Schwarz-Rot-Gold: So entstand die Deutschlandflagge | Kultur | DW | 15.06.2021
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Deutsche Geschichte

Schwarz-Rot-Gold: So entstand die Deutschlandflagge

Fußball-EM ist auch Nationalfarben-Zeit. Deutsche Fans schmücken sich in Schwarz-Rot-Gold. Die Farben haben eine wechselvolle Geschichte hinter sich.

Jubelnde Fußballans mit Deutschlandflaggen

Schwarz-rot-goldene Flaggen gehören zu Fußball-Fanfesten dazu

Nach zähem Ringen schrieben die Mütter und Väter des Grundgesetzes 1949 in Artikel 22 der neuen Verfassung den Satz: "Die Bundesflagge ist schwarz-rot-gold." Diese Farbkombination hatte da bereits in Deutschland eine mindestens 200-jährige Geschichte hinter sich. Die Flagge steht inzwischen für freiheitlich-demokratische Traditionen, doch bis dahin war es ein weiter Weg. Lange Zeit wurden die Ursprünge des Dreiklangs Schwarz-Rot-Gold im Mittelalter verortet. Das gilt allerdings längst als nachträgliche Projektion. Zwar zeigte das Wappen des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation einen schwarzen Adler mit roten Beinen vor goldenem Hintergrund, doch es handelt sich nicht um die offiziellen Farben dieses ersten deutschen Kaiserreichs.

Die vermeintliche Herkunft aus dem Mittelalter

Gemälde der Revolution von 1848 in Berlin änner auf Barrikaden recken Säbel empor. Mittig wird eine große schwarz.rot-goldene Fahne geschwenkt

Märzrevolution 1848: Hier variiert die Farbkombination, wie etwa am rechten Bildrand

Zum politischen Symbol wurde die Farbkombination hingegen erst im Nachhall der "Befreiungskriege" um 1815 gegen das französische Kaiserreich unter Napoleon, der weite Teile Deutschlands besetzt hatte.

Während des Krieges stellte die preußische Propaganda besonders eine Einheit heraus: den Freiwilligenverband von Major Ludwig Adolf Wilhelm von Lützow, der kurz darauf als "Lützower Jäger" bezeichnet wurde. Seine Berühmtheit verdankt das Korps nicht zuletzt namhaften Mitgliedern wie Friedrich Ludwig Jahn, der wegen seiner Errungenschaften für den Sport den Beinamen "Turnvater" erhielt, dem romantischen Komponisten Carl Maria von Weber und dem Schriftsteller Theodor Körner, der dem Regiment das später höchst populäre Gedicht "Lützows wilde Jagd" widmete. 

Antifranzösischer Zeitgeist

Während Jahn wegen anti-judaistischer Aussagen umstritten bleibt, lässt das Pathos in Körners Kriegslyrik heute gruseln, auch dann noch, wenn man den antifranzösischen Zeitgeist der Ära einrechnet:

Frisch auf, mein Volk!

Die Flammenzeichen rauchen,

Hell aus dem Norden bricht der Freiheit Licht.
Du sollst den Stahl in Feindes Herzen tauchen,

Wasch' die Erde,
Dein deutsches Land mit deinem Blute rein!

Von sich reden machte das Lützowsche Freikorps auch durch sein Äußeres: schwarze Uniformen, rote Abzeichen und goldene Knöpfe. Dabei war das Schwarz aus der Not geboren - die Freiwilligen brachten ihre Uniformen selbst mit. Um sie möglichst einheitlich aussehen zu lassen, war es am einfachsten, sie schwarz zu färben. Andere Farben waren damals schwer zu kriegen.

Antwort auf Frankreichs Trikolore

Als sich zum Ende des Befreiungskriegs 1815 nicht zuletzt auf Betreiben des "Turnvater Jahn" Studenten-Verbindungen aus ganz Deutschland in Jena zu einer national geeinten "Urburschenschaft" versammelten, wählten sie angelehnt an die Farben der Lützow-Uniformen eine senkrecht gestreifte rot-schwarz-rote Fahne - mit goldenem Zweig in der Mitte.

Diese Farben übernahmen die sich im frühen 19. Jahrhundert in Deutschland formierenden Kräfte, die eine Republik und nationale Einheit forderten. Beim "Hambacher Fest" 1832, einer Art Mammut-Festival der Demokratie-Bewegung, wurden gelb-rot-schwarz gestreifte Fahnen geschwenkt. Damit war der französischen Trikolore nun ein "deutscher Dreifarbklang" entgegengestellt.

Die Farben symbolisierten nationale Einheit und bürgerliche Freiheit. 1848 erklärte der Frankfurter Bundestag ebenso wie die Deutsche Nationalversammlung Schwarz-Rot-Gold zu Farben des Deutschen Bundes beziehungsweise des zu gründenden Deutschen Reiches. So wehten bei der Revolution von 1848/49 auf einigen Berliner Barrikaden, genauso wie bei der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche, schwarz-rot-goldene Fahnen.

Gemälde der Germania in schwarz-rot-goldenem Gewand in der Paulskirche in Frankfurt am Main.

Die "Germania" thronte über der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche

Doch nach der blutigen Niederschlagung der Revolution blieb nur der preußisch dominierte Deutsche Bund übrig, der vom demokratischen Schwarz-Rot-Gold nichts mehr wissen wollte. In manchen deutschen Bundesstaaten wurde daraufhin die Farbkombination sogar verboten.

1871: Schwarz-Weiß-Rot statt Schwarz-Rot-Gold

Am 18. Januar 1871 verlas Otto von Bismarck im Spiegelsaal von Versailles die Kaiserproklamation. Der Sieg über Frankreich im deutsch-französischen Krieg (1870/1871) führte zur Gründung des Deutschen Reichs. Die Farben Preußens, Weiß und Schwarz, ergänzt um das Rot der Hansestädte, wurden die Farben der neuen Staatsflagge.

Die nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs in Weimar tagende Nationalversammlung bestimmte wiederum 1919 Schwarz-Rot-Gold zur Flagge des nun republikanisch verfassten Deutschen Reichs. Vorausgegangen war indes ein erbitterter "Flaggenstreit" zwischen Republikanern, die Schwarz-Rot-Gold forderten, Monarchisten und Kommunisten, die eine komplett rote Fahne verlangten.

1935: Hakenkreuz statt Schwarz-Rot-Gold

Das Zwischenspiel von Schwarz-Rot-Gold als Staatsflagge währte nur bis zum September 1935. Auf dem Nürnberger Reichsparteitag wurden nicht nur die "Rassengesetze" beschlossen, sondern auch die Hakenkreuz-Flagge zur Nationalflagge erklärt - und zugleich wurde es den Juden verboten, diese zu hissen.

Schwarz-Rot-Gold-Flagge der DDR mit Hammer- und Sichel-Emblem.

Schwarz-Rot-Gold in der DDR-Variante, eingeführt 1959

Der exzessive Gebrauch und Missbrauch von nationalen Symbolen im nationalsozialistischen Deutschland führte zu einem zurückhaltenderen Umgang damit in der frühen Bundesrepublik. 1949 entschied sich der Parlamentarische Rat bei einer Gegenstimme für Schwarz-Rot-Gold als Farben der Staatsflagge der Bundesrepublik Deutschland. Doch ganz ohne Symbole kam auch der junge Staat nicht aus und ergänzte 1950 die Schwarz-Rot-Gold-Flagge um ein Staatswappen: einen stilisierten schwarzen Adler vor goldenem Hintergrund mit roten Krallen nach rechts blickend. Ein später Nachfahre des Adlers also, der auf dem Wappen des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation geflattert hatte.

Schwarz-Rot-Gold als Farben zweier deutscher Staaten

Diese "Bundesdienstflagge ist amtlichen Stellen des Bundes vorbehalten", stellt das Bundesinnenministerium klar. Wer die Fahne etwa bei einem Spiel der Nationalmannschaft schwenkt, begeht formell eine Ordnungswidrigkeit, die mit Geldstrafe geahndet werden kann. Regelmäßiges Gezerre gibt es um die Verwendung des "Bundesadlers" auf den Trikots der Deutschen Fußball- und Handball-Nationalmannschaften.

Ostdeutsche Demonstranten begrüßen mit westdeutschen Flaggen den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl in Dresden.

Ostdeutsche Demonstranten begrüßten mit westdeutschen Flaggen den damaligen Kanzler Helmut Kohl in Dresden 1989

Einen großen Auftritt hatten schwarz-rot-goldene Bundesflaggen während der sogenannten friedlichen Revolution in der DDR 1989: Protestierende gegen das SED-Regime schwenkten massenhaft Schwarz-Rot-Gold - allerdings ohne die Staatssymbole der DDR. Denn auch die hatte Schwarz-Rot-Gold zur Staatsflagge erklärt, allerdings später mittig ergänzt um einen stilisierten Hammer und einen Zirkel in einem Ährenkranz.

Auch wenn Schwarz-Rot-Gold heute für ein weltoffenes Deutschland steht: Mittlerweile werden die Fahnen zum Entsetzen vieler auch immer wieder von Initiatoren und Teilnehmenden von rechtsextremen und rassistischen Kundgebungen vereinnahmt.

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