Droht Italien für Tokio 2020 das Olympia-Aus? | Sport | DW | 09.08.2019
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Olympische Spiele

Droht Italien für Tokio 2020 das Olympia-Aus?

Ein neues Gesetz bringt den italienischen Sport in Bedrängnis: Wegen eines Reformplans der kriselnden Regierung könnte Italien von den Olympischen Spielen 2020 in Tokio ausgeschlossen werden. Nur Drohgebärden des IOC?

Brasilien Rio de Janeiro | Olympische Spiele Gymnastik Tag 16 (Getty Images/J. Finney)

Eleganter Auftritt von Italiens Olympia-Team in der rhythmischen Sportgymnastik - auch in Tokio?

Acht Mal Gold, zwölf Mal Silber, acht Mal Bronze - mit dieser durchaus soliden Bilanz landete Italien bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro 2016 auf einem respektablen neunten Platz unter 207 teilnehmenden Nationen. Italien blieb damit klar vor anderen Sportnationen wie Spanien und Australien, den Gastgebern aus Brasilien oder den Leichtathletik-Hochburgen Kenia und Jamaika. Beim Schießen war Italien gar die mit Abstand erfolgreichste Nation. Sportlich ist das Land also kein Leichtgewicht - könnte aber unter Umständen bei den kommenden Olympischen Spielen 2020 in Tokio fehlen. 

Es geht um die Unabhängigkeit - und ums Geld

Denn das Internationale Olympische Komitee (IOC) lässt aktuell seine Muskeln spielen. Der olympische Dachverband hat einen Brief nach Italien geschickt, der es in sich hat. Die italienische Tageszeitung "Corriere della Sera" veröffentlichte den Brief, den James Macleod, beim IOC zuständig für die nationalen Olympischen Organisationen, unterzeichnet hat. Er warnt vor der Einflussnahme der Regierung auf Italiens Olympia-Komitee (CONI). So äußerte das IOC "ernsthafte Bedenken" und erinnerte daran, dass die Mitgliedschaft in der Olympischen Bewegung "Übereinstimmung mit der Olympischen Charta und Anerkennung durch das IOC" erfordere. Das IOC droht Italiens Olympia-Komitee sogar mit dem Ausschluss, "falls die Verfassung, Gesetze oder andere Regularien im betreffenden Land das NOK in seiner Aktivität oder der Ausübung seines Willens behindern."

Japan Diego Ulissi beim 'Ready Steady Tokyo - Cycling' (picture-alliance/dpa/R. Walbers)

Ein italienischer Sieg bei Olympia? Ungewiss. Beim olympischen Testevent gewann Diego Ulissi das Straßenrennen

Grund für die Verwerfungen ist ein Reformplan der italienischen Regierung. Mit einem Gesetz will das Kabinett von Ministerpräsident Conte offenbar stärker Einfluss auf die nationale Sport-Organisation nehmen. Dabei solle eine neue Organisation entstehen, berichtet die bei Olympiathemen für gewöhnlich gut informierte Plattform "Inside the Games": Mit "Sport e Salute" (Sport und Gesundheit) werde ein neuer sportpolitischer Player geschaffen, während der Etat der nationale Olympia-Organisation CONI radikal von 400 Millionen Euro auf 40 Millionen Euro gekürzt werden solle. Solche Zahlen können dem IOC nicht gefallen. 

IOC bestellt Italiens Politiker zum Rapport

"Das IOC hat diese spezifischen Bestimmungen (des italienischen Gesetzesvorhabens, Anm. d. Red.) sorgfältig studiert und einige Probleme identifiziert, die die Unabhängigkeit von CONI beeinträchtigen können", antwortet ein IOC-Sprecher auf DW-Anfrage. Das IOC habe feststellen müssen, dass diese Probleme nicht berücksichtigt wurden und das Gesetz verabschiedet wurde, so der Sprecher. Das IOC habe die Vertreter der italienischen Regierung nun für September zu einem klärenden Treffen nach Lausanne eingeladen und appellierte an die Zusammenarbeit "im Interesse der Olympischen Bewegung Italiens". 

Rio 2016 - Eröffnungsfeier | Federica Pellegrini trägt die Fahne Italiens (picture-alliance/dpa/L. Schulze)

Forza Italia: Darf eine italienische Mannschaft zu den Spielen von Tokio reisen?

Die Sätze mögen diplomatisch formuliert daher kommen, die Aussagen sind jedoch ernst zu nehmen. Denn staatliche Einflussnahme ist etwas, das die Hüter der Ringe vom Genfer See überhaupt nicht mögen. Böse Zungen könnten sagen: Staatliche Eingriffe in die Autonomie des Sports sind für das IOC schlimmer als staatlich organisiertes Doping. Denn während Russlands Athleten trotz der größten Doping-Verschwörung der olympischen Geschichte 2016 in Rio de Janeiro nur zum Teil gesperrt wurden und die Nation am Ende Rang vier im Medaillenspiegel belegte, durften die Sportler Kuwaits nicht für ihr Land starten: Das IOC hatte Kuwait im Oktober 2015 wegen politischer Einflussnahme der Regierung auf sportliche Institutionen suspendiert, die qualifizierten kuwaitischen Sportler mussten als "Unabhängige olympische Athleten" starten. 

Italiens Regierungskrise und die Folgen

Dieses Schicksal will Italien gewiss nicht teilen. Zwar wollte sich CONI-Sprecher Danilo di Tommaso auf DW-Anfrage nicht zum Thema äußern, doch Sportminister Giancarlo Giorgetti versucht, die Wogen zu glätten. Italiens Sport wolle weiter an der neuen Verordnung arbeiten, so Giorgetti, und sprach von "Missverständnissen". Sein Land hat viel zu verlieren: 2026 richten Mailand und Cortina d'Ampezzo die Winterspiele aus. Erst im Juni hatte Italien den Zuschlag bekommen und sich im Duell mit Stockholm durchgesetzt. Die Ausrichtung der Spiele in Frage zu stellen, dürfte ein weiterer Hebel sein, den das IOC betätigen könnte wenn sich Italien im Streit nicht bewegt. 

Bewegung ist nun aber an anderer Stelle eingetreten: Die italienische Regierung ist in eine Krise gestürzt. Innenminister Matteo Salvini hat mit seiner Forderung nach Neuwahlen einen Konfrontationskurs mit dem Koalitionspartner eingeschlagen, Regierungschef Giuseppe Conte ist angezählt. Ausgang des italienischen Sommertheaters, das mitten in die nationalen Ferien fällt, ungewiss. Selbiges gilt auch für den Streit zwischen Italien und dem IOC. 

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