Neue Offensive in Berg-Karabach | Aktuell Asien | DW | 29.09.2020
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Südkaukasus

Neue Offensive in Berg-Karabach

Keine Pause im Krieg zwischen Aserbaidschan und Armenien: Auch am dritten Tag halten die Kämpfe im Gebiet Berg-Karabach im Südkaukasus an. Der UN-Sicherheitsrat wird am Abend die Lage diskutieren.

Aserbaidschan Armenien Konflikt Berg-Karabach

Auch in der Nacht gehen die Kämpfen weiter

Hinter verschlossenen Türen soll sich der UN-Sicherheitsrat am Dienstagabend mit dem Berg-Karabach-Konflikt beschäftigen. Die internationale Gemeinschaft befürchtet offenbar, dass sich der Konflikt auf die Region ausweiten könnte, sollten sich ausländische Mächte einmischen. Aus Diplomatenkreisen heißt es, die Initiative, den Konflikt noch für Dienstag auf die Tagesordnung zu setzen, sei von Deutschland und Frankreich ausgegangen. Sie werde von Belgien, Großbritannien und Estland unterstützt.

Nach Angaben von Diplomaten soll im Anschluss an die Beratungen des Sicherheitsrats eine Erklärung veröffentlicht werden - entweder im Namen des gesamten Gremiums oder nur im Namen seiner europäischen Mitgliedsstaaten, sollte kein Konsens erreicht werden können.

Mehr dazu: Was befeuert den Konflikt in Berg-Karabach?

Stadt Füsuli im Blick

Unterdessen gehen die Gefechte im Südkaukasus weiter, mittlerweile den dritten Tag in Folge. Am Morgen startete die aserbaidschanische Armee eine neue Offensive in der von Armenien unterstützen Region. Die Truppen bewegten sich in Richtung der Stadt Füsuli und hätten vier armenische Panzer zerstört, hieß es aus dem Verteidigungsministerium in der Hauptstadt Baku. Zudem wurde eine Frau bei einem aserbaidschanischen Drohnenangriff in der Stadt Gadrut getötet, weitere Anwohner wurden verletzt. Seit Sonntag starben mindestens 95 Menschen in dem neu entbrannten Konflikt, in dem beide Länder den Kriegszustand verhängt haben.

Karte Konflikt Armenien Aserbaidschan

Die armenischen Streitkräfte hätten in "mehreren Bereichen der Front" auf die aserbaidschanische Offensive reagiert, wie das armenische Verteidigungsministerium mitteilte. "Der Feind" habe dabei schwere Verluste erlitten. Ein Sprecher des Ministeriums schrieb bei Facebook von "massivem Artilleriefeuer" aserbaidschanischer Truppen auf armenische Stellungen. Die Truppen bereiteten sich auf einen weiteren Angriff vor.

Das aserbaidschanische Verteidigungsministerium erklärte seinerseits, mit den Angriffen auf einen "armenischen Versuch der Gegenoffensive" in Berg-Karabach reagiert zu haben. Es verwies auch auf heftige Kämpfe in der Nacht.

Unter den Todesopfern sind auch neun aserbaidschanische und zwei armenische Zivilisten. Aserbaidschan meldete bislang keine Opfer unter seinen Streitkräften. Die pro-armenischen Behörden in Berg-Karabach veröffentlichten jedoch Videos aus der Kampfzone, in der angeblich die Leichen aserbaidschanischer Soldaten zu sehen waren.

Kampfjet abgeschossen?

Für Irritationen sorgte am Nachmittag eine Meldung über einen abgeschossenen armenischen Kampfjet. Das armenische Verteidigungsministerium erklärte, ein türkisches F-16-Kampfflugzeug habe die Suchoi-25 abgeschossen. Der türkische Jet sei von aserbaidschanischem Territorium gekommen. Der armenische Pilot sei getötet worden. Aserbaidschan gab bisher an, keine militärische Unterstützung aus dem Nachbarland Türkei zu bekommen und selbst keine F-16-Maschinen zu besitzen. Das Militär in Aserbaidschan dementierte die Darstellung umgehend und bezeichnete die Vorwürfe als Lüge. Auch der Kommunikationsdirektor des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, Fahrettin Altun, sagte, dass es sich dabei um einen "billigen Propagandatrick" handle.

UN-Generalsekretär António Guterres rief beide Seiten zum sofortigen Ende der Kämpfe auf. Ein UN-Sprecher sagte, Guterres habe das beiden Regierungschefs per Video-Telefonschalte mitgeteilt.

Merkel mahnt Waffenruhe an

Bundeskanzlerin Angela Merkel rief die Konfliktparteien ebenfalls zu einem sofortigen Waffenstillstand und Verhandlungen auf. In Telefonaten mit dem armenischen Ministerpräsidenten Nikol Paschinjan am Montag sowie dem aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Alijew am Dienstag nannte Merkel die Minsk-Gruppe der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) als geeignetes Forum für Friedensgespräche. Beide Konfliktparteien müssten zu einer friedlichen Lösung beitragen.

Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu telefonierte nach eigenen Angaben mit dem deutschen Ressortchef Heiko Maas über aktuelle Entwicklungen und Lösungsansätze im Berg-Karabach-Konflikt. Aus Berlin gab es zunächst keine Bestätigung dafür. "Es gibt nur eine Lösung. Armenien zieht sich aus dem von ihm besetzten aserbaidschanischen Gebiet zurück. Solange dieser Rückzug nicht geschieht, wird dieses Problem nicht gelöst", sagte Cavusoglu. Die Türkei stehe solidarisch an Aserbaidschans Seite.

Derweil forderte Russland die Regierung der Türkei auf, ihren Verbündeten Aserbaidschan zu Verhandlungen zu bewegen. Ankara müsse alles tun, um die Konfliktparteien zu einem Waffenstillzustand zu bringen, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow in Moskau. Bisherige Unterstützungserklärungen von türkischer Seite für Aserbaidschan hätten nur Öl ins Feuer gegossen.

Der Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan um das umstrittene Gebiet Berg-Karabach schwelt bereits seit Jahrzehnten. Nach einem blutigen Krieg mit 30.000 Toten hatte das ehemals autonome sowjetische Gebiet Anfang der 1990er Jahre seine Unabhängigkeit von Aserbaidschan erklärt. Die von pro-armenischen Kämpfern kontrollierte Region wird jedoch von keinem Land als eigener Staat anerkannt und gilt international nach wie vor als Teil Aserbaidschans. Militärisch und wirtschaftlich wird es jedoch von Armenien unterstützt. Zudem setzt Armenien auf Russland als Schutzmacht. Das öl- und gasreiche sowie militärisch hochgerüstete Aserbaidschan hat die Türkei als Verbündeten.

jwa/ww (dpa, afp)

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