Holocaust-Überlebender: "Wir wurden entmenschlicht"
26. Januar 2026
Leon Weintraub kann sich noch genau an den Tag erinnern, als die Nazis am 9. September 1939 in seiner polnischen Heimatstadt Lodz einmarschierten: "Da kamen sie, fast unendlich scheinende Kolonnen hochgewachsener, gesundheitsstrotzender Jungsoldaten in grünen Wehrmachtsuniformen. Der Gedanke an das Geräusch der nagelbesohlten Stiefel auf dem Kopfsteinpflaster lässt mir noch heute kalte Schauer über den Rücken laufen", erzählt er der DW. "Sie strahlten so viel Macht aus. Sie würden alles zerschmettern, was ihnen in den Weg kommt."
13 Jahre ist er alt und ahnt noch nicht, welche Grauen er durchleben wird. Zusammen mit seinen vier Schwestern und seiner Mutter, die eine kleine Wäscherei betreibt, lebt er im Armenviertel der Stadt. Sein Vater ist gestorben, als er anderthalb Jahre alt war. Die kleine Familie hält zusammen. Leon ist ein aufgeweckter Junge. "Bücher zu lesen und Filme zu schauen, war für mich ein Schlüsselloch, wo ich eine andere Welt gesehen habe", sagt er. Dank eines Stipendiums kann er aufs Gymnasium gehen.
Eingesperrt im Ghetto
Doch die schulische Laufbahn kann er nicht fortsetzen. Im Februar 1940 werden Leon und seine Familie in das Ghetto Litzmannstadt- so hatten die Deutschen Lodz umbenannt - zwangsumgesiedelt. Rund 160.000 Jüdinnen und Juden sind hier eingepfercht, wer versucht zu fliehen, wird erschossen. Die Menschen werden zu Zwangsarbeiten verpflichtet. Leon arbeitet in einer Elektrowerkstatt im Metallressort. Wer den Nazis nützlich sei, hat der Judenrat ihm gesagt, habe höhere Überlebenschancen. (Judenräte waren von den Nationalsozialisten in den besetzten Gebieten eingesetzte Zwangsorganisationen, die die jüdische Gemeinschaft verwalten und als Vermittler zwischen ihr und den deutschen Besatzern dienen sollten, Anm. d. Red.).
Trotzdem: Im Ghetto sterben viele an Seuchen und Hunger. "Also das Wort Hunger hat einen ganz besonderen Platz in meinem Wortschatz, in meinem Gehirn, in meinem Sein", sagt Weintraub. Heute würde man abends von Hunger sprechen, wenn man das Mittagessen ausgelassen habe, aber "das ist kein Hunger, das ist gesteigerter Appetit. Ich habe fünf Jahre, sieben Monate und drei Wochen lang, mit einer einzigen Ausnahme, buchstäblich Hunger gelitten. Ich konnte nicht einschlafen von dem schmerzhaften Druck im Magen und bin damit aufgewacht. Mein einziger Gedanke war, wie ich etwas zu essen bekomme, um den Magen zu füllen."
Abtransport nach Auschwitz-Birkenau
Im Sommer 1944 wird das Ghetto aufgelöst. Der Regierungspräsident der Region, Friedrich Übelhöhe, hatte schon 1939 ein Rundschreiben an die Nazi-Spitzen verschickt, worin er verkündete: "Die Erstellung des Ghettos ist selbstverständlich nur eine Übergangsmaßnahme. Zu welchem Zeitpunkt und mit welchen Mitteln das Ghetto und die Stadt Lodz von Juden gesäubert wird, behalte ich mir vor. Endziel muß jedenfalls sein, daß wir diese Pestbeule restlos ausbrennen."
Den Ghetto-Bewohnerinnen und -Bewohnern allerdings verspricht man zynisch, sie würden anderswo weiter für "das Wohl des Dritten Reiches" arbeiten können.
Leon Weintraub wird, wie so viele andere, in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Das sei nur ein anderes Ghetto, behaupten die Nazis. "Dann kam der Güterzug, eher für einen Viehtransport als für Menschen gedacht", erzählt er. "Wir wurden reingepfercht, so eng, dass man nur stehen konnte. Die Türen wurden verriegelt, es gab kein Essen, nichts zu trinken. Es wurde Nacht, wieder Tag, wieder Nacht." Der Gestank des Eimers für die Notdurft habe alles überlagert.
Irgendwann werden die Türen aufgerissen, jemand brüllt: "Raus, raus." Ihm sei immer noch nicht klar gewesen, wohin die Nazis die Menschen gebracht hatten", erzählt Weintraub. Er habe der Mutter noch zugerufen: "Wir sehen uns drin." Aber er merkt schnell, dass er nicht in einem anderen Ghetto gelandet ist. Aus dem Augenwinkel erkennt er, das der Stacheldrahtzaun unter Strom steht. Bei der sogenannten "Selektion" an der berüchtigten "Rampe" sieht der damals 18-Jährige seine Mutter zum letzten Mal. Die SS-Männer entscheiden, wer weiterleben darf: "Daumen nach rechts; arbeitsunfähig, Daumen links: tot auf Aufschub", sagt Weintraub. Die Mutter stirbt noch am gleichen Tag in der Gaskammer.
Für Leon zeigt der Daumen nach rechts. "Und dann begann die Prozedur der Entmenschlichung", erinnert er sich. Die Menschen wurden entkleidet, geduscht, enthaart und desinfiziert. "Wir wurden allen menschlichen Willens beraubt. Die haben uns gesteuert, und es blieb uns nichts anderes übrig, als Befehle auszuführen."
Der Gaskammer entkommen
Wenn Leon Weintraub an Auschwitz denkt, kommt ihm vor allem der Geruch verbrannten Fleisches in den Sinn. "Aber ich hatte keine Ahnung, dass diese hohen Schonsteine, dieser schwarze, dicke Rauch, dass das verbrannte Menschen sind." Er fühlt sich einsam, kennt kaum ein Gesicht von früher. "Aber ich habe mich wie mit einem Kokon umgegeben, wahrscheinlich aus Selbsthaltungstrieb, um nicht all das Negative an mich heranzulassen. Sonst hätte ich nicht durchgehalten."
Nur durch Zufall überlebt er das Vernichtungslager. Die jugendlichen Insassen von Block 10, wo er untergebracht ist, hat die Lagerleitung bereits für den Gang in die Gaskammer eingeplant. Als gerade kein Wachmann in der Nähe ist, mischt Weintraub sich unter eine Gruppe nackter Häftlinge, die zu einem Arbeitseinsatz ins Lager Groß-Rosen abkommandiert sind. Man hat ihnen gerade die Häftlingsnummer eintätowiert. "Als wir dann zu Kleiderkammern gebracht wurden, hat man mich zu meinem Glück nicht kontrolliert, sonst wäre ich tot gewesen."
Das letzte Bild von Auschwitz, das er mit sich nimmt, ist der Leichnam einer Frau, der am stromführenden Zaun hängt. Sie hat Selbstmord begangen.
Martyrium und Flucht
Die nächsten Stationen des jungen Leon sind die Konzentrationslager Groß-Rosen, Flossenbürg und Natzweiler-Struthof. Die Bilder von den sadistischen Gräueltaten der Nazis haben sich tief in sein Gedächtnis gebrannt: Willkürliche brutale Schläge, die gegen vorbeigehende KZ-Insassen ausgeteilt werden, Demütigungen, das Erhängen von Häftlingen. "Jedes Mal, wenn ich nach Flossenbürg komme, zittern meine Beine", erzählt er der DW. "Ich erstarre für ein paar Sekunden, denn da sehe ich mich wieder im Winter, in diesem kalten Wind. Der ganze Menschenhaufen bewegt sich über den Appellplatz. Das ist ein apokalyptisches Bild."
Kurz vor Ende des Krieges wird Leon Weintraub mit anderen Häftlingen in einen Zug gesetzt, der im Bodensee versenkt werden soll. Dazu kommt es nicht: Die Lok wird von einem französischen Jagdbomber beschossen, der Zug stoppt, Leon gelingt die Flucht. Irgendwann steht er einem französischen Soldaten gegenüber und weiß: Sein Martyrium ist vorbei. Da wiegt der inzwischen 19-Jährige nur noch 35 Kilogramm und ist an Fleckfieber erkrankt. Er lebt, doch er trauert um seine verlorene Familie - bis er durch Zufall erfährt, dass drei seiner Schwestern das KZ Bergen-Belsen überlebt haben. "Und da bin ich Mensch geworden. Das war der Anfang des Weges zurück ins Leben", sagt er.
Weiterleben und erinnern
Leon Weintraub beschließt, Gynäkologe und Geburtshelfer zu werden: "Vor allem, weil ich so eng mit Krankheit und Tod in Berührung war. Ich wollte zu neuem Leben verhelfen." Die britische Militärregierung verschafft ihm 1946 einen Studienplatz in Göttingen - ausgerechnet in Deutschland, dem Land der Täter. Als Arzt weiß er: "Die nationalsozialistische Rassenideologie entbehrt jeglicher wissenschaftlicher Grundlage. Das Gewebe sieht bei allen gleich aus - egal, welche Hautfarbe jemand hat."
1950 kehrt er in sein Heimatland zurück. 1969 wandert er nach Schweden aus, denn in Polen macht sich zunehmend Antisemitismus breit. Und er beginnt, sich gegen das Vergessen einzusetzen. Für ihn ist das eine Verpflichtung gegenüber seinen ermordeten Familienmitgliedern und den Millionen unschuldiger Opfer. Die Erinnerung an sie verblassen zu lassen, sei gleichbedeutend damit, ihnen ein zweites Mal das Leben zu rauben, mahnt Weintraub.
Deswegen hat er sich auch schon als Hologramm verewigen lassen. "Es ist ja kaum ein Menschenleben vergangen, und schon wissen viele junge Menschen nicht mehr, was der Holocaust ist", sagt er. "Und es ist furchtbar, dass es Menschen gibt, die heute wieder zu Pogromen aufrufen, und dass Menschen Angst haben, mit der Kippa auf die Straße zu gehen."
Aber Leon Weintraub ist auch Optimist: "ich bin überzeugt, irgendwann wird der gesunde Menschenverstand siegen und die Menschheit wird einsehen, dass es an der Zeit ist, mit den gegenseitigen Anklagen und dem Bekämpfen Schluss zu machen und gemeinsam eine friedliche Zukunft aufzubauen."
Das Interview führte Matthias Hummelsiep.