Buchmesse Frankfurt: 10 lesenswerte Romane aus der Gastregion Flandern/Niederlande | Bücher | DW | 18.10.2016
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Bücher

Buchmesse Frankfurt: 10 lesenswerte Romane aus der Gastregion Flandern/Niederlande

Unsere Auswahl zur Buchmesse: Romane von Debütanten und Stars, Überraschendes und Verblüffendes, starker Tobak und leichte Muse. Die diesjährige Gastregion bietet einen fulminanten literarischen Auftritt.

Diane Broeckhoven: Was ich noch weiß

Es ist erstaunlich, wie viel Lebensweisheit die in Antwerpen geborene Schriftstellerin Diane Broeckhoven auf nur 160 Seiten unterbringt. "Was ich noch weiß" ist ein Kurzroman in drei Doppelkapiteln. Jeweils aus der Perspektive von Mutter und Sohn werden drei Lebensetappen beschrieben. Die Beziehung gestaltet sich schwierig und ist voller Schmerzen und Abhängigkeiten - wie im wahren Leben, könnte man sagen. "Was ich noch weiß" handelt von Abnabelungsprozessen und verblasster Liebe, von Tod und Verlust. Es ist aber auch ein Roman, der von der Tiefe emotionaler Bindung erzählt. Wie gesagt, fast ein bisschen weise. Broeckhoven schafft es, mit wenigen Strichen zwei Menschen aus Fleisch und Blut vor dem Leser entstehen zu lassen, deren Leben man mit Spannung und Sympathie verfolgt. Das war schon immer eines der größten Kunststücke guter Literatur.

Diane Broeckhoven: Was ich noch weiß, übersetzt von Isabel Hessel, Beck Verlag, 160 Seiten, ISBN 978-3-406-69687-7

A. F. Th. van der Heijden: Das Biest

"Tante Julia und der Kunstbuchschreiber" hieß ein erfolgreicher Roman des peruanischen Literaturnobelpreisträgers Mario Vargas Llosa aus dem Jahre 1977. Darin ging es um die auch erotischen Verwicklungen zwischen einer Tante und deren Neffen. Vier Jahrzehnte später hat A.F.Th. van der Heijden diesem Buch nun ein europäisches Pendant gegenübergestellt. Auch der Niederländer ringt der Paarung Tante/Neffe alle möglichen psychologischen Facetten ab. Auch hier spielt Erotik eine wichtige Rolle. Unfassbar witzig beschreibt van der Heijden etwa den Besuch des inzwischen erwachsenen Neffen bei der Tante in deren Heimat. Bei der kommt es fast zur "Blutschande". Van der Heijden, der gern als "Kraftgenie" der niederländischen Literatur beschrieben wird, macht hier seinem Namen alle Ehre. Doch "Das Biest" hat auch andere Seiten. Düstere Familienangelegenheiten werden verhandelt. Da erinnert das Buch dann eher an Thomas Vinterbergs berühmten Film "Das Fest", unerbittlich und ohne Scheu vor dem Blick in den Abgrund.

A. F. Th. van der Heijden: Das Biest, übersetzt von Helga von Beuningen, Suhrkamp Verlag, 304 Seiten, ISBN: 978-3-518-42555-8 

Frans Kellendonk: Buchstabe und Geist

Eine der schönsten Wiederentdeckungen der niederländischen Literatur, die nun zum Gastlandauftritt erscheinen, ist dieser schmale Roman. 1982 vom früh verstorbenen Frans Kellendonk geschrieben, ist "Buchstabe und Geist" eine erhellende Studie in Sachen Lebensplanung und Arbeitsalltag. Der Leser begegnet Felix Mandaat, der eine Stelle in einer großen Bibliothek antritt. Dort lernt er diverse neue Kollegen kennen - und seinen Chef, den allerdings nur als Geist! "Buchstabe und Geist" ist ein intelligenter, dabei ungemein unterhaltsamer und witziger Roman über das Leben in einem großen Betrieb, der von Bürokratie und Bürowahnsinn geprägt ist. Und Kellendonk bleibt nicht in Archiv und Bibliothek. Ein Kollege lädt Frans Mandaat in das Establishment "Der weiße Ballon" ein, da eröffnet sich Felix (und dem Leser) noch eine ganz andere, neue Welt.

Frans Kellendonk: Buchstabe und Geist, Eine Spukgeschichte, übersetzt von Rainer Kersten, Lilienfeld Verlag, 176 Seiten, ISBN 978-3-940357-53-3

Ariëlla Kornmehl: Alles, was wir wissen konnten

"Alles, was wir wissen konnten" ist eines jener Bücher von Autoren einer nachgeborenen Generation über den Holocaust, ein Roman aus der Perspektive der Enkel. Er stellt Fragen nach dem Leid der Großeltern, versetzt sich in die Generation der Eltern, die ebenfalls noch viel mitbekommen haben von den Nachwehen des Zweiten Weltkriegs. In drei Zeit-Kapiteln erzählt Ariëlla Kornmehl die Geschichte des Mädchens Jet, die während des Krieges in Amsterdam und Haarlem untertauchen muss. Vor den Deutschen ist sie jetzt sicher, aber der Nachbar gebärdet sich als schmieriger Nazi-Kollaborateur und schwängert das verängstigte Mädchen. Wie Jet damit umgeht, auch in späteren Jahren noch, wie die Tat sich auch auf das Schicksal der Nachkommen auswirkt, das schildert Kornmehl in einfacher Sprache, aber einfühlsam und mit einigen für den Leser überraschenden Wendungen.

Ariëlla Kornmehl: Alles, was wir wissen konnten, übersetzt von Marlene Müller-Haas, Hoffmann & Campe Verlag, 208 Seiten, ISBN 978-3-455-40541-5

Connie Palmen: Du sagst es

Ereignisreich waren die sieben Jahren, die das Schriftstellerpaar Sylvia Plath und Ted Hughes miteinander verbrachten. Die holländische Autorin Connie Palmen wagt jetzt eine neue Sicht auf diese für die Literaturgeschichte fast schon mythischen Beziehung, die 1963 mit dem Selbstmord Sylvia Plaths ein jähes Ende fand und über die viel spekuliert wurde. In "Du sagst es" ist Palmen in die Rolle von Ted Hughes geschlüpft (er starb 1998) und erzählt die Geschichte des Paares - aus dessen männlicher Perspektive wohlgemerkt! Palmen stellt ein weit verbreitetes Bild, das sich viele vom Intellektuellen-Gespann Plath/Hughes gemacht haben, auf den Kopf. Bisher galt: Sylvia Plath war eine emanzipierte und sensible Frau, die unter ihrem Partner litt. Dieses Bild wurde von der Frauenbewegung der 1960/70er Jahre nachhaltig gestützt. Die Schriftstellerin Connie Palmen nun schildert Plath als manisch-depressiven Charakter, der seine Umwelt mit emotionalen Ausbrüchen traktiert. "Du weißt es" ist ein wagemutiges, dabei mitreißend geschriebenes Buch, mit der sich Palmen weit aus dem Fenster literaturhistorischer Deutung lehnt.

Connie Palmen: Du sagst es, übersetzt von Hanni Ehlers, Diogenes Verlag, 228 Seiten, ISBN 978-3-257-06974-7 

Peter Terrin: Monte Carlo

In den 1960er Jahren hat auch der flämische Autor Peter Terrin seine Handlung angesiedelt. Um einen Mythos geht es auch hier, viel mehr um einen mythischen Ort. Den Leser führt Terrin nach Monaco: Es ist der Grand Prix der Formel 1 in Monte Carlo. Röhrende Rennboliden, die Hitze der südfranzösischen Küste, der Geruch nach Benzin beherrschen die Szenerie. Mittendrin der Mechaniker Jack Preston, Angestellter in einem der großen Teams, die um die Weltmeisterschaft ringen. Ein schrecklicher Feuer-Unfall kurz vor dem Start, bei dem sich Preston schützend vor eine berühmte Schauspielerin wirft, sollte ihn eigentlich zum Helden machen. Doch es kommt anders. Preston ist im Rennsport-Karussell nur ein kleines Licht, er wird schnell vergessen. Die Welt, die uns Terrin schildert, hat nichts übrig für Figuren am Rande des Formel 1-Glamours. Der Roman, der aus vielen, sehr kurzen Kapiteln besteht, setzt ganz auf Atmosphäre und leuchtende Bilder, ein Buch auch über zerstobene Hoffnungen und zerplatzte Träume.

Peter Terrin: Monte Carlo, übersetzt von Christiane Kuby und Herbert Post, Berlin Verlag, 192 Seiten, ISBN 978-3-8270-1273-9

Thomas Heerma van Voss: Stern geht

Darum geht es auch bei dem jungen Schriftsteller Thomas Heerma van Voss, der in seiner niederländischen Heimat als eines der größten literarischen Talente gilt. Mit "Stern geht" liegt jetzt sein erster Roman in deutscher Übersetzung vor. Und obwohl van Voss erst Anfang 20 war, als er das Buch schrieb, ist das Thema, das er gewählt hat, alles andere als das typische Sujet eines Anfängers. Hugo Stern ist Grundschullehrer, der in den unfreiwilligen Vorruhestand geschickt wird und der daraufhin in eine Lebenskrise stürzt. Sein Sohn, den er einst mit seiner Frau in Korea adoptierte, entfremdet sich ihm mehr und mehr. Auch in der Beziehung zu seiner Frau kriselt es. Stern blickt zurück auf sein Leben, auf seine Jugendjahre, die er einst im London der Swinging Sixties verbrachte. Damals war Stern noch voller Hoffnung. Doch vieles erweist sich im Nachhinein als verpasste Chance. Auch dies ein Roman über zerplatzte Träume und Lebenswünsche, die nicht in Erfüllung gingen.

Thomas Heerma van Voss: Stern geht, übersetzt von Ulrich Faure, Schöffling & Co Verlag, 270 Seiten, ISBN 978-3-89561-207-7

Niña Weijers: Die Konsequenzen

Auch Niña Weijersist eine sehr junge Autorin, die mit ihrem literarischen Romandebüt in ihrer Heimat schon einen großen Erfolg feiern konnte. Jetzt erscheint "Die Konsequenzen" rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse auf Deutsch, und das Buch dürfte zu den aufregendsten Neuerscheinungen aus den Niederlanden gehören. Weijres stellt uns Minnie Panis vor, eine Künstlerin, die Leben und Kunst miteinander verschmelzen will, mit Projekten und Performances. Was als Roman mit einigen sehr treffenden Ansichten über den Kunstbetrieb beginnt, verändert sich irgendwann (und in der Konsequenz überraschend) zu einer großen Rückschau auf das Leben von Minnie Panis als Kind und Heranwachsende. Als Frühchen kam Minnie zur Welt. Später weigert sich das Kind zu weinen, und auch sonst zeigt es sich sehr eigen. Der Roman beginnt fast noch einmal ganz neu, und der Leser wird vor die Aufgabe gestellt, zwei Puzzleteile zusammenzubringen: Was haben die späteren künstlerischen Neigungen mit den frühen Jahren zu tun? Eine kniffelige Aufgabe. Ein sehr überraschender Roman!

Niña Weijers: Die Konsequenzen, übersetzt von Helga von Beuningen, Suhrkamp Verlag, 362 Seiten, ISBN 978-3-518-42558-9

Leon de Winter: Geronimo

Kniffelig und überraschend in mehrfacher Hinsicht ist auch der neue Roman von Leon de Winter, einem der Schwergewichte der niederländischen Literatur. In "Geronimo" tischt er dem Leser Gewaltiges auf. Es geht im Buch um Usama Bin Laden, der nicht, wie von den Amerikanern verbreitet wird, erschossen wurde bei der Erstürmung seines Verstecks im pakistanischen Abbottabad. Es geht um das afghanische Mädchen Apana, das von den Taliban verstümmelt wird, weil sie Bachs Goldberg-Variationen hört. Und es geht um Tom Johnson, einen ehemaligen US-Soldaten, der nun in Diensten der CIA steht und bei dem alle Fäden zusammenlaufen. "Geronimo" ist ein Roman mit vielen Handlungssträngen, Schauplätzen und Verschwörungstheorien. Es ist ein brachialer Politthriller, aber auch ein zartfühlender Roman über die Opfer von Krieg und religiösem Fanatismus. De Winter ist ein geübter Autor, und so folgt der Leser seinen atemlosen Plot auch dort, wo er verwirrend und ein wenig überspannt erscheint.

Leon de Winter: Geronimo, übersetzt von Hanni Ehlers, Diogenes Verlag, 448 Seiten, ISBN 978-3-257-06971-6 

Zum Schluss der besondere Tipp:

Gerard Reve: Näher zu Dir

Etliche Verlage veröffentlichen in diesem Herbst neue Romane und Erzählungen aus dem Niederländischen. Einige warten mit Wiederentdeckungen auf, meist neuübersetzt und in schönem, modernen Buchgewand. Auch der kleine Merlin-Verlag bietet zum Buchmesse-Schwerpunkt einen Klassiker der niederländischen Nachkriegsliteratur an: Gerard Reves Bekenntnisroman "Näher zu Dir" (1966/dt. Erstausgabe 1970). Der wird allerdings immer noch in der Taschenbuchausgabe von 1993 angeboten!

Und so ist die Lektüre gleich in zweierlei Weise eine Reise in die Vergangenheit. Zum einen, weil man Reves wildes und wütendes, aber auch philosophisches Buch über Gesellschaft, Homosexualität und Katholizismus in den Niederlanden wiederentdecken kann. "Näher zu Dir" brachte dem Autor damals kurz Erscheinen in seiner Heimat eine Blasphemie-Klage ein, die allerdings keinen Erfolg hatte. Zum anderen hält man mit dem knapp 200 Seiten starken Roman ein Büchlein in der Hand, das vom ganzen Habitus noch die Buchkultur des letzten Jahrhunderts atmet. Auch das ist eine schöne Erfahrung.

Gerard Reve: Näher zu Dir, übersetzt von Jürgen Hillner, Merlin Verlag, 208 Seiten, ISBN 3875360060