Gibt es eine Zukunft für Hansi Flick und Oliver Bierhoff? | Sport | DW | 02.12.2022
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Fußball-WM

Gibt es eine Zukunft für Hansi Flick und Oliver Bierhoff?

Nach dem Desaster der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM in Katar läuft die Suche nach den Verantwortlichen. Bundestrainer Hansi Flick und besonders DFB-Geschäftsführer Oliver Bierhoff stehen dabei im Fokus.

Oliver Bierhoff und Hansi Flick

Oliver Bierhoff (l.) und Hansi Flick (r.): Geht es bei der Nationalelf mit diesem Führungsduo weiter?

Zum zweiten Mal in Folge in der Vorrunde einer Fußball-WM ausgeschieden - das Achtelfinal-Aus bei der EURO 2020 eingerechnet, endet für die deutsche Nationalmannschaft in Katar das dritte Turnier in Folge unrühmlich und viel früher als geplant. Abgesehen vom 1:1 gegen die Spanier im zweiten Gruppenspiel, bei dem Einsatz und Kampfgeist über 90 Minuten überzeugten, stimmte bei den Auftritten der deutschen Mannschaft in Katar nicht viel.

Bierhoff und Flick wollen weitermachen

"Wer mich kennt, der weiß, dass wir es sehr schnell aufarbeiten", sagte Bundestrainer Hansi Flick noch in der Nacht vor der Abfahrt vom Stadion in Al-Khor, wo der viermalige Weltmeister trotz des 4:2 (1:0) gegen Außenseiter Costa Rica unter dem Strich einmal mehr enttäuscht hatte. Gedanken über persönliche Konsequenzen formulierte Flick nicht. Bereits bei der Pressekonferenz vor dem Spiel hatte er gesagt, dass er auch im Falle eines Scheiterns weitermachen werde, schließlich laufe sein Vertrag noch bis nach der Heim-EM 2024.

Gleiches gilt für Oliver Bierhoff, den DFB-Geschäftsführer der Nationalmannschaft. Beide haben die vergangenen 18 Jahre beim Nationalteam entscheidend mitgeprägt. Flick arbeitete von 2006 bis zum WM-Titel 2014 erfolgreich als Co-Trainer Joachim Löws und war anschließend für gut zwei Jahre DFB-Sportdirektor. Zwar war Flick während der WM 2018 nicht mehr beim DFB tätig und auch bei der EURO 2021 nicht dabei, aber er trägt Mitschuld am Ausscheiden in Katar. Bierhoff dagegen verantwortet die Entwicklung des DFB-Teams bereits seit 2004. Kann es mit ihm ein "weiter so" geben?

"Das müssen andere entscheiden", meinte Bierhoff, schloss aber trotz des frühen Scheiterns bei der WM persönliche Konsequenzen aus. "Ich habe ein sehr gutes Gefühl für mich", sagte der 54-Jährige. Dass aber auch er infrage gestellt wird, war ihm sehr wohl bewusst. "Leider habe ich mit drei schlechten Turnieren keine Argumente, die ich dagegenhalten könnte", räumte Bierhoff ein.

Neuendorf fordert Perspektiven für 2024 

Einer der "anderen", die eine Entscheidung bezüglich Bierhoff treffen müssen, ist DFB-Präsident Bernd Neuendorf, der in einer ersten Reaktion eine Jobgarantie für Flick und Bierhoff verweigerte. Zunächst sei eine eingehende Analyse nötig. Der Fahrplan sehe vor, "dass wir uns in der kommenden Woche zusammensetzen werden", sagte Neuendorf am Freitag vor dem Abflug der DFB-Auswahl aus Doha. An diesem ersten Treffen werde auch DFB-Vize Hans-Joachim Watzke teilnehmen, der als Kritiker Bierhoffs gilt.

DFB-Präsident Bernd Neuendorf hinter zahlreichen Mikrofonen bei Pressestatement am Flughafen

DFB-Präsident Bernd Neuendorf fordert nach dem Ausscheiden der DFB-Elf eine klare Analyse

"Meine Erwartung an die sportliche Leitung ist, dass sie zu diesem Treffen eine erste Analyse vornimmt, eine sportliche Analyse dieses Turniers", sagte Neuendorf. "Dass sie aber auch Perspektiven entwickelt für die Zeit nach dem Turnier mit dem Blick auf die Europameisterschaft im eigenen Land." Die Analyse müsse "die Entwicklung der Nationalmannschaft und unseres Fußballs seit 2018" umfassen. Das Ausscheiden aus dem Turnier schmerze außerordentlich, so der DFB-Chef. Dennoch müsse man "den Blick nach vorne richten" und " ein geordnetes Verfahren einleiten, wie wir mit dieser Situation umgehen".

Flick: "Haben gute Arbeit geleistet"

Darauf, wie selbstkritisch die Analyse von Seiten Flicks und Bierhoffs ausfällt, darf man gespannt sein. In ersten Statements fand Flick nicht, dass es an ihm gelegen habe. "Mein Trainerteam und ich haben gute Arbeit geleistet", sagte er. Dabei hat auch der Bundestrainer Fehler gemacht. Im ersten Spiel gegen Japan schwächte er seine Mannschaft ohne Not, in dem er beim Stand von 1:0 mit Thomas Müller und Ilkay Gündogan zwei Spieler der Achse, die dem Team Halt gegeben hatten, auswechselte. Auch gegen Costa Rica war der Kapitän von Manchester City der erste, der vom Platz musste, obwohl es neben ihm durchaus noch andere Kandidaten gegeben hätte.

Shakehands zwischen Bundestrainer Hansi Flick und Ilkay Gündogan bei dessen Auswechslung im WM-Spiel gegen Japan

Immer früh vom Platz: Ilkay Güdogan wurde von Hansi Flick in allen drei WM-Spielen ausgewechselt

Doch es sind nicht nur einige Entscheidungen, die Flick in Katar vor den Spielen bei der Wahl der Aufstellungen und während der Spiele an der Seitenlinie getroffen hat, die den Bundestrainer angreifbar machen. Er muss sich zudem den Vorwurf gefallen lassen, in seiner nun 15-monatigen Amtszeit, keine stabile und konstante Defensivformation gefunden zu haben - und ebenso keine verlässliche Lösung für die Offensive. Ob es mit Timo Werner, Marco Reus und Florian Wirtz, die wegen Verletzungen nicht dabei sein konnten, besser gelaufen wäre, sei dahingestellt. Ebenfalls, ob das Team erfolgreicher gewesen wäre ohne einige alternde Stars, die ihren Zenit möglicherweise überschritten haben oder in Katar nicht im Vollbesitz ihrer Kräfte waren, wie Manuel Neuer und Thomas Müller.

Bierhoff im Fokus der Kritik

Da Flick bei der WM in Katar sein erstes Turnier als Cheftrainer erlebte, dürfte man über ihm den Stab wohl nicht sofort brechen. Anders sieht es dagegen bei Bierhoff aus: Der ehemalige Nationalspieler und Torschütze des "Golden Goal" im EM-Finale von 1996, hat in den vergangenen Jahren immer wieder Minuspunkte gesammelt. Abgesehen davon, dass er als DFB-Geschäftsführer die dritte Turnier-Katastrophe nacheinander verantwortet, steht er für viele Kritiker stellvertretend für die Entfremdung der Fans von der DFB-Elf.

Bierhoff war derjenige, der den Ausbau der "Mannschaft" als Marke und Marketing-Vehikel maßgeblich anschob, der auf Pressekonferenzen irgendwann nur noch von "Stakeholdern", "Partnern" und der "Bildsprache" der Nationalelf sprach und seltsame Hashtags wie #ZSMMN oder #BestNeverRest verantwortete, die mit der Realität auf dem Platz nur wenig zu tun hatten. In Katar machte Bierhoff in den Augen vieler Fans auch im Streit mit der FIFA wegen der "One Love"-Armbinde keine gute Figur, dann kam das frühe Aus in der Vorrunde.

Ob er trotzdem weitermachen darf? Seinen Job rettete Bierhoff nach der WM 2018 nur dank der - wenn auch sehr späten, aber dafür recht schonungslosen - Analyse, in der Joachim Löw und er "Arroganz" und ein "selbstgefälliges Auftreten" einräumten. Hinzu kam, dass der damalige DFB-Präsident Reinhard Grindel keine Notwendigkeit sah, personelle Änderungen vorzunehmen. Das könnte diesmal anders sein.

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