Nach Schulangriffen: Türkei erlässt dutzende Haftbefehle
16. April 2026
Die türkischen Behörden haben insgesamt mehr als 160 Personen festgenommen. Hintergrund sind zwei tödliche Schusswaffenangriffe an Schulen innerhalb von nur zwei Tagen. Den Festgenommenen wird unter anderem vorgeworfen, irreführende Informationen verbreitet und die Schulschießereien in dieser Woche verherrlicht zu haben. Das teilte der türkische Justizminister Akin Gürlek auf der Plattform X mit.
Gürlek erklärte, dass 95 Personen in Gewahrsam genommen wurden, weil sie trotz einer verhängten Informationssperre Bilder und Videos zu den Vorfällen verbreitet hätten. Diese Inhalte könnten "Angst und Panik" in der Bevölkerung auslösen. Nach weiteren 35 Verdächtigen werde noch gefahndet. Zudem sei der Zugriff auf 1104 Social-Media-Konten gesperrt worden, ergänzte Gürlek.
Darüber hinaus hätten Ermittler Konten identifiziert, die gezielt Schulen ins Visier nahmen und mögliche Angriffe andeuteten. In diesem Zusammenhang seien 67 Nutzer festgenommen worden, die mit entsprechenden Beiträgen in Verbindung stehen.
Angreifer hatte Waffen mutmaßlich von seinem Vater
Am Mittwoch erschoss ein 14-Jähriger in der südtürkischen Stadt Kahramanmaras acht Schüler und einen Lehrer, 13 weitere Menschen wurden verletzt. Mehrere Opfer mussten auf der Intensivstation behandelt werden, drei von ihnen schwebten zeitweise in Lebensgefahr.
Nach Angaben der Behörden hatte der Jugendliche mehrere Schusswaffen und sieben Magazine in einem Rucksack mit in die Schule gebracht. Der Schüler drang in zwei Klassenzimmer ein und eröffnete wahllos das Feuer. Die Waffen gehörten mutmaßlich seinem Vater, einem ehemaligen Polizisten, der inzwischen ebenso wie die Mutter des Täters festgenommen wurde.
In einem Video, das von einer Anwohnerin aufgenommen und von der Nachrichtenagentur AFP verifiziert wurde, ist zu sehen, wie Kinder in Panik aus einem Fenster im ersten Stock springen. Andere fliehen über den Schulhof. Während der etwa anderthalbminütigen Aufnahme sind Schreie und rund 15 Schüsse zu hören.
Behörden verhängen Nachrichtensperre
Auch Augenzeugen schilderten dramatische Szenen. "Mein Kind wurde Zeuge", sagte Ömer Erdag zu AFP. "Er hat gesagt: 'Papa, mein Freund wurde verletzt'. Die anderen Kinder hat er nicht gesehen. Es gab drinnen viel Blut." Aufnahmen der Nachrichtenagentur IHA zeigten zudem, wie ein zugedeckter Körper in einen Krankenwagen getragen wurde. Vor der Schule harrten weinende Eltern aus.
Der Angreifer kam selbst ums Leben. Unklar ist laut Behörden, ob es sich dabei eindeutig um Suizid handelte "oder ob das im Chaos passiert" sei", erklärte der Gouverneur der Provinz, Mükerrem Ünlüer. Die Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen auf, zugleich wurde eine Nachrichtensperre zu Details des Falls verhängt.
16 Verletzte bei weiterem Angriff auf Schule
Besonders im Fokus stehen die digitalen Spuren der Tat. Auf seinem Whatsapp-Profil nahm der Jugendliche Bezug auf Elliot Rodger. Der US-Attentäter hatte 2014 in Kalifornien sechs Menschen und anschließend sich selbst getötet. Zuvor hatte er Frust über seine Jungfräulichkeit und Zurückweisungen durch Frauen geäußert. Die Behörden prüfen nun mögliche Zusammenhänge zwischen Online-Inhalten und Gewalttaten - und gehen mit den Haftbefehlen gezielt gegen entsprechende Kommentare vor.
Bereits am Dienstag hatte ein ehemaliger Schüler in der südöstlichen Stadt Siverek an seiner früheren Schule das Feuer eröffnet und 16 Menschen verletzt. Unter den Opfern waren zehn Schüler, vier Lehrer, ein Polizist und ein Kantinenmitarbeiter. Der Täter nahm sich anschließend das Leben.
Lehrer protestieren für mehr Sicherheit an Schulen
Die Gewaltserie hat landesweit Entsetzen ausgelöst. Präsident Recep Tayyip Erdogan sprach von einem "tragischen Angriff" und versprach umfassende Aufklärung. Parlamentspräsident Numan Kurtulmus erklärte: "Unser Herz blutet. Wir sprechen der ganzen Nation unser Beileid aus." In Kahramanmaras bleiben die Schulen vorübergehend geschlossen.
Auch der Druck auf die Regierung wächst: In der Hauptstadt Ankara protestierten mehr als 3500 Lehrer und forderten den Rücktritt des Bildungsministers. "Blut hat meinen Beruf befleckt" und "Wo wart ihr, als die Kinder starben?" riefen Demonstranten.
Derartige Schusswaffenangriffe kommen in der Türkeirelativ selten vor. Im Mai 2023 hatte ein verwiesener Schüler an seiner früheren Schule den 74-jährigen Direktor erschossen. Nach seiner Flucht wurde der Angreifer festgenommen. Die Gewalttat löste landesweit Diskussionen aus. Tausende Lehrer demonstrierten schon damals in Istanbul für bessere Sicherheitsvorkehrungen an Schulen.
In der Türkei gelten strenge Waffengesetze. Der Besitz einer Schusswaffe erfordert eine Registrierung und einen Waffenschein inklusive eines Nachweises der psychologischen Eignung sowie eine Überprüfung auf mögliche Vorstrafen. Auf illegalen Waffenbesitz stehen strenge Strafen. Laut den Schätzungen einer türkischen Stiftung sind in der Türkei allerdings dennoch zahlreiche Schusswaffen im Umlauf, die meisten davon illegal.
pgr/haz (afp, dpa)