″Gespenstisch″: der Autor Thomas Meyer über Antisemitismus | Bücher | DW | 25.10.2019
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Bücher

"Gespenstisch": der Autor Thomas Meyer über Antisemitismus

Ein neues Buch, ein Film bei Netflix, eine Lesereise - und doch bewegt den Schriftsteller Thomas Meyer derzeit etwas anderes. Im DW-Gespräch erzählt er von seinen Gefühlen nach dem Anschlag in Halle.

Gut zwei Wochen nach dem antisemitische Anschlag in Halle an der Saale ist Thomas Meyer die Bestürzung und die Wut über das Geschehene noch anzumerken: "Das bestürzt mich nicht nur, das ist einfach gespenstisch", sagt er im Gespräch mit der Deutschen Welle. Das, was er in seinem neuen Buch beschreibe, zeige sich jetzt in der Gegenwart.

Am 9. Oktober, als der Täter von Halle die Synagoge zu stürmen versuchte, um dort möglichst viele Juden zu töten, habe er gerade in der ehemaligen Synagoge im bayrischen Fellheim gelesen. Die habe man dann unter Polizeischutz gestellt: "Ich las also von einer Geschichte, die sich am selben Tag zugetragen hat, das war gespenstisch." Das verstöre ihn bis heute.

Thomas Meyers Romandebüt entwickelte sich zum Bestseller

Der Schweizer Thomas Meyer, 1974 in Zürich geboren, ist Sohn einer jüdischen Mutter und eines christlichen Vaters. Über die Landesgrenzen bekannt wurde Meyer vor sieben Jahren mit seinem ersten Roman "Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse", der sich zu einem fulminanten Bestseller entwickelte und über ein Jahr lang zu den meistverkauften Titeln in der Schweiz zählte.

Schauspieler Joel Basman als Motti auf einem Fahhrad (picture-alliance/dpa/E. Leanza)

Motti (Joel Basman) in der Verfilmung von "Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse"

In dem Buch erzählt Meyer von seinem Helden Motti, der in einem orthodoxen jüdischen Elternhaus in Zürich aufwächst und nach dem Willen seiner dominanten Mutter unbedingt eine jüdische Frau ehelichen soll. Doch Motti wiedersetzt sich dem Ansinnen seiner "Mamme" und beginnt, über sein Jüdischsein nachzudenken. Er verliebt sich in eine Nicht-Jüdin, eine Schickse. Für seine Mutter ein Alptraum.

Ironisches Spiel mit jüdischen Werten und Traditionen

Meyers Debütroman bot eine herrlich-witzige Auseinandersetzung mit traditionellen jüdischen Werten, spielte mit Vorurteilen, vereinte Sprachwitz und Situationskomik. Meyer wurde als "Geistesverwandter" von Woody Allen beschrieben. Das Besondere: "Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse" integrierte zahlreiche jiddische Wörter, stellte Wortneuschöpfungen dazu und endete mit einem Glossar - für den ungeübten Leser.

Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse Dreharbeiten (picture-alliance/dpa/E. Leanza)

Schauplatz Zürich: Bei den Dreharbeiten der Verfilmung von Meyers Debütroman

Das Buch wurde nicht nur ein Verkaufsschlager, sondern auch erfolgreich verfilmt. Und auch die Kinoversion von Meyers Debütroman zog in der Schweiz die Menschen in Scharen an. Das fiel sogar dem US-Streamingriesen "Netflix" auf, er bietet den Film ab dem 25. Oktober als erste Schweizer Produktion überhaupt weltweit seinen Kunden an.

Meyers neuer Roman knüpft an den Vorgänger an

Derzeit befindet sich Thomas Meyer noch auf Lesetour - mit der Fortsetzung seines Debüts. "Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin", so der Titel: "Es ist eine Fortsetzung, weil das neue Buch genau dort beginnt, wo das alte endet und weil die Voraussetzung, die Motti da mitbringt fürs neue Buch, im alten angelegt ist", erzählt Meyer.

Doch der Autor hat seine Thematik gewaltig ausgeweitet. Zwar ist auch das neue Buch heiter vom Tonfall, satirisch und sarkastisch vom Plot her, doch ist es nun nicht mehr das private Umfeld Mottis, das die Romanhandlung vorantreibt, sondern ein Stück erfundene Weltgeschichte.

Zwei Handlungsstränge setzt Meyer gegeneinander: Motti verschlägt es nach seinen unglückseligen Liebschaften in der Schweiz nach Israel, wo er Aufnahme findet in einem skurrilen Club jüdischer Bürger, die eine Art Weltherrschaft anstreben: "Zum einen hatte ich Jahre nach Beendigung des ersten Romans die Idee, dass es ganz lustig wäre, wenn es diese jüdische Welt-Verschwörung tatsächlich gäbe, wenn das aber gleichzeitig eine totale Stümper-Truppe wäre, die es (mit eben jener jüdischen Welt-Herrschaft, A.d.R.) nicht schafft", erläutert der Autor sein Spiel mit dem Mythos einer von Antisemiten immer wieder in die Welt posaunten "jüdischen Welt-Verschwörung".

Deutsche Nazis wollen wieder an die Macht

Zum anderen präsentiert uns Thomas Meyer einen versprengten Haufen Nazis, der sich nach 1945 irgendwo in den bayrischen Bergen verschanzt und plant, mit Hilfe von obskuren Wunderwaffen den Nationalsozialismus wieder in Deutschland zu etablieren. Hier beschreibt Meyer auf fiktiver Ebene das, was jetzt - vor dem Hintergrund des Anschlags in Halle - so bestürzend aktuell erscheint.

Berlin Unteilbar-Demonstration (imago images/C. Ditsch)

Solidaritäts-Marsch in Berlin nach dem Anschlag von Halle

Im Laufe der Romanhandlung führt Meyer beide Erzählstränge zusammen. Eine verrückte Plot-Konstruktion? Auf jeden Fall: "Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin" ist wüste Roman-Kolportage, überdrehte Geschichts-Satire, ein irres Spiel mit gesellschaftlichen Vorurteilen und deutsch-jüdischen Gefühlslagen.

Beide "Wolkenbruch"-Bücher entspringen derselben Quelle, sind aber doch ganz unterschiedlich: "Es ist dasselbe Auto, aber ein krasser Kurswechsel", beschreibt Meyer seinen neuen Roman in der für ihn typischen Art mit einer Mischung aus Witz und Klarheit.

Und es geht bei Meyer wieder um die Frage: Was ist Antisemitismus? "Ich glaube, der Antisemitismus ist eine Konstante, weil es einfach sehr viele Menschen gibt, die ein Bedürfnis haben, 'gegen' etwas zu ein und sich dann etwas auswählen: gegen Ausländer. Gegen den Staat. Gegen die Frauen. Gegen Umweltschutz. Oder eben gegen die Juden, das ist der Evergreen."

Thomas Meyer spricht sich klar gegen Antisemitismus aus

Hat sich denn in Sachen Antisemitismus etwas aktuell verändert in Deutschland? "Was sich verändert hat, ist natürlich die Möglichkeit, dies zu äußern. Das ergibt den Eindruck, es habe sich gesteigert." Und noch eine Veränderung nimmt der Autor wahr, die Akzeptanz in der Gesellschaft, antisemitische Äußerungen hinzunehmen: "Ich stelle fest, dass es unproblematisch ist, sich rassistisch zu äußern." Das sei die Schuld des Internets, spiele sich aber auch im privaten Umfeld ab: "Die Leute gucken betreten, aber niemand sagt: 'Was Du da sagst, ist rassistisch. Schäm Dich dafür!' Und: 'Ich will niemals wieder so was hören!'"

Der Autor Thomas Meyer auf der Buchmesse in Frankfurt 2019 (DW/J. Kürten )

Zwei Gesichter des Thomas Meyer: im Roman wählt er beim Thema Rassismus die Satire, im Alltag die direkte Ansprache

Das vermisse er vor allem, beklagt Meyer: "Es reicht einfach nicht zu sagen: 'Wir finden das nicht gut…wir wollen das nicht.'" Meyer erinnert in diesem Zusammenhang an den #haltdiefresse. Dies sei eine angemessene und richtige Antwort auf antisemitische Äußerungen: "Wirklich aufzustehen, sich hinzustellen vor die Verursacher und zu sagen: Halt die Fresse." Sonst hätten diese Leute ja nichts zu befürchten, ist der Autor überzeugt. Bestürzt sei er vor allem über die Entwicklung im Internet: "Fake News, Hetze im Netz, eine Salonfähigkeit des Antisemitismus: Man 'darf' ganz viele Dinge jetzt wieder sagen."

Das Buch ist eine Satire, im Alltag sieht das anders aus...

Thomas Meyers neuer Roman ist allerdings nicht in diesem "Halt-die-Fresse"-Duktus geschrieben, räumt der Autor ein und sagt auch, warum nicht: "Weil ich ja ein unterhaltsames Buch schreiben wollte, und ich glaube auch, dass man diese Dinge auch der Lächerlichkeit preisgeben muss." Der Roman sei "ja auch ein Buch, keine persönliche Begegnung." Sein Buch sei "nicht Zeuge eines rassistischen Übergriffs." Sonst würde er ganz andere Worte wählen.

Thomas Meyers Roman "Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin" ist im Schweizer Diogenes-Verlag erschienen. Netflix strahlt ab 25.10. die Verfilmung von Meyers Debüt "Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse" aus.

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