Gefangen in der Ostukraine | Europa | DW | 23.01.2020
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Ukraine, Separatistengebiete und Russland

Gefangen in der Ostukraine

Sie verteilten proukrainische Flugblätter in den Separatistengebieten und landeten im Gefängnis. Nach dem jüngsten Gefangenenaustausch berichten zwei Frauen aus der Ostukraine über ihr Schicksal.

Wenn die Ukraine, Russland und die von Moskau unterstützten Separatisten Gefangene austauschen, geht es meist um Männer, in Gefangenschaft geratene Kämpfer und Zivilisten. Doch es sind auch Frauen darunter. Beim jüngsten Austausch am 29. Dezember übergaben die prorussischen Separatisten insgesamt 76 Personen an die Ukraine, davon mehr als ein Dutzend Frauen. Die Deutsche Welle traf zwei von ihnen in einer Klinik in Kiew, wo sie medizinisch betreut werden.

Flugblätter als Extremismus

Olena Sorokina fiel beim Gefangenenaustausch besonders auf. Während der Übergabe stieg sie mit einem weißen Sweatshirt aus dem Bus, auf das mit einem Kugelschreiber der Dreizack, das ukrainische Staatswappen, aufgemalt war. Auf der Rückseite standen die Worte: "Die Ukraine ist mein Staat". "Ich habe das Sweatshirt nachts in meiner Zelle unter dem Bett bemalt", erzählt die Frau. "Darin wollte ich in die Ukraine kommen. Im Bus saßen bewaffnete Wächter, und ich habe das Sweatshirt erst angezogen, als ich draußen Militärs mit ukrainischen Abzeichen sah. Dann konnte mir niemand mehr etwas antun."

Ukraine Olena Sorokina (DW/O. Indyukhova )

Olena Sorokina zeigt ihr Sweatshirt: nachts mit dem Kugelschreiber bemalt

Die 50-Jährige verbrachte rund ein Jahr in einem Gefängnis der Separatisten in der selbsternannten "Luhansker Volksrepublik" nahe der russischen Grenze. "Ich habe nie meine proukrainische Haltung versteckt", sagt die Frau. "Man konnte mich aus vielen Gründen einsperren. Doch aufgeflogen bin ich wegen der Flugblätter." Sorokina lebte im Städtchen Perwomajske, wo sie eine Tierhandlung betrieb. 2018 wurde sie festgenommen: Die Vorwürfe: Spionage für den ukrainischen Geheimdienst, Landesverrat und Extremismus. "Man warf mir Extremismus vor, weil ich Flugblätter an Wände geklebt und den Menschen zum Unabhängigkeitstag der Ukraine gratuliert hatte", erzählt sie. Das Urteil lautete auf 13 Jahre Haft.

Keine Familie, keine Angst

Im Gefängnis lernte sie Anastasia Muchina aus Luhansk kennen. Die 72-Jährige war 2018 zu 16 Jahren Haft verurteilt worden, ebenfalls wegen proukrainischer Flugblätter, wie sie sagt. Die beiden Frauen haben sich in der Gefangenschaft angefreundet und halfen einander. Heute teilen sie ein Zimmer in der Klinik und können kaum glauben, wieder in Freiheit zu sein.

 (DW/O. Indyukhova)

Anastasia Muchina: "Das waren unmenschliche Bedingungen"

"Ich hatte keine Angst", sagt Sorokina über ihr Leben in dem von Separatisten kontrollierten Gebiet, das die Ukraine als von Russland besetzt erklärt hat. "Ja, man sagte mir, ich würde viel riskieren und mir könnten schlimme Dinge passieren", erinnert sich die Frau und kämpft dabei mit den Tränen. "Aber ich habe keine Familie und hatte deshalb keine Angst." Gefoltert worden sei sie nicht, doch die Haftbedingungen seien sehr hart gewesen. "Wir tranken Wasser, das eigentlich kein sauberes Trinkwasser war. Man durfte nur zweimal am Tag zur Toilette gehen. Stattdessen bekamen wir ein Fass, das neben der Stelle stand, wo wir gegessen haben. Das waren unmenschliche Bedingungen."

Besorgt über die Annäherung zu Russland

Der ukrainische Staat hat allen freigelassenen Gefangenen Hilfen in Höhe von umgerechnet 3500 Euro versprochen. Noch wissen die beiden Frauen nicht, wie es mit ihnen weitergeht, und wo sie wohnen werden. Olena Sorokina möchte sowohl gegen Russland als auch gegen die Separatisten vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) klagen. Sie hofft, dass die Separatistengebiete irgendwann wieder unter Kiews Kontrolle kommen. "Das ist unser Land", sagt sie mit Tränen in den Augen. Auch ihre Freundin Anastasia Muchina zeigt sich zuversichtlich: "Wir werden siegen."

Doch vor allem Olena Sorokina lässt auch Enttäuschung durchblicken. Die jüngste Annäherung zwischen Russland und der Ukraine, der sie eigentlich ihre Freilassung zu verdanken hat, sieht sie mit gemischten Gefühlen. Sie befürchtet, dass die Ukraine für diese Annäherung einen zu hohen Preis zahlen könnte.

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