Hitler. Mensch, Demagoge, Massenmörder | Geschichte | DW | 14.10.2013
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Geschichte

Hitler. Mensch, Demagoge, Massenmörder

Seine Verbrechen sind so unfassbar wie der Mensch dahinter. Adolf Hitler gibt viele Rätsel auf. Eine neue Biografie zeigt den Diktator als Schauspieler, von dem wir uns bis heute hinters Licht führen lassen.

Es klingt absurd, aber dieser Mann trainierte tatsächlich jahrelang morgens mit dem Expander: Adolf Hitler stärkte so seine Armmuskeln – um den Vorbeimarsch der SA-Kolonnen möglichst lange Zeit mit ausgetrecktem Arm abzunehmen, ohne einmal absetzen zu müssen. Eine Marotte? Eine Unerheblichkeit angesichts der monströsen Verbrechen dieses Mannes? Keineswegs, behauptet jetzt die neue Hitler-Biographie des Hamburger Historikers und Journalisten Volker Ullrich. Er richtet mehr als bisher geschehen, den Blick auf den Menschen Hitler. Dessen Fähigkeit zur Selbstinszenierung (und dazu gehört eben auch das Durchhalten beim "Hitler-Gruß") will er herausarbeiten, um den immer noch rätselhaften Aufstieg Adolf Hitlers zum Diktator zu beschreiben.

Der Mensch Hitler

Die Erstausgabe von Adolf Hitlers Mein Kampf mit einem Porträt Hitlers. (Copyright: picture-alliance/dpa)

Sein Propaganda-Bestseller "Mein Kampf" machte ihn zum Millionär. Aber auch andere Einnahmequellen hatte sich Hitler gesichert

Die Person Hitler ist bis heute von einem eigentümlichen Dunst von Mythen und Legenden umgeben. Zu deren Entstehung hat Hitler selbst zu Lebzeiten gezielt beigetragen. Dass er in kleinsten, materiell beengten Verhältnissen aufgewachsen sei – schlicht gelogen: Die Familie Hitler zählte bei Lichte betrachtet zum wohlsituierten Mittelstand. Dass er selbst als "Führer" und Reichskanzler stets ein asketisches Leben führte und für sich selbst kaum materielle Güter brauchte – ebenfalls eine bewusste Täuschung: Er ließ sich maßgeschneiderte Anzüge liefern, liebte teure Autos und scheffelte nicht zuletzt mit den Einnahmen aus "Mein Kampf" Millionen.

Besonders erfolgreich war Hitler mit seiner Behauptung, er habe eigentlich kein Privatleben. Vielmehr stelle er seine ganze Kraft und sein Leben in den Dienst des deutschen Volkes. Auch bei dieser Annahme geht die Nachwelt nach Ansicht von Volker Ullrich dem Diktator noch immer auf den Leim: "Hitlers Privatleben war reicher, als sich das manche Zeitgenossen und späteren Historiker vorgestellt haben." Nahezu familiär verkehrte Hitler am Obersalzberg in einem auserwählten Kreis von Freunden und politischen Weggefährten, wanderte, schaute gemeinsam mit den Gästen Kinofilme (Propagandaminister Goebbels schenkte Hitler zu Weihnachten 1937 tatsächlich eine Sammlung mit 18 Mickymaus-Filmen) – und seine Geliebte Eva Braun agierte mehr oder weniger offen in der Rolle der Hausherrin.

Adolf Hitler wird bei seiner Fahrt im offenen Wagen durch das Wolfsburger Volkswagenwerk von den Arbeitern mit dem Hitlergruß empfangen (undatiert) (Copyright: picture-alliance/dpa)

Volksnah im offenen Volkswagen vor Arbeitern des Autobauern. Ansonsten bevorzugte er die neuesten Modelle der Konkurrenz Mercedes

Der Mensch als Demagoge

Doch der Mensch Hitler ist nur interessant in seinen politischen Folgen. Seine rhetorischen und schauspielerischen Fähigkeiten stehen für seinen Biographen dabei im Mittelpunkt seiner Talente. Volker Ullrich will Hitler nicht als verhinderten Künstler sehen – ein Bild, das sich in weiten Kreisen bis heute gehalten hat. Als Maler und Architekt war der Mann nur Mittelmaß, seine eigentliche Begabung habe indes auf dem Feld der Politik gelegen: "An taktischer Schläue, an der Fähigkeit, günstige Situationen blitzschnell zu erfassen und auszunutzen, war er allen Konkurrenten in seiner eigenen Partei, aber auch allen Politikern in den bürgerlichen Parteien weit überlegen."

So kann der Blick auf Hitlers Persönlichkeit tatsächlich helfen, seinen Aufstieg zu erklären. Hitler besaß die unglaubliche Fähigkeit, Menschen verschiedenster Einstellungen für sich einzunehmen, und dafür immer wieder wie ein Schauspieler in eine neue Rolle zu schlüpfen, die der jeweiligen Situation angemessen war. Ging es darum, reservierte Zeitgenossen für sich zu gewinnen, heuchelte er Sympathie, konnte sogar wie auf Knopfdruck Tränen fließen lassen. Er beeindruckte Kriegsveteranen ebenso wie adelige Damen, gepflegte Wirtschaftsführer ebenso wie derbe SA-Schläger. Für alle hatte Hitler etwas parat.

Charlie Chaplin als Diktator Hynkel alias Adolf Hitler in Der große Diktator (Copyright: AP)

Charlie Chaplin als Adolf Hitler in "Der große Diktator". Wild gestikulierend, cholerisch. Doch Hitler konnte auch ganz anders

Hitlers äußere Erscheinung mochte auf den ersten Blick alltäglich und durchschnittlich wirken. Doch auf der politischen Bühne verwandelte er sich in einen Demagogen, "wie ihn die deutsche Geschichte noch nicht gekannt hatte", so sein Biograph. Er lässt etwa den 19-jährigen Studenten Golo Mann zu Wort kommen, der Hitler im Herbst 1928 während einer Veranstaltung erlebt: "Gegen die Energie, die Überzeugungskraft des Redners mußte ich mich wehren; was meinem Freund, den ich mitgebracht hatte, rein jüdischer Abstammung, nicht gelang. 'Er hat ja recht', flüsterte er mir zu. Dieses 'Er hat ja recht' – wie oft habe ich es später hören müssen, von Mit-Zuhörern, von denen ich es nie erwartet hätte."

Nicht die erste Hitler- Biografie

Wer in Deutschland eine Hitler-Biografie schreibt, muss sich legitimieren: Braucht es wirklich eine neue Darstellung? Ist über den Mann nicht schon alles gesagt? Bislang dominieren zwei Biographien die Wahrnehmung: Die Darstellung des Journalisten und Historikers Joachim Fest (aus dem Jahr 1973) sowie aus jüngerer Zeit das zweibändige Werk des britischen Historikers Ian Kershaw (1998 und 2000 erschienen).

Volker Ullrich bemängelt allerdings, dass Fest sich in seiner Darstellung Hitlers von dessen Rüstungsminister und Lieblingsarchitekten Albert Speer und seine persönliche Sicht auf den Diktator beeinflussen ließ. Gemeinsam mit Speer hatte schließlich auch Fest dessen "Erinnerungen" geschrieben – und sich von Hitler berichten lassen. Die Darstellung von Kershaw hingegen gilt bis heute als Maß der wissenschaftlichen Dinge. Doch diesen interessierten vor allem die gesellschaftlichen Strukturen, die Hitler ermöglichten, weniger die Persönlichkeit des Diktators.

Für den jetzt erschienenen ersten Teil seiner Hitler-Biografie konnte Volker Ullrich auf zahlreiche Funde in deutschen Archiven zurückgreifen, die bislang von der Forschung unbeachtet blieben. „Überraschend dabei war für mich, wie viel es hier noch zu entdecken gibt, obwohl doch Hitlers Leben als einer der am besten erforschten Gegenstände der Geschichtsschreibung gilt“, sagt Ullrich. Er recherchierte im Nachlass des "Führer"-Stellvertreters Rudolf Heß in Bern, ebenso beispielsweise in einer bislang kaum genutzten Akte des Bundesarchivs in Berlin, in der sich private Rechnungen Hitlers zwischen 1930 und 1933 finden. Sie zeigen etwa, dass der angeblich so bescheidene "Führer" schon sehr früh auf großem Fuß lebte.

Hitler mit seiner langjährigen Geliebten und späteren Ehefrau Eva Braun (Copyright: imago/ZUMA/Keystone)

Hitler privat: Hier mit seiner langjährigen Geliebten und späteren Ehefrau Eva Braun

Der Mensch und Massenmörder

Hitler mochte ein glänzender Rhetoriker und begabter politischer Schauspieler gewesen sein. Aber der Radikalismus Hitlers war hinter keiner Maske verborgen, aus seinen politischen Absichten machte er nie einen Hehl. Dies zeigt sich vor allem bei seinem fanatischen Antisemitismus. "Bei aller taktischen Flexibilität verlor er jedoch das 'Endziel', die 'Vernichtung' der Juden, nie aus dem Auge," so Ullrich.

Die Betrachtung des Menschen Hitler, wie es in dieser Biographie versucht wird, macht den Massenmörder also in keiner Weise auch nur annähernd "menschlicher". "Hitler als menschliches Wesen zu zeichnen heißt selbstverständlich nicht, Sympathien für ihn zu wecken oder gar seine Verbrechen zu verharmlosen," schreibt Ullrich bereits in der Einleitung zu seinem Buch. Und für die Deutschen eröffnet sich mit einem solchen Blick auf den Menschen Hitler keineswegs eine Möglichkeit der Entschuldigung: Der Diktator hat sich wohl politisch hoch geschickt angestellt – aber seine Inhalte nie kaschiert. Da war er stets authentisch.

Volker Ullrich: Adolf Hitler. Die Jahre des Aufstiegs 1889-1939. Biographie. 1068 Seiten. S. Fischer Verlag.

Die Redaktion empfiehlt