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Gig-Economy: Indiens Auslieferer wehren sich

11. Januar 2026

Die digitale Plattformwirtschaft ist in Indien ein wichtiger Jobmotor. Doch fehlende soziale Absicherung und schlechte Bezahlung gefährden die Existenzgrundlage Millionen Beschäftigter. Der Protest nimmt zu.

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Indien |  Amazon Protest: Männer sitzen im Schneidersitz auf dem Boden und heben die Arme zur Abstimmung bei einer Protestveranstaltung gegen Amazon in Indien
Es reicht! Auslieferer von Amazon protestieren gegen die Arbeitsbedingungen des Online-Versandhändlers in IndienBild: Manish Swarup/AP Photo/picture alliance

Raju Kumar arbeitet als Lieferfahrer für Zomato, eine führende indische Online-Plattform für Essensbestellungen, in der Hauptstadt Neu-Delhi. Der 27-Jährige erzählt, er arbeite fast zehn Stunden täglich und kämpfe sich durch die Verkehrsstaus der Stadt, um Bestellungen pünktlich an die Haustüren der Kunden zu bringen. 

Kumar verdient täglich etwa 700 bis 900 Rupien (6,60 bis 8,50 Euro) durch seine Arbeit in der Gig-Economy - ein Arbeitsmarkt, bei dem kleine Aufträge (Gigs) kurzfristig und oft über digitale Plattformen vergeben werden. "Aber es gibt hier keine Jobsicherheit", erklärt er gegenüber der DW.

Arbeiten trotz Schmerzen

"Es reicht eine einzige Kundenbeschwerde oder eine zufällige ID-Sperre - und schon bin ich ohne Vorwarnung und ohne Ersparnisse draußen", fügt Kumar hinzu. Er bezieht sich dabei auf eine Praxis von Online-Plattformen wie Zomato und Uber, die nach Beschwerden das Konto eines Fahrers sperren.

Grund für eine solche Sperrung können sinkende Kundenbewertungen oder Verstöße gegen Unternehmensrichtlinien sein - oder einfach nur ein technischer Fehler. Kumar berichtet, sein Konto sei im vergangenen Monat wegen eines technischen Fehlers eine Woche lang gesperrt worden. Sein Einkommen brach ein und er kam in ernste Schwierigkeiten, weil er seine Miete nicht bezahlen konnte.

Ein Motorradfahrer ist von hinten zu sehen und fährt auf einer befahrenen Straße. Er trägt eine gelbe Arbeitskleidung mit der Aufschrift "Blinkit" auf dem Rücken
Stress: Die Fahrer der Firma "Blinkit" müssen ihre Lieferungen innerhalb von zehn Minuten auszuliefernBild: Debajyoti Chakraborty/NurPhoto/picture alliance

Auslieferern in Mumbai geht es nicht besser. Um die von der Firma vorgegebenen Zehn-Minuten-Lieferfristen einzuhalten, hetzt der 31-jährige Santosh Pawar täglich durch das Wirtschaftszentrum Indiens. Er arbeitet für das Unternehmen Blinkit, das sich auf die Auslieferung von Lebensmitteln spezialisiert hat. "Vergangenen Monat bin ich auf einer überfluteten Straße ausgerutscht und habe mir das Handgelenk gebrochen", erzählt Pawar. "Die Online-Plattform hat mir nicht geholfen."

Das Unternehmen habe weder medizinische Hilfe angeboten noch sein Bedauern geäußert. "Es kam nur eine Nachricht mit der Frage, wann ich wieder online sein würde", sagt er. Er arbeite trotz der Schmerzen weiter. "Wenn ich nicht liefere, haben wir nichts zu essen."

"Endloses Schuften"

"Unsere Zukunft sieht unsicher und ungewiss aus. Es gibt keine feste Arbeit, nur endloses Schuften und Familiensorgen", bestätigt Priya Sharma, die als Gig-Arbeiterin in Neu-Delhi im Bereich Beauty-Dienstleistungen arbeitet. "Jede stornierte Bestellung zerstört ein Stück unserer Träume. Es gibt kein Sicherheitsnetz für die Zukunft." 

Wenn der Algorithmus dein Chef ist - Shift

Laut der Denkfabrik der indischen Regierung NITI Aayog(National Institution for Transforming India) ist die Gig- und Plattformwirtschaft ein wichtiger Jobmotor. In einem bereits 2022 veröffentlichten Strategiepapier heißt es, der Aufstieg digitaler Plattformen, die weit verbreitete Nutzung von Smartphones sowie die steigende Nachfrage nach flexiblen Arbeitsmodellen trieben das Wachstum an. Die Prognose ist deutlich: Indiens Gig-Belegschaft soll von 7,7 Millionen im Jahr 2020/21 auf rund 23,5 Millionen im Zeitraum 2029/30 anwachsen.

Wachsende Wut und Frustration

Mit der wachsenden Belegschaft wächst auch die Unzufriedenheit über die Arbeitsbedingungen. Denn Plattformen können Konten ohne Vorwarnung und ohne Erklärung sperren - und damit Arbeitern das Einkommen entziehen. Wer krank wird oder sich bei der Arbeit verletzt, hat meist weder Versicherung noch Anspruch auf bezahlten Urlaub. Die Risiken tragen allein die Mitarbeitenden, während die Plattformen die volle Kontrolle behalten. An Silvester, einem der geschäftigsten Tage des Jahres für Lieferdienste, organisierten deshalb einige Arbeitnehmerverbände einen Streik.

Ein rotgekleideter Fahrer eines Lieferdienstes fährt auf einer überfluteten Straße in Mumbai. Es ist dunkel, er trägt keinen Helm und das Wasser spritzt nach allen Seiten
Die Fahrer der Lieferdienste sind hohen Sicherheitsrisiken ausgesetzt und haben im Ernstfall bisher keine soziale Absicherung wie Unfall- oder Krankenversicherung Bild: Francis Mascarenhas/REUTERS

Die Streikenden forderten ein Mindestmonatseinkommen für alle Gig-Arbeiter zwischen 24.000 und 40.000 Rupien (227 bis 380 Euro). Außerdem verlangten sie transparente Zahlungssysteme und das Ende willkürlicher Kontosperrungen. 

"Unser Ziel ist es, die Wahrnehmung der Gig-Arbeiter als bloße Zeitarbeitskräfte zu verändern", sagt Gewerkschaftlerin Sanjay Gaba, Präsident der "All-India Gig and Platform Workers Union", gegenüber DW. "Wir wollen sie in eine gemeinsame Arbeiterbewegung einbinden, in der ihre Arbeit mit Würde anerkannt wird und ihnen gleiche Chancen in einem sicheren Arbeitsumfeld angeboten werden."

"Der Kampf beginnt jetzt"

Die indische Regierung hat bereits reagiert und kürzlich neue Arbeitsgesetze eingeführt, die einen nationalen Mindestlohn vorschreiben und Sozialleistungen auch auf den informellen Sektor und Gig-Arbeiter ausweiten sollen. Prashant Swardekar, Präsident des indischen Verbandes der App-basierten Transportarbeiter, forderte zusätzlich die Einrichtung eines Sozialfonds für Gig-Arbeiter. "Wir wollen, dass Plattformen in einen Fonds einzahlen, der Krankenversicherung, Unfallversicherung, Renten und andere Schutzmaßnahmen bietet - Dinge, die den Arbeitern derzeit völlig fehlen", sagte er gegenüber DW.

"Die Streiks an Silvester waren nur ein Vorgeschmack", sagte Swardekar und warnte vor weiteren Streiks: "Der Kampf beginnt jetzt, und wir werden unsere Forderungen in den kommenden Wochen und Monaten durchsetzen."

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