Emir Kusturicas ″Underground″: Krieg als absurdes Schauspiel | Filme | DW | 03.09.2016
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Emir Kusturicas "Underground": Krieg als absurdes Schauspiel

Vor 20 Jahren erhielt Emir Kusturica für sein ausuferndes Jugoslawien-Kriegspanorama die Goldene Palme. "Underground" entstand als Kinofilm und als doppelt so lange TV-Serie. Die liegt nun auch auf DVD vor.

In ein paar Tagen wird Emir Kusturicas neuer Film "On the Milky Road" bei den Filmfestspielen in Venedig in Welturaufführung gezeigt (9.9.). Es ist Kusturicas erster Spielfilm seit fast zehn Jahren. Ursprünglich sollte "On the Milky Road" schon im Mai in Cannes laufen. Doch Kusturica und seine Produzenten hatten den Film nicht fristgerecht eingereicht, und die Veranstalter in Cannes berücksichtigten das Werk daraufhin nicht.

Streit mit Cannes

Kusturica räumte zwar ein, dass die Frist tatsächlich um einen Tag überschritten worden sei, warf dem Festival in Cannes aber vor, der tatsächliche Grund für die Ablehnung sei politischer Natur: "Der Film wurde zur Verfügung gestellt, aber man hat ihn sich nicht einmal angeschaut. Ich werte das als einen (…) Preis für das gute freundschaftliche Verhältnis zu Russlands Präsident Putin", kommentierte Kusturica die Absage aus Cannes ironisch.

Emir Kusturica (Foto: Reuter)

Umstrittener Filmemacher: Emir Kusturica

Was hat das alles mit "Underground" zu tun, jenem weitausholdenden Epos über Ex-Jugoslawien und den Bosnien-Krieg? Zweierlei: Mit "On the Milky Road" knüpft der Regisseur thematisch an das Ende seines großen Erfolgs von 1995 an. Und: Auch mit seinem neuen Film gerät Emir Kusturica wieder in das Räderwerk von Kultur und Politik.

Kusturica ist seit vielen Jahren höchst umstritten. Weil er immer wieder Partei ergriff für die Sache der Serben, weil er zumindest zeitweise mit Politikern wie Slobodan Milošević und Radovan Karadžić sympathisierte und weil er stets seine Abneigung gegen die Politik der westeuropäischen Mächte während des Bosnien-Kriegs zum Ausdruck brachte.

Preiswürdig, aber auch umstritten: Underground 1995

Im Zentrum politisch-kultureller Auseinandersetzungen war Kusturica, 1954 in Sarajevo als Sohn serbisch-muslimischer Eltern geboren, schon kurz nach der Premiere von "Underground" in Cannes geraten. Zwar war der Premieren-Jubel groß und die Jury unter Vorsitz der Schauspielerin Jeanne Moreau verlieh dem knapp dreistündigen Film mit der Goldenen Palme die höchste Auszeichnung des Festivals, doch stieß der Film auch auf heftige Kritik - gerade in Frankreich.

Filmstill aus 'Underground' (1995) von Regisseur Emir Kusturica (Foto: Pandorafilm)

Biblische Motive, großartige Bildtableaus: "Underground"

Dort warfen einige Intellektuelle Kusturica einseitige Parteiname für die Serben vor. Der Jugoslawien-Krieg dauerte im Frühjahr 1995, als "Underground" in Cannes gezeigt wurde, noch an. Erst im November zeichnete sich mit dem Abkommen von Dayton ein Ende des Kriegs ab. Kusturica hatte sich immer als Anhänger des Staates Jugoslawien bekannt und äußerte sich später oft kritisch gegenüber kroatischen und muslimischen Politikern.

Kusturica liebt die Provokation

Dazu kam, dass der Regisseur, ein äußerst impulsiver Charakter, in späteren Jahren bei Festivals oder anderen öffentlichen Auftritten gern provozierte und manchmal Interviews wütend mit großer Geste abbrach. Manche positive Aussagen über Milošević und Co. zog Kusturica im Laufe der Jahre zurück, doch blieb er immer bei seiner Meinung, dass zum Beispiel das Bombardement Belgrads durch die NATO 1999 falsch gewesen sei.

Emir Kusturica in Drvengrad (Foto: DPA)

Emir Kusturica 2014 in Drvengrad

Emir Kusturica, der heute die serbische und französische Staatsbürgerschaft besitzt und sich vor elf Jahren nach serbisch-orthodoxem Ritual taufen ließ, lebt heute in Belgrad und Paris sowie in dem von ihm mit konzipierten serbischen Dorf Drvengrad. Der Regisseur sieht hier einen Ort kulturellen Austausches, aber es ist auch eine Art Freilichtmuseum serbischer Tradition.

Liebe in Zeiten des Krieges

Sieht man "Underground" nach vielen Jahren wieder, fällt es schwer, die heftigen Auseinandersetzungen um das Werk nachzuvollziehen. Dass dem Film eine pro-serbische Haltung vorgeworfen wurde, ist kaum verständlich. Dagegen überwältigt der vielstündige ausladende Bilderreigen über Krieg und Zerstörung, über Opportunisten und Kriegsgewinnler, über Liebe in Zeiten des Terrors mit seiner überbordenden Phantasie noch immer.

"Underground" erzählt die über mehrere Jahrzehnte andauerned Freundschaft der beiden Rivalen Marko Dren (Miki Manojlović) und Petar "Bläcky" Popara (Lazar Ristovski) sowie deren gemeinsame Freundin Natalija Zovkov (Mirjana Joković).

Filmstill aus 'Underground' (1995) von Regisseur Emir Kusturica (Foto: Pandorafilm)

Im Glauben, der 2. Weltkrieg dauere noch an, hat sich Petar "Bläcky" Popara (Lazar Ristovski) im "Untergrund" eingerichtet

Der Film beginnt im von Nazi-Deutschland besetzte Jugoslawien, blendet dann zwischenzeitlich über in das Jugoslawien Josip Broz Titos und endet mitten im Bosnien-Krieg. Es ist ein surreal-phantastischer Bilderbogen, den Kusturica mit abstrusen Einfällen und vielen grotesken Momenten anreichert, der surreal und phantastisch ist, immer sehr unterhaltsam und in manchen Szenen auch anrührend und sentimental.

In der Tradition eines Federico Fellini

"Der an das alttestamentarische Drama von Kain und Abel gemahnende Brudermord verleiht dem Bürgerkrieg die Dimension biblischen Schreckens" fasst Fabienne Liptay (in "Filmgenres: Kriegsfilm", Reclam-Verlag) einen Handlungsstrang zusammen und trifft damit den Kern der Filmerzählung. Kusturica erzählt konkret und direkt von den Schrecken des Kriegs und der Nachkriegszeit, gleichzeitig überhöht er aber seine Geschichten und Geschichte in mythische Ebenen. "Underground" führt Fellini und Márquez zusammen, ist Satire und Politgroteske, wüst und zärtlich.

Dass ist auch noch nach 20 Jahren sehenswert. Die nun erstmals auf DVD in Deutschland vorliegende 300-minütige Fassung der TV-Serie von "Underground" gibt dem Zuschauer zudem die Gelegenheit, einige Handlungsstränge (die in der Kinofassung verkürzt erschienen) besser nachzuvollziehen. Gewidmet ist die DVD dem 2014 verstorbenen deutschen Co-Produzenten Karl "Baumi" Baumgartner, einem guten Freund des Regisseurs.

Die TV-Fassung von "Underground" (ca. 300 Minuten; Deutschland/Frankreich/Ungarn 1995) ist bei "Pandora Film" erschienen, als Extras u.a. ein Interview mit dem Regisseur und ein "Tribute to Baumi".

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