Dennoch: Im Gegensatz zur libanesischen Hisbollah hat die ebenfalls mit dem Regime in Teheran verbündete Huthi-Miliz noch nicht in den derzeitigen Krieg eingegriffen. Anders als im Gaza-Krieg, in dem sie sich mit Angriffen auf die internationale Schifffahrt im Roten Meer beteiligte, hält sie sich zurück.
"Bislang zögerten die Huthis mit ihrem Kampf. Aus Angst vor Attentaten auf ihre Anführer, internen Spaltungen im Jemen und Unsicherheiten hinsichtlich der Waffenlieferungen", heißt es in einer Analyse der Nachrichtenagentur AP. Zugleich sei die Entscheidung "nicht mangelndem Eingriffswillen" geschuldet, sondern eine Frage des Timings - also eine bewusst gesteuerte Zurückhaltung, lautet die Schlussfolgerung.
"Mehr zu verlieren als zu gewinnen"
Auch für Philipp Dienstbier, Leiter des Regionalprogramms Golf-Staaten der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung in Amman, ist die Lage vielschichtig: "Es ist tatsächlich nicht ganz einfach, das von außen zu beurteilen", meint er im Gespräch mit der DW. Vieles spreche dafür, dass mehrere Faktoren wirkten. So könnten sich die Huthi bewusst zurückhalten, "um zu einem späteren Zeitpunkt den militärischen Druck deutlich zu erhöhen", etwa erneut durch Angriffe auf die Schifffahrt im Roten Meer oder die Energieinfrastruktur.
Zugleich habe sich die regionale Lage verändert: Saudi-Arabien - eines der Zielländer der iranischen Angriffe - sei der zentrale externe Akteur im Jemen. Ein Eingreifen der Huthi in den jetzigen Krieg könne daher im Jemen selbst die Versuche gefährden, zu einer dauerhaften politischen Lösung zu kommen - ein Risiko, das die Miliz offenbar vermeiden wolle. Hinzu komme eine intern angespannte Lage im Norden des Landes, die zusätzliche Vorsicht nahelege.
Ähnlich sieht es Luca Nevola, Analyst für die Golfstaaten bei der in Wisconsin ansässigen Beobachtungsstelle ACLED (Armed Conflict Location & Event Data): "Die Huthi sind derzeit nicht nur zurückhaltend, sondern faktisch vollständig inaktiv", so Nevola gegenüber der DW. Es gebe bislang keinerlei militärische Operationen im Zusammenhang mit dem Konflikt, lediglich symbolische Unterstützung für Iran. Der Grund liege vor allem in einer nüchternen Kosten-Nutzen-Abwägung, meint der Experte: "Was sie zu verlieren haben, ist größer als das, was sie gewinnen können."
Andere Analysen kommen zu ähnlichen Schlüssen. Die Motivation der Huthi sei "weiterhin primär innenpolitischer Natur", schreibt etwa die Nachrichtenagentur Reuters. Ihr künftiges Verhalten könne sich aber rasch ändern - abhängig von der regionalen Dynamik und möglichen Verschiebungen im Kräfteverhältnis.
"Erheblicher Grad an Autonomie"
Philipp Dienstbier betont in diesem Zusammenhang die aus seiner Sicht relativ weitgehende Eigenständigkeit der Miliz gegenüber dem Iran. "Die Huthi verfügen in jedem Fall über einen erheblichen Grad an Autonomie", lautet seine Einschätzung. Anders als oft angenommen, würden Entscheidungen der Huthi nicht einfach von dem großen Verbündeten und Unterstützer in Teheran getroffen. Vielmehr verfolgten die Huthi eigene Interessen - auch militärisch, etwa durch den Ausbau von Drohnenkapazitäten. Die relative Unabhängigkeit erkläre, warum sie sich nicht automatisch in jeden Konflikt hineinziehen ließen.
Experte Nevola betont einen anderen Aspekt: Die Huthi seien "im Vergleich zu 2023 geschwächt", unter anderem durch vergangene US-Luftangriffe, wirtschaftlichen Druck und gezielte israelische Schläge gegen ihre Führung. Hinzu komme ein mit den USA seinerzeit geschlossener Waffenstillstand, der bislang eingehalten werde. Auch Nevola betont, dass die vorsichtige Annäherung der Huthi an Saudi-Arabien im Jemen selbst ebenfalls ein Faktor ist, der derzeit einem Kriegseintritt der Huthi eher entgegenstehen würde. Ein Verzicht auf zusätzliche Eskalation im Iran-Krieg könne dagegen im Jemen selbst weiteres Vertrauen schaffen und politische Zugeständnisse ermöglichen.
Furcht vor Vergeltungsschlägen?
Ein weiteres mögliches Motiv kommt hinzu: "Oberste Priorität" der Huthi sei es derzeit, "direkte Vergeltungsmaßnahmen der USA und Israels zu vermeiden", heißt es in einer Analyse des katarischen Nachrichtensenders Al Jazeera. Zudem fürchte die Führung gezielte Angriffe durch israelische Geheimdienste, die bereits in der Vergangenheit Wirkung gezeigt hätten.
Dennoch - die militärische Drohkulisse bleibt bestehen. Die Huthi gelten als mitunter schwer berechenbar, ein späteres Eingreifen in den Iran-Krieg ist daher trotz mehrerer gegenläufiger Interessen auch nicht auszuschließen.
Philipp Dienstbier beschreibt die Huthi als "militärisch resilient". Trotz massiver Angriffe seien sie weiterhin in der Lage, Raketen einzusetzen und selbst Drohnen abzuschießen. Entscheidend sei dabei ihre asymmetrische Stärke als Miliz: "Diese ist schwer einzudämmen." Besonders kritisch wäre seiner Ansicht nach eine Ausweitung des gegenwärtigen Kriegsgeschehens auf die Meerenge Bab al-Mandab - eine der wichtigsten Handelsrouten der Welt.
Dennoch großes Eskalationspotential
Auch der amerikanische Experte Nevola sieht hier das größte Eskalationspotenzial. Denn sollten die Huthi an einem bestimmten Punkt doch noch eingreifen, sei ein Szenario besonders wahrscheinlich: Angriffe auf die kommerzielle Schifffahrt. Diese seien mit vergleichsweise wenig Aufwand zu unternehmen, hätten aber erhebliche symbolische und vor allem auch wirtschaftliche Wirkung. Eine Blockade könnte vor allem Saudi-Arabien treffen, das einen großen Teil seiner Ölexporte über das Rote Meer abwickelt.
Zugleich, so Experte Dienstbier, könnten sich die Folgen weit über die Region hinaus auswirken: Sie würden die ohnehin angespannten Energiemärkte zusätzlich belasten und dem Konflikt "deutlich verschärfte Dynamik" verleihen.
So ergibt sich ein paradoxes Bild: Die Huthi drohen, aber sie handeln nicht. Möglicherweise ist ihnen der Preis zu hoch. Ihre Zurückhaltung könnte aber auch Teil einer mit Iran abgestimmten Strategie sein, erst an einem bestimmten späteren Zeitpunkt der Entwicklung vom Jemen aus eine weitere Eskalation anzustoßen. In diesem Falle ginge es nicht um fehlende Entschlossenheit, sondern schlichtweg um den passenden Zeitpunkt.