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KriminalitätItalien

Festnahmen nach brutaler Tötung von Erntehelfern in Italien

3. Juni 2026

Die Tat wirft ein Schlaglicht auf die Bedingungen, unter denen für Europas Supermärkte Agrar-Erzeugnisse zu Niedrigpreisen produziert werden. Ein katholischer Bischof klagt an.

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Italien Amendolara 2026 | Bild einer Überwachungskamera: Ein Mann steht neben einem schwarzen Fahrzeug und hält eine der hinteren Türen zu; das Bild ist unscharf (01.06.2026)
Dieses Foto soll die Tat an einer Tankstelle zeigen, aufgenommen von einer ÜberwachungskameraBild: Fotogramma/IPA/ABACA/picture alliance

Ein grausames Verbrechen, dem afghanische und pakistanische Erntehelfer zum Opfer fielen, sorgt in Italien für Empörung. Am Montag waren an einer Tankstelle in Kalabrien die verkohlten Leichen von vier Männern aus Afghanistan und Pakistan entdeckt worden - in einem Minivan, der in Brand geraten war. Ermittler konnten inzwischen die Bilder von Überwachungskameras auswerten, die von großer Brutalität zeugen.

Zu sehen sind zwei Männer, die mit dem Tankstutzen Benzin in das Auto pumpen, jedoch nicht in den Tank, sondern ins Innere hinein. Sie setzen das Fahrzeug in Brand und halten von außen die Türen zu. Der Fiat schwankt hin und her, weil sich die verbliebenen Insassen zu befreien versuchen. Dann rennen die mutmaßlichen Täter, die die Polizei als Pakistaner identifiziert, in höchster Eile davon; sie sitzen inzwischen in Untersuchungshaft.

Während einer der Männer im Wagen durch das Heckfenster entkommen kann, verbrennen die vier übrigen bei lebendigem Leibe. Der Vorfall ereignete sich am helllichten Tag nahe der 3000-Einwohner-Gemeinde Amendolaraan der vielbefahrenen Staatsstraße 106 zwischen Spitze und Absatz des italienischen Stiefels.

"Genug mit dem bequemen Schweigen"

Der Bischof von Cassano all'Jonio, Francesco Savino, verlangte in einem energischen Appell: "Genug mit dem bequemen Schweigen. Genug mit der schäbigen Angewohnheit, es für normal zu halten, dass Männer von weither bei uns wie Leichen ohne Geschichte sterben."

Die Getöteten arbeiteten auf einem Erdbeerfeld. Der einzige Insasse des Minivans, der das Verbrechen überlebt hat, sagte, er sei zusammen mit den anderen auf einem Matratzenlager in einem kleinen Bauernhaus in der Nähe untergebracht gewesen. Als sie mehrfach auf ihren vereinbarten Tageslohn von 45 Euro drangen, seien sie mit Ausreden abgespeist worden. Dann habe man für die Fahrt zur Arbeit und wieder zurück jeweils fünf Euro von ihnen verlangt.

Italien Süditalien 2026 | Mehrere Landarbeiter auf einem Feld (03.06.2026)
Landarbeiter in SüditalienBild: Antonio Pisacreta/ROPI/picture alliance

"Zu Hause bekamen wir Brot und Kartoffeln, sonst nichts." Am Morgen vor der Tat habe es erneut Streit gegeben, so der 35-Jährige. "Sie haben eine Pistole auf uns gerichtet: 'Mund halten, oder ihr werdet umgebracht.'" Anschließend sei es wieder auf die Felder gegangen.

"Klarmachen, dass Befehle nicht diskutiert werden"

Auf der Rückfahrt habe sich abermals ein Wortgefecht entwickelt, bis die beiden Verdächtigen an der Tankstelle angehalten hätten. "Sie wollten uns eine Lektion erteilen", berichtet der Zeuge, nach dessen Einschätzung ein Exempel statuiert werden sollte. "Sie wollten den Landarbeitern hier klarmachen, dass Befehle nicht diskutiert werden."

In den vergangenen Monaten standen schon mehrfach Autos in Brand, mit denen Landarbeiter transportiert wurden. Geprüft wird nun auch, ob der Tod von vier indischen Erntehelfern im vergangenen Jahr tatsächlich einen Verkehrsunfall zur Ursache hatte. Längst ist bekannt, dass vor allem im Süden Italiens, wo in großem Stil Obst und Gemüse angebaut wird, die Arbeitsbedingungen mancherorts unmenschlich sind.

Oft nur drei Euro Stundenlohn

Rund um Amendolara werden vor allem Orangen, Mandarinen und Erdbeeren geerntet. Viele der Männer auf den Feldern kommen aus Staaten wie Indien, Pakistan, Bangladesch oder Afghanistan. Der Stundenlohn beträgt oft nur drei Euro. Insgesamt arbeiten nach Schätzungen mehr als 200.000 Menschen in Italiens Landwirtschaft unter derartigen Bedingungen.

Um die Anwerbung der ausländischen Billiglohnarbeiter, um deren Unterbringung und die finanziellen Angelegenheiten kümmern sich sogenannte Capos: häufig ebenfalls Migranten, die es in der Hierarchie etwas nach oben geschafft haben. Dieser Gruppe gehörten die mutmaßlichen Vierfach-Mörder an. Hinter den ausbeuterischen Strukturen, so heißt es in Berichten, stünden streng organisierte Kriminelle mit Verbindungen zur 'Ndrangheta, der kalabrischen Mafia.

"Erst eine Kommission, dann wird es still"

Schon jetzt gibt es gegen ausbeuterische Methoden in der Landwirtschaft ein Gesetz. Bis zu acht Jahre Haft und hohe Geldstrafen drohen für solche Vergehen in Italien. Angesichts der jüngsten grauenvollen Tat wird diskutiert, weshalb die rechtlichen Vorgaben nicht wirken.

Der Bestseller-Autor Roberte Saviano, der sich schon länger mit den Zuständen in der Agrarwirtschaft seines Landes beschäftigt, sagte der Zeitung "La Stampa": "Verantwortlich sind die großen Einzelhandelsketten. Die Marken, die wir alle kennen und die wir zu Preisen kaufen, die es unmöglich machen, einen angemessenen Lohn zu bezahlen." So funktioniere das System seit vielen Jahren. "Bis jemand stirbt. Dann wird eine Kommission eingerichtet. Und dann wird es wieder still."

jj/AR (dpa, afp, ap)