Frankfurter Buchmesse: Deutsche Romane jenseits von Long- und Shortlist | Bücher | DW | 22.10.2016
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Bücher

Frankfurter Buchmesse: Deutsche Romane jenseits von Long- und Shortlist

Christian Kracht und sein Roman "Die Toten" wurde in diesem Jahr nicht für den Deutschen Buchpreis nominiert. Das haben viele Experten kritisiert. Denn auch abseits des Preises gibt es viel zu entdecken. Vier Beispiele.

Autor Christian Kracht (Foto: Jochen Kürten)

Fern des Roten Teppichs: Christian Kracht bei der Buchmesse in Frankfurt

So großartig der Fokus ist, den der deutsche Buchpreis jedes Jahr auf das hiesige Romangeschehen lenkt, so bedauerlich ist es, dass viele lesenswerte Bücher im mächtigen Schatten des Preises stehen. Wir haben mit vier Autorinnen und Autoren gesprochen, die gerade mit Neuerscheinungen auf dem Markt sind, beim Buchpreis jedoch übergangen wurden.

Cannabis für alle...

Rainer Schmidts Roman "Legal High" ist eine Polit-Groteske über die Legalisierung von Cannabis in Deutschland. Andreas Baum blickt in seinem Debüt "Wir waren die neue Zeit" auf die Hausbesetzerszene in Ost-Berlin nach dem Fall der Mauer. Brigitte Glaser lenkt in ihrem historischen Polit-Krimi "Bühlerhöhe" das Augenmerk auf die deutsch-israelischen Beziehungen - sieben Jahren nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Christian Kracht schließlich schaut in "Die Toten" noch weiter zurück und spinnt eine deutsch-japanische Roman-Phantasie um das frühe Kino und die Macht der Bilder.

Rainer Schmidt - Autor (picture-alliance/BREUEL-BILD/PuR)

Rainer Schmidt

"'Legal High' ist für mich am ehesten ein Gesellschaftsroman, obwohl er eigentlich alle Bereiche berührt, die Wirtschaft genau so wie die Politik oder das 'normale' Leben", antwortet Rainer Schmidt auf die Frage, wie er selbst seinen sehr witzigen und unterhaltsamen Roman einordnet.

In dem Roman dekliniert der Autor detailreich und immer nah an der gesellschaftlichen und politischen Realität den Fall durch, wie es denn wäre, wenn Deutschland plötzlich ein Staat mit legalisiertem Cannabis wäre. "Die Frage hat mich nicht mehr losgelassen: Was würde hier passieren, wenn plötzlich klar würde, dass man damit richtig Geld verdienen kann? Welche Kräfte würden dann freigesetzt? Wäre es ähnlich wie einst beim Neuen-Markt-Irrsinn? Noch schlimmer? Und wie würden all jene unter die Räder kommen, die seit Jahren für freien Hanf kämpfen, wenn erst einmal die Industrie auf das Cannabis-Pferd setzt?"

Andreas Baum: Panorama des linken Politmilieus

Um Rauschmittel und Drogen geht es am Rande auch in Andreas Baums ebenfalls mit viel Witz geschriebenem Hausbesetzer-Roman "Wir waren die neue Zeit", der auf die ersten Jahre nach dem Mauerfall im Osten der Stadt Berlin blickt.

Schriftstellers Andreas Baum (Foto: Jochen Kürten)

Andreas Baum

In ihm lässt Baum die verschiedensten Milieus meist junger Leute aufeinanderprallen. Das sei vom Konzept her anfangs gar nicht so witzig gemeint gewesen, erklärt der Autor im Gespräch mit der Deutschen Welle: "Ich wollte wirklich mal erforschen, wie das ist, wenn all diese ganzen komischen Gruppierungen, die alle gegeneinander sind - Männer gegen Frauen, Rechte gegen Linke, Hausbesetzter gegen Faschos, Heteros gegen Homos, Bürgerliche gegen Prolls - auf der Bühne zusammenkommen." Der Humor habe sich erst später entwickelt. Gerade weil sich die einzelnen Gruppenmitglieder so ernst nehmen würden, sei - bei der Beschreibung der Charaktere - die Komik entstanden.

Baum selbst hat in den Jahren nach dem Fall der Mauer in Ost-Berlin gelebt. "Wir waren die neue Zeit" klingt mit all den treffenden Dialogen und literarischen Charakteren sehr lebensnah und realistisch. Doch Baum beharrt auf seiner Rolle als Romanschriftsteller: "Es freut mich immer zu hören, dass das sehr authentisch klingt, weil das eigentlich für die Fiktion spricht, dass ich sozusagen die Wirklichkeit so genau nachgebaut habe, dass alle glauben, es sei die wirkliche Wirklichkeit." Er habe damals zwar in Ost-Berlin gelebt, kannte die Hausbesetzerszene auch gut: "Aber das, was dort (im Roman) geschieht, ist nicht nur das selbst Erlebte!"

Historienkrimi über die Zeit der frühen 1950er Jahre

Blickt Rainer Schmidt in die nahe Zukunft und blendet Andreas Baum fast 30 Jahre zurück, so setzt das Romangeschehen in Brigitte Glasers "Bühlerhöhe" noch einmal 40 Jahre früher ein. Man schreibt das Jahr 1952: Im berühmten Luxushotel nahe Baden-Baden steht der Besuch von Bundeskanzler Konrad Adenauer bevor. Gleichzeitig wird ein Attentat auf den ersten Kanzler der Bundesrepublik geplant.

Vor diesem historischen Hintergrund lässt Glaser zwei faszinierende Frauengestalten aufeinanderprallen: Die zuvor nach Israel emigrierte Rosa Silbermann, die im Auftrag des israelischen Geheimdienstes nach Deutschland geschickt wird; und Sophie Reisacher, eine ehrgeizige höhere Angestellte in dem Luxushotel, die ihre ganz eigenen Ziele verfolgt. "In eine Zeit einzutauchen, die ich nicht erlebt habe, und dann mit dem Bundesentschädigungsgesetz das schwierige deutsch-israelische Verhältnis zu beleuchten, war eine riesige Herausforderung." Nicht umsonst habe sie "sehr lange an dem Stoff gearbeitet", so die Autorin gegenüber der DW. Glaser hatte bisher vor allem mit Krimis und Kinderbüchern literarischen Erfolg.

Brigitte Glaser - Autorin (Meyer Originals)

Brigitte Glaser

Für sie sei vor allem die Beschwörung einer ganz eigenen historischen Romanwelt wichtig gewesen: "Das ist das Spannende beim Eintauchen in eine fremde, vergangene Zeit. Von alltäglichen Dingen, über Sprache, über Rollenbilder, über politische Einschätzungen, technische Entwicklungen, zum Beispiel das Telefon - alles ist interessant." Sie habe die frühen 1950er Jahre wieder auferstehen lassen wollen und diese so lebendig wie möglich geschildert.

Atmosphärische Bilder: "Die Toten" von Christian Kracht

Um Atmosphäre, Stimmung und leuchtend-plastische Bilder geht es auch in Christian Krachts Roman "Die Toten". Kracht erzählt - auf einer vordergründigen Ebene - von einem Schweizer Filmregisseur, der in der Weimarer Republik der 1930er Jahre den Durchbruch schaffen will. Sein ehrgeiziges Projekt: Er plant, in Japan einen Film zu drehen. Doch sind es in erster Linie nicht Handlung und Charaktere, die sich beim Lesen des Romans einprägen.

Es sind die dunklen, verträumt anmutenden Bilder, eine fast mythische Szenerie, die vor den Augen des Lesers entsteht. Vielleicht fällt es Christian Kracht im Gespräch mit der DW auch deshalb so schwer, über den Roman zu sprechen. Viel eher gerät er in einen Redefluss übers Kino und die Filmgeschichte.

Kracht, der viele Jahre in Asien verbrachte und heute in Los Angeles lebt, hat sich in frühen Jahren intensiv mit dem Kino beschäftigt, wollte zunächst Regisseur werden. Sein neuer Roman sei vor allem von japanischen Regisseuren inspiriert worden: "Mich hat das große japanische Kino von Yasujirō Ozu und Kenji Mizoguchi sehr interessiert."

Ein schillernder Roman über ein Zwischenreich

Den Titel des Romans erklärt Kracht so: Beim Film-Studium sei er im Kino immer wieder eingeschlafen. "Wenn man einnickt, dann träumt man ein bisschen, weiß aber nicht genau, ob man träumt oder ob man den Film noch sieht. Wenn man dann mit einer kleinen, ruckartigen Bewegung des Kopfes wieder aufwacht, ist der Film schon weitergegangen und das vermengt sich gleichzeitig mit dem Schlaf." Das sei ein Totenreich: "Zwischen Film, Schlaf, Raum und Tod."

Was haben die vier deutschen Romane nun gemeinsam? Gibt es irgendetwas, das sie verbindet? Und ist es möglicherweise kein Zufall, dass keiner der Titel zu den 20 Romanen der Longlist des Deutschen Buchpreises zählt?

Vielleicht hat es ein wenig damit zu tun, dass alle vier Autoren, Schmidt, Baum und Glaser sicher noch mehr als Kracht, im klassischen Sinne sehr unterhaltsame Bücher geschrieben haben.

Unterhaltung und Kunst - kein Gegensatz

Schon ist man wieder bei der Debatte über "Kunst versus Unterhaltung", über ernste und unterhaltende Literatur. Manche Beobachter der deutschen Literaturszene haben den nominierten Titeln des Deutschen Buchpreises - in den vergangenen Jahren mehr noch als 2016 - vorgeworfen, sie seien zu verkopft, zu anspruchsvoll und formbewusst für ein größeres Publikum. Autoren wie Rainer Schmidt, Andreas Baum und Brigitte Glaser kann man das wahrlich nicht vorwerfen.

Sie verbinden - im besten Sinne - gute Unterhaltung mit einer gesellschaftlich-historischen Thematik. Der gebürtige Schweizer Christian Kracht ist eine ganz eigene, sprachkräftige, kaum einzuordnende künstlerische Natur innerhalb der deutschsprachigen Literatur. Das Fehlen insbesondere seines Namens wurde dann in den letzten Wochen auch häufig kritisiert, als Long- und Shortlist diskutiert wurden. Bleibt nur der Rat an alle potentiellen Leser: Bilden Sie sich ein eigenes Urteil! 

Die Romane von Rainer Schmidt "Legal High" (ISBN 978-3871341731), und Andreas Baum "Wir waren die neue Zeit" (ISBN 978-3498058104) sind bei Rowohlt erschienen. Brigitte Glasers "Bühlerhöhe" bei List (ISBN 978-3471351260) und Christian Krachts „Die Toten" bei Kiepenheuer & Witsch (ISBN 978-3462045543).

Die Redaktion empfiehlt