Human Flow und elf weitere bemerkenswerte Flüchtlingsfilme | Filme | DW | 16.11.2017
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Filme

Human Flow und elf weitere bemerkenswerte Flüchtlingsfilme

Ai Weiwei erhält für "Human Flow" den Ehren-Bambi. Nicht der erste Film, der sich mit der Flüchtlingsthematik beschäftigt. Ein Rückblick auf elf weitere Werke zum Thema – und ein kritischer Blick auf Ais neuen Film.

Die Reaktionen beim Festival in Venedig Anfang September auf Ai Weiweis Film zur weltweiten Flüchtlingsproblematik waren sehr verhalten. Die Festivalbesucher und später auch die internationale Presse stießen sich zum Teil an den zu "schönen" Bildern des Films und kritisierten die vermeintliche Selbstinszenierung des chinesischen Künstlers.

Es gab aber auch positive Reaktionen: Die bildgewaltigen Tableaus in "Human Flow" wurden hervorgehoben und auch die Tatsache, dass Ai Weiwei mit seinem Film auf die gewaltigen Ausmaße der weltweiten Flüchtlingskatastrophe hingewiesen habe. Jetzt startet der Film in den deutschen Kinos.

Ai Weiwei: "Der Film beruht auf einem tiefen Glauben an den Wert der Menschenrechte."

"'Human Flow' ist eine persönliche Reise, ein Versuch, die Voraussetzungen für Menschlichkeit in unserer Zeit zu verstehen", sagt Ai Weiwei über sein Werk. Der Film beruhe auf seinem tiefen Glauben "an den Wert der Menschenrechte." In Zeiten der Unsicherheit, so Ai Weiwei, bräuchten die Menschen mehr Toleranz, mehr Mitgefühl und mehr Vertrauen untereinander: "Wenn das nicht gelingt, wird die Menschheit mit einer noch viel größeren Krisensituation konfrontiert sein", so das Fazit des seit zwei Jahren in Berlin lebenden Chinesen. 

Filmstill von Human Flow mit Ai Weiwei (picture-alliance/dpa/Human Flow UG)

Ai Weiwei inmitten von Flüchtlingen in einer Filmszene aus "Human Flow"

Man kann Ai Weiwei nicht vorwerfen, er habe für seine Dokumentation zum Thema der weltweiten Flüchtlingsströme nicht genügend Aufwand betrieben. 20 Kamerateams, Dreharbeiten in allen Teilen der Welt, der Besuch von rund 40 Flüchtlingslagern in 23 Ländern, über 1000 Stunden Filmmaterial - die Zahlen, die die Produktionsfirma von "Human Flow" präsentiert, sind gewaltig.

Die Ausmaße der Katastrophe werden in "Human Flow" deutlich

Der Zuschauer sieht - oft aus der Vogelperspektive - die riesigen Ausmaße der Katastrophe. Zu Zehntausenden sind die Menschen auf der Flucht. Flüchtlingscamps ziehen sich scheinbar endlos bis zum Horizont hin, ganze provisorische Flüchtlingsstädte schießen aus dem Boden. Was man dagegen weniger sieht und erklärt bekommt: Warum passiert das alles? Warum ist die weltweite Flüchtlingskatastrophe eine der großen Herausforderungen der Zeit? Was steckt hinter den Menschenströmen? Ai Weiwei dokumentiert, er erklärt nicht.

Man kann Ai Weiwei auch den guten Willen, sich ernsthaft mit diesem großen Problem des 21. Jahrhunderts auseinanderzusetzen, nicht absprechen. Schließlich wurde der heute weltbekannte Künstler selbst in China inhaftiert, vom Staat drangsaliert, musste sein Heimatland verlassen. Ai Weiwei sieht sich auch als Flüchtling. Deshalb gehe ihn das Thema auch ganz besonders an, sagt er: "Ich kann mich in vieles hineindenken, was Migranten empfinden, weil es uns selbst passierte, wenn auch unter anderen Bedingungen."

"Human Flow" wird von der Presse kritisch beurteilt

Warum bleibt doch ein schales Gefühl zurück nach Betrachten des Films? Ein Grund liegt in der Selbstinszenierung Ai Weiweis. Ein künstlerisches Problem, dass auch schon nach der Präsentation des berühmten Fotos diskutiert wurde, auf dem sich der Chinese vor zwei Jahren in der Pose eines toten syrischen Kindes an einem Strand inszenierte. Manche Kritiker warfen dem Chinesen daraufhin Zynismus vor und einen fatalen Hang zur Selbstinszenierung. Andere zeigten sich dagegen positiv beeindruckt und schockiert von der Direktheit der Pose. Der gleiche Effekt tritt nun bei "Human Flow" auf. Letztendlich ist es wohl die ganz persönliche Perspektive des Betrachters - schätzt man solche Art von Kunst oder nicht?

Fragwürdiges ästhetisches Konzept

In vielen Szenen von "Human Flow" ist Ai Weiwei selbst zu sehen, man sieht, wie er mit Flüchtlingen spricht, (symbolisch) einen Pass austauscht, sich die Haare schneiden lässt. Für den Künstler mag das zum ästhetischen Konzept gehören - Ai Weiwei will sich offenbar nicht vorwerfen lassen, er betrachte das Geschehen nur aus der Ferne, aus der Perspektive des wohlsituierten Künstlers. "Als Künstler kann ich nicht abseits der Kämpfe der Menschheit stehen", meint Ai Weiwei. Gleichzeitig fragt man sich jedoch: Wird dadurch das Einfühlungsvermögen des Zuschauers tatsächlich verstärkt?

Und was ist von einer Szene zu halten, die einen Flüchtling zeigt, der ganz offensichtlich nicht länger vor der Kamera verweilen will - Ai Weiwei ihm das aber nicht gestattet. "Ich musste ihnen (den Flüchtlingen, Anm. d. R.) meinen Respekt zeigen. Ich musste sie berühren", bewertet der Chinese den direkten Kontakt zu seinen Protagonisten im Film.

Kritik gilt auch den vielen "schönen" Bildern

Der zweite Vorwurf, der Ai Weiwei von verschiedener Seite nach der Premiere in Venedig gemacht wurde, ist der einer Überästhetisierung seines Bild-Materials. Die Filmaufnahmen - viele Einstellungen stammen von Drohnen - geben der Szenerie nicht selten etwas sehr abgehobenes, fast überirdisch "schönes". Flüchtlinge erscheinen oft als abstrakte Masse - Einzelschicksale, Individuen werden nur selten abgebildet. Dem Vorwurf begegnete Ai Weiwei in einem Interview der dpa: "Im Film geht es um Menschlichkeit. Und deshalb sollte er schön sein, auch wenn sehr traurige Dinge passieren. Menschen haben auch in verzweifelten Lagen immer noch einen Sinn für Schönheit."

DW Premiere Drifting Hackenschen Höfen Berlin Einstein Stiftung Ai Weiwei (DW/Sebastian Gabsch)

Ai Weiwei vor kurzem bei der Präsentation des Films "Drifting" in Berlin

Auf die Kritik, in seinem Film auch humoristische Szenen eingebaut zu haben, begegnete Ai Weiwei in dem dpa-Interview mit einer gewagten Argumentation: "Bei diesem Film sind alle (die deutsche Presse, A. d. Red.) über mich hergefallen. Sie sprechen nicht über das Entstehen des Films, sie sprechen nicht von den Problemen, die der Film aufgreift. Sie kämpfen immer noch darum, eine eigene deutsche Identität zu finden." Er sehe darin persönliche Attacken, die unter die Gürtellinie gingen. Für die britischen und amerikanischen Medien, so der Künstler, sei das kein Problem: "Sie verstehen es als wichtigen Humor."

In den nächsten Wochen entscheiden die Zuschauer

"Human Flow" startet am 16.11. in den deutschen Kinos. Beim Festival in Venedig gab's keine Preise für die Flüchtlingsdokumentation, die vor allem mit deutschen Produktionsgeldern entstand. Auch die Jury um Festivalpräsidentin Annette Bening konnte Ai Weiweis Film nicht überzeugen. Bleibt die Frage: Wie kommt "Human Flow" in den kommenden Tagen und Wochen bei den Zuschauern an?

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