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KulturGlobal

Die stille Macht der Memes

24. April 2026

Sie sind lustig, provokant und bisweilen geschmacklos. Memes sind Teil unserer alltäglichen Kommunikation geworden und zugleich ein mächtiges politisches Werkzeug, denn sie formen Wahrnehmung - und das meist unbemerkt.

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App-Icons auf einem Smartphone
Digitale Kommunikation: Die sozialen Medien sind überflutet mit MemesBild: Daniel Chetroni/Visually/picture alliance

Anfang dieses Jahres ging ein "nihilistischer Pinguin" viral: Der kurze Clip zeigt einen Pinguin im Eis, der seine Kolonie verlässt und alleine ins ewige Eis watschelt – ein überaus atypisches Verhalten aus biologischer Sicht und zugleich tragikomisches Sinnbild, das zu Interpretationen einlädt. Das Bildmaterial selbst stammt aus einer Doku von Filmemacher Werner Herzog aus dem Jahr 2007.

Memes sind heute fester Bestandteil der Internetkultur und aus der digitalen Kommunikation nicht mehr wegzudenken. Auch im politischen Diskurs spielen sie inzwischen eine Rolle: Sie formen Wahrnehmungen und können die Meinungsbildung beeinflussen. Besonders deutlich zeigt sich das in den USA, wo die Wahlkämpfe spätestens seit 2016 von einer immer größer werdenden Flut von Memes begleitet werden und auch der politische Alltag davon geprägt ist.

Das aber sei eine gefährliche Entwicklung, sagt der Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich, der ein Buch geschrieben hat mit dem Titel "Memokratie". Man könne beobachten, dass sehr oft "krasse, aggressive, oft auch beleidigende Social Media Inhalte und dann allen voran Memes" den politischen Diskurs beherrschten. Was wiederum zur Folge hätte, dass immer weniger miteinander gestritten werde.

"Jede Seite versucht, eigene Anhängerschaft mit lustigen, auch oft zynischen, hämischen Bildern, Kommentaren zu mobilisieren ", so Ullrich gegenüber der DW. Und im Weiteren werde dann sogar Politik selber "meme-förmig" gemacht, "also so zugeschnitten, dass sie möglichst schrill, triggernd ist, als würde es immer nur um Pointen statt um Argumente gehen ". 

Trump und die Meme Warriors

Der aktuelle US-Präsident Donald Trump beherrscht das Spiel um Aufmerksamkeit besonders gut. Trump folgt den Gesetzen der Sozialen Medien, wo in der Regel das am meisten Aufmerksamkeit bekommt, was besonders krass ist, was am meisten triggert und Reaktionen auslöst.

KI-generiertes Bild von Donald Trump als Jesus auf Truth Social
Eklat im April: Trump postet nach einem Disput mit dem Papst ein KI-generiertes Bild, auf dem er als Heiliger zu sehen ist. Es wurde später gelöscht - Trump selbst behauptet, es zeige ihn als Arzt.Bild: @realDonaldTrump/Truth Social/Handout/REUTERS

Zu Hilfe kommen ihm dabei seine sogenannten "Meme Warriors": Fans und Unterstützer, die Tag für Tag KI Bilder und Memes produzieren, um die politische Agenda zu fördern. "Und jeder hofft natürlich, dass das beim Idol so gut ankommt, dass er das selbst postet", sagt Ullrich - wie im Falle des KI-Bildes Mitte April, als Trump nach einem Disput mit dem Papst ein KI-Bild postete, das ihn selbst als Jesus gleiche Erlöserfigur zeigt. Der Post wurde wenig später wieder gelöscht, unter anderem, weil es Kritik aus den eigenen konservativen Reihen gab. 

Genau diese Art von polarisierender Kommunikation aber ist für die Demokratie problematisch, sagt Ullrich. Diskussionen würden emotional derart aufgeladen, "bis eben ein handfester Streit gar nicht mehr möglich ist". Demokratie aber zeichne sich genau dadurch aus: einen Streit um eine gemeinsame Sache führen zu können – mit Argumenten anstelle von Beleidigungen oder Provokationen.

Abgrenzung zur Satire

Nun könnte das Bild von Donald Trump als Heiligengestalt auch eine Parodie eines Trump-Gegners sein, der die Selbstüberhöhung des Präsidenten satirisch darstellen will. Die Wirkung wäre eine andere, denn "Bilder bekommen ihre Bedeutung immer erst durch den Ort und den Kontext, in dem sie eingesetzt werden", so Ullrich.

Porträtfoto eines Mannes, im Hintergrund ein Bücherregala
Wolfgang Ullrich warnt vor einer Verschiebung der Demokratie hin zur "Memokratie"Bild: Annekathrin Kohout

Ähnlich wie die klassische Karikatur können auch Memes dazu dienen, die Mächtigen zu kritisieren und Gesellschaftsstrukturen zu hinterfragen. Werden sie aber zum Leitmedium der Weltmacht, die sie benutzt, um politische Gegner lächerlich zu machen oder auf Kosten von Schwächeren zu lachen, dann habe man das Gebiet der Satire verlassen, sagt Wolfgang Ullrich. "Das ist eigentlich genau eine Pervertierung all dessen, wofür Satire, wofür Karikatur herkömmlich steht."

Fragwürdige Politik wird kaschiert

Hinzu komme, dass ernsthafte Themen bisweilen unangemessen banalisiert würden.  Als Beispiel nennt Ullrich den Beitrag des US‑Heimatschutzministeriums von Juni 2025 auf der Plattform X. Der Post zeigte ein KI‑generiertes Bild des geplanten Abschiebegefängnisses "Alligator Alcatraz" in den Sümpfen der Florida Everglades. Im Vordergrund sind Alligatoren mit Kappen der Einwanderungsbehörde ICE zu sehen. Betitelt war das Bild mit den Worten "Coming soon!". 

"Mit solchen Memes wird völlig abgelenkt davon, dass es hier um Menschen geht, dass es hier um Schicksale geht und eben auch um rechtsstaatlich mindestens fragwürdige Prozeduren." Zwar gab es im Anschluss an den Post Kritik und eine Diskussion darüber, ob man das so darstellen dürfe oder nicht, doch der Diskurs sei dadurch verlagert worden, so Ullrich, "und das, worum es eigentlich geht, nämlich um Menschen, wird aus dem Blick genommen."

Letzten Endes spiele die Memifizierung der politischen Kommunikation denen in die Hände, die autoritäte Tendenzen hätten, sagt Ullrich. Denn es entstehe ein Freiraum der Unverbindlichkeit, in dem man sich stets darauf zurückziehen könne, dass alles ja nur ein Gag gewesen sei. 

Gegenstrategien entwickeln

Die wichtigste Maßnahme, um sich vor Manipulation durch Memes zu schützen, sei, die Funktionsweisen der Sozialen Medien zu verstehen und auch sich selbst und die eigenen Reaktionen zu beobachten, so Ullrich. "Wir sind gewohnt, dass autoritäre Herrscher mit irgendwas wahnsinnig Erhabenem und Einschüchterndem kommen und uns vernichten durch gewaltige Bildlichkeiten, so Leni-Riefenstahl-mäßig (sie drehte Propaganda-Filme für die Nationalsozialisten, Anmerkung der Redaktion). Memes aber kämen klein und unauffällig daher. "Und dass das aber die neue Art ist, auch einer Ästhetisierung von Politik, die letztlich sehr manipulativ, sehr populistisch, sehr suggestiv ist – das müssen wir, glaube ich, noch viel bewusster machen."