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PolitikEuropa

Europa ringt um die Zukunft der Rente

Andreas Noll
27. November 2025

Der demografische Wandel wird für die Rentensysteme zum Stresstest. Die Babyboomer gehen in Rente, die Lebenserwartung steigt und die Zahl der Beitragszahler sinkt. Die Frage ist weniger, ob reformiert wird, sondern wie.

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Estland Otepää - Senioren auf Parkbank am See im Zeichen des demografischen Wandels
Genießen sie ihren Ruhestand? Senioren im estnischen OtepääBild: Sean Gallup/Getty Images

Ruhestand genießen oder gerade noch über die Runden kommen? Darum dreht sich nicht nur die politische Debatte in Deutschland, wo aktuell über das Rentenniveau ab 2031 gestritten wird. Hinter der zugespitzten Formel stehen vor allem harte Strukturfragen. Welche Belastungen lassen sich den nachwachsenden Generationen zumuten und welche Versprechen können wir mit gutem Gewissen heute noch den Rentnern machen?

Die Europäische Union geht davon aus, dass die Bevölkerung in ihren Mitgliedstaaten bei stabiler Zuwanderung von derzeit 451 Millionen auf rund 432 Millionen Menschen im Jahr 2070 sinken wird. Zugleich wächst der Anteil der älteren Menschen rasant. Bereits heute ist in vielen Ländern Europas rund ein Viertel der Bevölkerung 65 Jahre oder älter. Wenn aber die Zahl der erwerbsfähigen Menschen schrumpft, müssen immer weniger Beschäftigte den Wohlstand erwirtschaften, der immer mehr Rentner finanziert.

Rente als Standortfaktor

Für Unternehmen wird das Rentensystem und die Höhe der Beitragszahlungen zu einem zunehmend wichtigen Standortfaktor, da hohe Kosten für das Sozialsystem auf die Konkurrenzfähigkeit drücken. Hohe Leistungen im Gesundheitssystem und eine komfortable Alterssicherung können aber auch Fachkräfte aus anderen Weltregionen nach Europa locken.

Fest steht: Das alte Umlagesystem, bei dem die Beiträge der Angestellten direkt an die Rentner weitergeleitet werden, ist an seine Grenzen gekommen. Bereits heute finanzieren in Deutschland und vielen anderen EU-Staaten nur etwas mehr als zwei Beitragszahler einen Rentner. In Zukunft wird sich dieses Verhältnis weiter verschlechtern.

Staatshaushalt als Puffer

Schon um die Renten für die heutige Rentnergeneration zu bezahlen, stopfen Regierungen die entstandenen Lücken daher mit Steuermitteln. In Deutschland lag der Zuschuss in diesem Jahr bereits bei deutlich über 100 Milliarden Euro und dürfte bis 2040 deutlich über 150 Milliarden steigen. Das wären rund sechs bis sieben Prozent der Wirtschaftsleistung und damit eine Größenordnung, die die Spielräume für andere Staatsaufgaben spürbar einengt.

Älterer Mann kauft frisches Obst auf dem Straßenmarkt in Bari
Italien leistet sich derzeit das teuerste Rentensystem EuropasBild: Michael Bihlmayer/CHROMORANGE/picture alliance

Italien gibt aktuell mit fast 16 Prozent des BIP (Deutschland: ca. zehn Prozent) am meisten in Europa für Renten aus. Allerdings fungiert die Rente dort oft als "soziales Netz" für ganze Familien, was Kürzungen politisch fast unmöglich macht.

Spanien gilt als das Land, in dem der Finanzierungsbedarf (und damit der nötige Steuerzuschuss oder eine Schuldenaufnahme) am drastischsten zunehmen wird - unter anderem weil Spanien eine der niedrigsten Geburtenraten in Europa besitzt. Es droht, Italien als das "teuerste" System abzulösen.

Doch nicht überall werden hohe Steuerzuschüsse als Problem gesehen. In Österreich werden diese politisch (noch) akzeptiert. Die Gesellschaft ist stolz auf das hohe Rentenniveau.

Automatismus statt Zuschuss

Schweden und die baltischen Staaten haben sich bewusst anders entschieden. Ihre Renten folgen weitgehend einer einfachen Logik: Nur was eingezahlt wird, darf auch ausgegeben werden. Sinken die Einnahmen aufgrund der demografischen Entwicklung, wirkt sich das entsprechend auf die Rentenanpassung aus.

Rentner am Tamariz Beach unter den Folgen der Corona-Pandemie
In Portugal ist das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung gekoppeltBild: Frank Hoermann/SVEN SIMON/picture alliance

Die Rechnung geht für den Staatshaushalt auf, bringt allerdings soziale Probleme mit sich. In den baltischen Staaten sind die relativen Armutsquoten im Alter europaweit Spitzenreiter, weil die Renten mit den Löhnen und Preisen nicht Schritt halten.

Auch das lange in Europa als Vorbild gefeierte Schweden musste die Garantierente und den Wohnzuschuss erhöhen, um einen sichtbaren Anstieg der Altersarmut zu bremsen. Die finanzielle Nachhaltigkeit gibt es in diesen Modellen also nicht kostenlos, sondern sie geht einher mit einem höheren Risiko individueller Unsicherheit.

Auf dem Weg zur Rente mit 70

Die Rentensysteme in Europa sind komplex. Viele Staaten haben Mischsysteme aus Umlage, Kapitaldeckung und Grundsicherung. Neun EU-Staaten koppeln das Renteneintrittsalter heute an die Lebenserwartung - darunter Dänemark, die Niederlande, Estland und die Slowakei.

In Portugal gilt seit 2014: Mit jedem Jahr, das die Lebenserwartung steigt, verlängert sich die Arbeitszeit um rund acht Monate. In der Praxis stieg das Rentenalter in Portugal auf 66 Jahre und sieben Monate. Da die errechnete Lebenserwartung während der COVID-Pandemie sank, reduzierte sich das Rentenalter in dieser Phase aber auch leicht.

Durch diesen Automatismus rechnet die OECD langfristig damit, dass das gesetzliche Renteneintrittsalter in mehreren Ländern auf rund 70 Jahre oder darüber steigen könnte.

Proteste gegen den Rentenreform in Frankreich
Proteste gegen den Rentenreform in FrankreichBild: Huchot-Boissier Patricia/ABACA/IMAGO

Wie mühsam die Erhöhung des Renteneintrittsalters ohne Automatismus ist, zeigt sich nicht nur in Frankreich. Dort sagte die Regierung jüngst zu, die geplante schrittweise Erhöhung (von 62 auf 64 Jahre) bis zur nächsten Präsidentenwahl auszusetzen.

Auch der Schweiz fällt es extrem schwer, das Renteneintrittsalter über die "magische 65" zu heben. Im September 2017 haben die Bürger eine Erhöhung auf 66 Jahre in einem Referendum abgelehnt. Zu der Entscheidung könnte auch beigetragen haben, dass die Schweiz mit einer Maximalrente arbeitet.

Niederlande und Dänemark: Das "Cappuccino-Prinzip"

Dänemark und die Niederlande werden oft als Gegenentwurf zur umlagefinanzierten Rente genannt. Beide Länder bieten eine staatliche Grundrente für jeden, der in dem Land gewohnt hat. Entsprechend ist diese Rente nicht beitragsfinanziert, sondern durch Steuern. Damit verbreitert sich der Kreis derjenigen, die ins System einzahlen, weil per se keine Berufsgruppe ausgenommen wird. In Deutschland zum Beispiel müssen Selbständige und Beamte nicht in die staatliche Rentenkasse einzahlen. In seinem jährlichen Pension-Index führt das amerikanischen CFA Institute die Niederlande und Dänemark als diejenigen EU-Staaten mit der nachhaltigsten Finanzierung.

Renten, die über die Grundsicherung hinausgehen, sind fast vollständig kapitalgedeckt. Die Arbeitnehmer zahlen also über ihren Arbeitgeber in kollektive Pensionsfonds ein, die das Geld am Markt investieren. Zusätzlich ist auch eine private Vorsorge möglich. Diese verschiedenen Schichten haben dem Rentensystem den Spitznamen "Cappuccino-Prinzip" eingebracht. Das führt zu einem Rentenfonds-Vermögen in den Niederlanden, das mehr als doppelt so hoch ist wie das Bruttoinlandsprodukt. Zur Wahrheit gehört aber auch: Pensionsfonds sind abhängig von der Entwicklung an den Finanzmärkten.

Osteuropa: Das gescheiterte Experiment

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs suchten mehrere mittel- und osteuropäische Staaten nach Alternativen zu ihren umlagefinanzierten Rentensystemen. Polen und Ungarn führten in den 1990er- und 2000er-Jahren obligatorische, kapitalgedeckte Elemente ein, bei denen ein Teil der Rentenbeiträge in privat verwaltete Fonds floss. Während der Finanzkrise und in politisch angespannten Zeiten machten beide Länder diese Reformen jedoch weitgehend rückgängig: Die angesparten Mittel wurden per Gesetz wieder in das staatliche System überführt, teils zur Stabilisierung der öffentlichen Haushalte und zur Senkung der ausgewiesenen Staatsverschuldung.

Polen behielt einen kleinen Rest des sogenannten OFE-Systems bei und leitet bis heute knapp drei Prozent der Sozialbeiträge in private Fonds weiter. Die Erfahrungen der Region zeigen jedoch, dass große Kapitalstöcke, selbst wenn sie privat verwaltet werden, in Krisenzeiten politisch anfällig sind und staatliche Eingriffe auslösen können.

Armutsrisiko steigt

Ziel der Reformen ist es, die Finanzierbarkeit des Systems auch für die Zukunft zu garantieren. Doch unabhängig vom eingeschlagenen Weg ist zu erwarten: Künftige Renten werden im Verhältnis zu den Löhnen tendenziell niedriger ausfallen, sofern nicht länger gearbeitet oder privat vorgesorgt wird.

Fotomontage zur Aktivrente - Rentner im Baugewerbe
Aktivrentner könnten das Rentensystem entlastenBild: Michael Bihlmayer/CHROMORANGE/picture alliance

Die OECD weist für Durchschnittsverdiener in Europa ein mittleres Nettoersatzniveau von rund 61 Prozent aus. Im Ruhestand "verdient" die Person also mehr als ein Drittel weniger als noch im Berufsleben. Doch es gibt starke Schwankungen: Während Estland, Litauen oder Irland teils unter 40 Prozent liegen, erreichen Länder wie die Niederlande, Portugal oder die Türkei einen Wert über 90 Prozent. Deutschland, Frankreich und Schweden bewegen sich im Mittelfeld.

Entscheidend für den Lebensstandard im Alter sind jedoch auch betriebliche und private Vorsorge sowie Wohneigentum, weshalb niedrige staatliche Renten in manchen Ländern nur durch zusätzliche Ersparnisse abgefedert werden können.