Die Großmächte und der Kampf um Berg-Karabach | Europa | DW | 29.09.2020
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Südkaukasus

Die Großmächte und der Kampf um Berg-Karabach

Ohne Russland und die Türkei werden die Waffen im Konflikt um Berg-Karabach kaum zum Schweigen gebracht werden können. Über die Ursachen des Konflikts und den Einfluss der Großmächte.

Was brachte den seit Jahrzehnten schwelenden Konflikt um Berg-Karabach dieses Mal zum Ausbruch? Experten vermuten, dass es mit der schlechter werdenden wirtschaftlichen Lage in dem mehrheitlich von schiitischen Muslimen bewohnten Aserbaidschan zu tun haben könnte.

Völkerrechtlich gehört Berg-Karabach zu Aserbaidschan, auch wenn die Region mehrheitlich von Armeniern besiedelt ist. Nicht einmal Armenien selbst oder Russland erkennen die Region als selbständigen Staat an. Der Konflikt um die Region schwelt seit der Endphase der Sowjetunion ab 1988. Mehrfach kam es deshalb zu militärischen Auseinandersetzungen zwischen Armeniern und Aserbaidschanern.

Als Vermittler tritt seit 1992 die "Minsker Gruppe" der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) auf, zu der auch Deutschland gehört. Seit 1997 steht sie unter der Leitung von drei Ko-Vorsitzenden aus den USA, Russland und Frankreich. 1994 konnte ein Waffenstillstand vermittelt werden.

Ein nachhaltiger Friedenszustand wurde damit allerdings nicht erreicht. Die beteiligen Konfliktparteien hangeln sich von einem Waffenstillstand zum nächsten.

Karte Konflikt Armenien Aserbaidschan

Abhängig vom Öl

Aserbaidschan ist nach Russland und Kasachstan der drittwichtigste Erdölexporteur des postsowjetischen Raums. Die Expansion der Ölindustrie treibt seit 20 Jahren das Wachstum an und hat das Pro-Kopf-Einkommen des Landes zwischen 2000 und 2016 von 652 US-Dollar auf knapp 4.000 hochschnellen lassen.

Allerdings ist durch den Corona bedingten Wirtschaftseinbruch der Ölpreis abgestürzt. Die sonst üppigen Einnahmen aus dem Export, die die Staatskassen füllten, gingen stark zurück. 

Im Gegensatz zum christlich geprägten Armenien, das Russland als Schutzmacht auf seiner Seite weiß, wird Aserbaidschan massiv vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan unterstützt. Ankara liefert seit Jahren Waffen an Baku, und unterstützt den Ausbau der Infrastruktur, etwa beim Streckennetz für die Eisenbahn.

Auch diplomatisch steht Erdogan auf der Seite Bakus. Regelmäßig fordert er die armenische Regierung auf, sich aus Berg-Karabach zurückzuziehen. Dort leben 150.000 christliche Armenier, die nicht von den islamisch geprägten Aserbaidschanern regiert werden wollen. In den vergangenen Monaten hat Erdogan mehrfach Armenien kritisiert.

"Aggressive Rhetorik"

"Aserbaidschans Präsident Ilham Alijew musste sich durch diese Unterstützung ermutigt fühlen, gegen Armenien vorzugehen", meint die Autorin und Journalistin Silivia Stöber, die seit 2007 regelmäßig aus dem Südkaukasus berichtet. "Hinzu kommt, dass Alijew seiner aggressiven Rhetorik gegen Armenien irgendwann Taten folgen lassen musste."

Sotschi Präsidententreffen Putin mit Sersch Sargsjan und Ilham Aliyev (REUTERS)

Auf Einladung von Russlands Präsident Putin trafen sich Aserbaidschans Präsident Alijew und der damalige Staatschef Armeniens Sersch Sargsjan im August 2014 zu Verhandlungen in Sotchi

Stöber stellt klar: "Armenien ist ohne Moskau nicht in der Lage, sich zu verteidigen." Moskau habe Tausende von Soldaten an der Süd-Grenze Armeniens stationiert. Außerdem sind die beiden Länder Mitglied der "Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit", einem von Moskau initiierten Militärbündnisses.

Doch auch Aserbaidschan wird von Russland mit Waffen beliefert. Bereits bei einem Treffen zwischen Alijew und Putin im September 2018 in Sotchi kündigte Alijew den Kauf von russischer Militärtechnik in Höhe von umgerechnet fünf Milliarden US-Dollar an. 

Nach Ansicht des Russlandexperten und Gazprom-Beraters Alexander Rahr geht es Moskau beim Konflikt um Berg-Karabach um die Bewahrung des Status Quo. Der Kreml wolle keine Verschärfung der Lage, sagt Rahr, sondern den Kaukasus als sein Einflussgebiet verteidigen.

Moskau verteidigt Einfluss in der Region 

In den letzten 30 Jahren sei es dem Kreml gelungen, den Einfluss der USA in diesem Raum zu begrenzen. Außerdem stimmten sich die Regierungen Russlands und Aserbaidschans ab, wenn es um Rohstoffgeschäfte geht, denn sie seien auf die Einnahmen aus den Exporten angewiesen.

"Russland hat kein Interesse an einer Eskalation des Konfliktes um Berg-Karabach. Wenn Präsident Putin beide Kriegsparteien zum Frieden aufruft, ist das mehr als nur politische Rhetorik. Er will aller Welt zeigen, wie weit sein Einfluss reicht", erklärt Rahr. Der Kreml werde alles tun, damit die Waffen im Kaukasus möglichst bald schweigen.

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