Faktencheck: Ist der "Geist von Kiew" gefallen? | Aktuell Europa | DW | 03.05.2022
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Krieg in der Ukraine

Faktencheck: Ist der "Geist von Kiew" gefallen?

Der auf Social Media als Kriegsheld gefeierte ukrainische Kampfpilot soll etliche russische Flugzeuge abgeschossen haben - und nun gestorben sein. Doch was ist überhaupt dran am Mythos vom "Geist von Kiew"?

Ukraine | Training Luftwaffe | Kampfjet Mig-29

Ein Kampfjet vom Typ MiG-29 wie der des angeblichen "Geist von Kiew" (Archiv)

Es war eine Erzählung, die den Menschen in der Ukraine in Kriegstagen Mut machte: Das Militär leiste erbitterten Widerstand gegen die russische Invasion, darunter auch ein Ausnahme-Kampfpilot. Dieser soll angeblich im Alleingang um die 40 russische Flugzeuge vom Himmel geholt haben. Videos des Fliegerasses machten die Runde, das schnell als "Geist von Kiew" Schlagzeilen machte.

Der Mythos - genau wie zuletzt die Nachricht vom Tod des Kriegshelden - hat sich vor allem über die sozialen Netzwerke verbreitet. Aber auch Medien wie die britische Times oder die New York Post vermuteten, dass es sich beim "Geist von Kiew" um den 29-jährigen Major Stepan Tarabalka handelte. 

"40 abgeschossene Flugzeuge sind stark übertrieben"

Dessen Tod war Ende März vom Twitter-Account des ukrainischen Verteidigungsministeriums verkündet worden. In dem Post hieß es: "Stepan Tarabalka ging am 13. März 2022 während eines Luftkampfes mit den überwältigenden Kräften der Invasoren in den Himmel. Major Stepan Tarabalka wurde (posthum) der Titel Held der Ukraine für den Schutz des Luftraums, Tapferkeit und Mut verliehen. "

Aber sollte Tarabalka wirklich der sagenumwobene "Geist von Kiew" gewesen sein? Hat es einen solchen Ausnahmepiloten überhaupt je gegeben?

Dass ein einzelner Kampfpilot um die 40 feindliche Flugzeuge abgeschossen haben soll, halten Militärexperten für unwahrscheinlich. Justin Bronk vom renommierten britischen Royal United Service Institute (RUSI) erklärt dazu auf DW-Anfrage: "Die genannten Zahlen über den Abschuss von 40 russischen Flugzeugen durch einen Piloten sind stark übertrieben, da Russland nur 25 bestätigte Verluste von Starrflüglern zu beklagen hat und die meisten von Boden-Luft-Raketensystemen (SAM) oder tragbaren Luftabwehrsystemen (MANPADS) abgeschossen wurden. "

Späte Klarstellung durch Regierungs-Accounts

Und nachdem ukrainische Regierungsaccounts zuvor immer wieder auch selbst den Mythos vom "Geist von Kiew" befeuert hatten, stellte die ukrainische Luftwaffe nun auf Facebook (und Twitter) klar: "Der Held der Ukraine Stepan Tarabalka ist NICHT der Geist von Kiew und er hat KEINE 40 Flugzeuge abgeschossen. " Vielmehr verkörpere dieser "den kollektiven Geist der hochqualifizierten Piloten der Taktischen Luftwaffen-Brigade, die Kiew und die Region erfolgreich verteidigen". Die Ukrainer sollten "die Grundregeln der Informationshygiene NICHT vernachlässigen" und Informationsquellen überprüfen, bevor sie sie weiterverbreiteten.

In einem Tweet zu Beginn des Krieges etwa hatte es dagegen noch geheißen: "Dutzende erfahrene Militärpiloten vom Hauptmann bis zum General, die zuvor aus der Reserve entlassen wurden, nehmen ihren Dienst in der Luftwaffe wieder auf. Wer weiß, vielleicht ist einer von ihnen der Lufträcher auf der MiG-29, der von Kiewern so oft gesehen wird!"

Und private Nutzer oder zum Beispiel auch Ex-Präsident Petro Poroschenko hatten Videos und Fotos geteilt, die den mysteriösen Piloten zeigen sollen - vieles davon entpuppte sich als unecht.

Von Poroschenko gepostetes Foto ist alt

So veröffentlichte Poroschenko, von 2014 bis 2019 Präsident der Ukraine, am 25. Februar ein Foto einer nicht näher identifizierbaren Person, bei der es sich um den "Geist von Kiew" handle. "Mit solch starken Verteidigern wird die Ukraine definitiv gewinnen!"

Das Foto wurde jedoch bereits vor knapp drei Jahren vom Account des Verteidigungsministeriums gepostet. Der Pilot auf dem Bild macht demnach einen Testflug mit neuem Helm. Wenn dennoch der von Poroschenko benannte Soldat zu sehen sein sollte, handelt es sich also zumindest um eine ältere Aufnahme.

Immer wieder kursierten für den "Geist von Kiew" auch Namen und Portraitfotos. Nutzer sprachen zeitweise auf Englisch vermehrt von "Vladmir Abdonov" und posteten dazu verschiedene Bilder eines Mannes. 

Faktencheck Ukraine Krieg Social Media l Anonymisierter Tweet

Diese Bilder des angeblichen "Geist von Kiew" werden vielfach im Netz verbreitet

Die unterschiedlichen Gesichter des "Geists von Kiew"

Einige der Fotos sind eindeutig nicht echt. Dass etwa das folgende Bild manipuliert ist, zeigt unter anderem eine sogenannte Noise-Analyse mit einem Bildbearbeitungsprogramm. Denn wenn Bilder verändert werden, hinterlässt dies oft sichtbare Spuren im Rauschen (Noise). Im konkreten Fall ist dies am Kopf des Piloten zu erkennen sowie an seinem Abzeichen am Arm und an der Ukraine-Flagge im Hintergrund. 

Faktencheck Ukraine | ghost_kiev_vladimir_abdonov

Auffällige Stellen bei der Noise-Analyse

Eine Bilderrückwärtssuche verfestigt den Verdacht. Das gleiche Foto gab es schon vor Jahren im Netz - allerdings mit einem anderen Kopf, einem anderen Abzeichen am Arm und ohne Flagge im Hintergrund. Apropos Abzeichen: Auf dem Flugzeug hinter der Person sieht man bei genauerem Hinsehen ein graues Ahornblatt - ein von der Royal Canadian Airforce verwendetes Symbol. Das wurde wohl beim Manipulieren des Bildes offenbar übersehen und ist ein Hinweis, dass das Bild eigentlich aus Kanada stammt - zumindest dessen Hintergrund.

Tatsächlich handelt es sich bei dem Mann, der angeblich "Vladmir Abdonov" sein soll und dessen Gesicht in andere Bilder hineinmontiert wurde, um einen argentinischen Anwalt aus Buenos Aires - der sich später selbst auf Twitter über seinen neuen Heldenstatus amüsierte.

Eher Metapher als echte Person

Der "Geist von Kiew" ist nach vorliegenden Informationen eher eine Legende als eine reale Person aus Fleisch und Blut. Alle uns bekannten Meldungen über seine Identität entpuppten sich als falsch oder zumindest irreführend. Vermutlich ist seine Geschichte eher eine Metapher für den kollektiven Mut und anhaltenden Widerstand der ukrainischen Kampfpiloten seit Beginn der russischen Invasion.

Dies hat die ukrainische Regierung nun auch selbst in den sozialen Netzwerken klargestellt. Vorherige eher mehrdeutige Aussagen dienten wohl dazu, die Moral der Hauptstadtbewohner zu stärken, vor allem als diese noch unter stärkerem Beschuss standen.

Mitarbeit: Michel Penke, Rachel Baig

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