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Friedman: "Ich bin das Kind, vor dem Hitler Angst hatte"

28. Januar 2026

Im Bundestag appelliert Tova Friedman, Überlebende des Konzentrationslagers Auschwitz, an die Abgeordneten: "Lassen Sie nicht zu, dass der Antisemitismus wieder anwächst."

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Deutschland Berlin 2026 | Tova Friedman bei der Holocaust-Gedenkfeier im Bundestag
Als Kind war sie der namenlose Häftling Nummer A-27633 in Auschwitz - heute ist sie eine geachtete und engagierte Zeitzeugin: Tova FriedmanBild: Liesa Johannssen/REUTERS

Mit aufrüttelnden Worten hat die Auschwitz-Überlebende Tova Friedman in einer Gedenkstunde des Bundestags an das Ende der Schoah vor 81 Jahren erinnert. "Ich bin das Kind, vor dem Hitler Angst hatte", sagte die 87-Jährige. Adolf Hitlers Motto sei gewesen, dass keine Zeugen hinterlassen werden dürften. Sie spreche nun für die sechs Millionen Menschen, deren Stimmen zum Schweigen gebracht worden seien.

"Lassen Sie nicht zu, dass der Antisemitismus wieder anwächst", appellierte Friedman unter Applaus an die Abgeordneten. Anstrengungen müssten durch Politik, Bildung und den Schutz jüdischer Bürger unternommen werden. "Möge die Verantwortung zum Handeln führen. Und möge das Handeln sicherstellen, dass 'Nie wieder' keine Parole bleibt, sondern eine bleibende Verpflichtung."

"Wenn Hass normalisiert wird"

Zugleich betonte Friedman, die gemeinsam mit ihrem Enkel in kurzen Videos auf Tiktok an die Schoah erinnert, sie nehme das anhaltende Engagement Deutschlands bei der Bekämpfung von Antisemitismus dankbar wahr. "Deutschland versteht vielleicht mehr als jedes andere Land, was passiert, wenn Hass normalisiert und Verantwortung beiseitegeschoben wird." Die Deutschen trügen eine besondere Verantwortung, dem Judenhass entgegenzutreten. Das gelte in Schule und Universität ebenso wie am Arbeitsplatz, im Internet, im Verein oder im Freundeskreis.

Deutschland Berlin 2026 | Bei der Gedenkstunde für die NS-Opfer im Bundestag sitzt Tova Friedman in der ersten Reihe, neben ihr Steinmeier und Harbarth
Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (vorne, 2. v. l.) und der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Stephan Harbarth (daneben), nahmen an der Gedenkstunde teilBild: Tobias Schwarz/AFP

Eindringlich forderte die nahe Danzig geborene Jüdin, das Zeugnis der Überlebenden ernst zu nehmen. Es sollten keine alten Wunden aufgerissen, sondern ein "Gedächtnisverlust" verhindert werden, so Friedman. Denn die Geschichte habe gezeigt, dass es gefährlich sei, zu vergessen. Weil Zeugen überlebt hätten, habe die Wahrheit noch eine Stimme. Doch die Zahl der Überlebenden, die noch Zeugnis ablegen könnten, werde kleiner.

Hand in Hand in die Freiheit

So unwahrscheinlich es auch gewesen sei: Ihre Mutter und sie überlebten Auschwitz, das größte Konzentrationslager der Nazis mit mehr als einer Million ermordeten Menschen, die meisten davon Juden. "Als wir Auschwitz verließen, Hand in Hand gehend, flüsterte sie mir zu: 'Erinnere dich.' Seither habe ich mich jeden Tag erinnert."

150 Mitglieder der Familie ihrer Mutter seien von den Nationalsozialisten ermordet worden. Ihr Vater sei körperlich und seelisch gebrochen aus dem Konzentrationslager Dachau zurückgekehrt. "Er konnte kaum darüber sprechen." Sie nutze nun ihre Zeit, um andere über die damaligen Geschehnisse aufzuklären, insbesondere die jüngere Generation, sagte Friedman, die heute in den USA lebt. "Ich werde damit bis zu meinem Tod weitermachen."

Jährlich ehrt der Bundestag anlässlich des Holocaust-Gedenktags am 27. Januar die Toten und Überlebenden der nationalsozialistischen Verbrechen. 1945 war an jenem Wintertag das Vernichtungslager Auschwitz im von Nazi-Deutschland besetzten Polen befreit worden. Im vergangenen Jahr sprach der Holocaust-Überlebende Roman Schwarzman aus der Ukraine vor den Abgeordneten in Berlin, der auch bei dieser Gedenkstunde anwesend war.

jj/as (dpa, afp, epd, kna)