​​​​​​​David Harris: ″Es ist Zeit aufzuwachen″ | Kultur | DW | 11.10.2019
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Antisemitismus in Deutschland

​​​​​​​David Harris: "Es ist Zeit aufzuwachen"

Nach dem Anschlag in Halle sagt der Direktor des American Jewish Committee, David Harris: Deutschland habe die Gefährdung von Juden lange Zeit unterschätzt. Es gelte, Stärke im Kampf gegen Antisemitismus zu zeigen.

Blumen und Kerzen liegen vor der Synagoge in Halle. (AFP/R. Hartmann)

Menschen drücken ihre Anteilnahme vor der Synagoge in Halle mit Blumen und Kerzen aus

Deutsche Welle: Herr Harris, die Deutschen sind immer noch geschockt nach dem Anschlag in Halle, bei dem ein bewaffneter Mann versuchte, in eine Synagoge einzudringen und anschließend zwei Passanten erschoss. Was muss nun geschehen?  

David Harris: Die Tragödie in Halle war eine weitere schmerzhafte und ernüchternde Erinnerung an die sehr reale Bedrohung durch Antisemitismus in Deutschland. Sie zeigt auch, dass die Sicherheitsvorkehrungen verschärft und die Reaktionszeit der Polizei verkürzt werden müssen. Erst wenige Tage zuvor wurde eine andere Terror-Attacke gegen eine Berliner Synagoge durch Sicherheitskräfte vereitelt. Was beiden Angriffen gemein ist, ist die Tatsache, dass sie aus Judenhass geschehen sind. Der Unterschied ist, dass der Täter in Halle ein Rechtsextremer zu sein scheint, während der Täter in Berlin wohl ein syrischer Flüchtling war. Die Lehre, die deutsche Behörden nun daraus ziehen müssen, ist, dass sie ein genaues Auge auf die Bedrohung für Juden aus verschiedenen Quellen haben müssen. Da gibt es noch viel zu tun. 

Berlin | David Harris, Geschäftsführer der American Jewish Committee (AJC) (Imago Images)

David Harris

Die Zahl antisemitischer Vergehen nimmt in Deutschland zu, zum Teil auch durch die Migration aus arabischen Ländern. Sind Sie zuversichtlich, dass Deutschland solche Vorfälle unter Kontrolle bringen wird?

Der wachsende Antisemitismus in Deutschland ist nicht nur für die jüdische Gemeinschaft eine große Herausforderung, sondern auch für die deutsche Gesellschaft. In den letzten Jahren machte es Deutschland sehr stolz, dass viele Juden zuzogen und diese keine Angst mehr angesichts der Vergangenheit hatten. Aber jetzt, wo antisemitische Vorfälle wieder beträchtlich zunehmen und es von offizieller Seite heißt, dass Juden, die eine Kippa tragen, nicht ganz sicher seien, wächst die Sorge (Harris spielt auf die Aussage des Beauftragten für jüdisches Leben in Deutschland, Felix Klein, an, der zufolge er Juden nicht empfehle, jederzeit überall in Deutschland die Kippa zu tragen. Anm. d. Red.). Egal ob der Hass von extrem Rechten oder Migranten kommt, oder von woanders, Deutschland muss sich dieser Pathologie stellen und sie überwinden. 

Was genau muss Deutschland Ihrer Meinung nach tun? 

Mein Eindruck ist es, dass Deutschland, genau wie einige andere europäische Staaten, die Gefährdung von Juden lange unterschätzt hat. Es ist Zeit aufzuwachen und die Gefahr klar und deutlich zu erkennen. Nachdem in den Nachkriegsjahren so viel für den Wiederaufbau des jüdischen Lebens in Deutschland geleistet wurde, wäre es eine große Tragödie, wenn Deutschland erneut als gefährlicher Ort zum Leben und Beten für Juden angesehen würde. Erst vor wenigen Monaten sagte der deutsche Antisemitismusbeauftragte (gemeint ist Felix Klein, Anm. d. Red.),dass das Land die Sicherheit von Juden, die sich als solche zu erkennen geben, nicht länger gewährleisten könne, und rief sie zur Vorsicht auf. Wir sind überzeugt, dass das eine Fehler war, denn es zeigte Schwäche und keine Stärke im Kampf gegen Antisemitismus. Es ist Zeit, Stärke zu zeigen.

Hinterkopf eines Mannes mit Kippa. (picture-alliance/dpa/F. Gambarini)

Nur wenige Juden in Deutschland zeigen sich mit Kippa in Deutschland erkenntlich

Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm Deutschland eine pazifistische Haltung ein. Halten Sie das für gut oder unpassend?  

Als Kind von Holocaust-Überlebenden befinde ich mich in der eher ironischen Position zu sagen, dass ich für höhere Verteidigungsausgaben und Geld aus diesem Etat für unsere kollektive Verteidigung wäre. Das sage ich nur, weil ich Vertrauen ins heutige Deutschland habe, nachdem ich dort im Laufe der Jahre viel Zeit verbracht habe. Seit 1994 haben das American Jewish Committee (AJC) und das deutsche Militär eine einzigartige Verbindung, deren 25-jähriges Bestehen wir dieses Jahr feiern.

US-Präsident Donald Trump ist ein enger Verbündeter des israelischen Premierministers Benjamin Netanjahu. Aber ist Trump auch ein guter Fürsprecher für Juden weltweit?

Als unparteiische Organisation zieht es AJC vor, über Inhalte zu sprechen, nicht über Personen oder Parteien aus demokratischen Ländern. Amerikanische Juden sind tief gespalten, wenn es um Trumps Gesamtauftritt geht. Aber aus Sicht Israels und seiner Führung herrscht große Zufriedenheit bezüglich dessen, wie er sich innerhalb der amerikanisch-israelischen Beziehungen positioniert, wie die USA bei den Vereinten Nationen abstimmen und wie sie sich in Bezug auf die Bedrohung durch den Iran verhalten.  

Manche behaupten, wegen Trump habe die Zwei-Staaten-Lösung keine Zukunft. Die Europäer sind kritisch. Was würden Sie einem Land wie Polen empfehlen, das zwischen dem Weißen Haus und Brüssel hin- und hergerissen ist? 

Es ist bei weitem komplizierter, als dass man sagen könnte, Trump ist für die schwindende Chance auf eine Zwei-Staaten-Lösung verantwortlich. Die dafür eigentlich verantwortliche Seite ist die palästinensische Führung, die von 1947 an ein Angebot nach dem anderen abgelehnt hat. Das Ergebnis ist, dass weniger Israelis an die Möglichkeit einer solchen Lösung glauben, solange es keinen ernsthaften und glaubwürdigen Partner gibt - so sehr sie es sich auch wünschen mögen. Ganz allgemein sollten Polen und Europa meiner Meinung nach Israels reale Herausforderungen und Dilemmata in Sachen Sicherheit und ihr Bestreben, darin voranzukommen, erst einmal besser verstehen. Zum Zweiten sollten sie mehr Aufmerksamkeit darauf lenken, wie "der Tag danach", die Zeit nach dem Abschluss eines Friedensabkommens, aussehen könnte. Mit anderen Worten: Europa kann anbieten, dabei zu helfen, dass in dem engen Raum zwischen Israel im Westen und Jordanien im Osten nicht ein gescheiterter palästinensischer Staat entsteht. Das könnte ein wichtiger Beitrag Europas sein.  

Warum fokussiert sich AJC auf Europa im Hinblick auf die Frage der Hisbollah? 

Im Jahr 2013, nach vielen Jahren der Verleugnung, hat die Europäische Union den sogenannten "Militärflügel" der Hisbollah als terroristische Gruppe eingestuft, aber nicht den sogenannten "politischen Flügel". Das ist eine Illusion. Die Hisbollah ist eine Organisation, nicht zwei. Das sagt sie auch von sich selbst. Und auch die USA, Kanada, die Arabische Liga und andere tun dies. Um im Krieg gegen den Terror, der auch auf europäischem Boden stattfindet, echte Entschlossenheit zu zeigen, sollte die EU unter der Führung Deutschlands ihre 2013 begonnene Arbeit beenden. Darüber hinaus ist die Hisbollah eine antisemitische Organisation, die zu Israels Vernichtung aufruft. Deutschland ist dem Kampf gegen Antisemitismus verpflichtet, genau wie die Sicherheit Israels zu unterstützen. Auch deshalb sollte Deutschland in der Hisbollah-Frage in Europa die Führung übernehmen.

Das Gespräch führte Magdalena Gwozdz-Pallokat.

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