Dichter Günter Kunert stirbt mit 90 | Aktuell Deutschland | DW | 22.09.2019
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Literatur

Dichter Günter Kunert stirbt mit 90

Er war einer der großen deutschen Autoren: Der gebürtige Berliner schuf ein breites Oeuvre in Lyrik und Prosa. Die DDR ließ den Dissidenten 1979 ziehen. Nun ist Günter Kunert im Alter von 90 Jahren gestorben.

Günter Kunert im Alter von 90 Jahren gestorben (picture-alliance/dpa/G. Wendt)

70 Jahre lang schrieb und publizierte Günter Kunert

Günter Kunert, einer der großen zeitgenössischen Dichter, ist tot. Er starb bereits am Samstag in seinem Haus im schleswig-holsteinischen Kaisborstel, wie seine Witwe der Deutschen Presse-Agentur bestätigte. Er sei einer Lungenentzündung erlegen.

Heiter, aber melancholisch

Der gebürtige Berliner bezeichnete sich selbst als einen heiteren Melancholiker. Schreiben war für ihn nach eigenen Worten eine Therapie. Um die Welt, die pausenlos ins Nichts zerfalle, ertragen zu können, sei er Schriftsteller geworden, äußerte Kunert schon 1964.

Günter Kunert im Alter von 90 Jahren gestorben (picture-alliance/dpa/S. Stache)

Kunert signiert "Die zweite Frau" - einen Roman, den er für Jahrzehnte vergaß und der 2019 erschien

Selbstironisch gab er später zu Protokoll: "Meine Angst hat sich rapide verringert, aber meine Befürchtungen sind gewachsen." Kunert schuf ein umfassendes Werk mit Gedichten als Schwerpunkt. Aber auch Prosa - darunter zwei Romane, eine Autobiografie, Reisebeschreibungen und Essays - hat der Autor verfasst, ebenso Filmdrehbücher und Hörspiele. Sein langjähriger Verleger Michael Krüger bezeichnete Kunert als "einen der bedeutendsten Lyriker der Nachkriegszeit" und als Dichter in der Tradition Heinrich Heines.

In Kunerts Leben und Werk spiegelt sich die Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert. Geboren 1929 in Berlin, also noch zur Zeit der Weimarer Republik, wuchs er in der Nazizeit auf - verunglimpft als sogenannter Halbjude; seine Mutter war Jüdin und wurde während des Zweiten Weltkriegs zur Zwangsarbeit in einem Rüstungsbetrieb verpflichtet. Ihr Bruder wurde deportiert. 

Günter Kunert im Alter von 90 Jahren gestorben (picture-alliance/dpa/T. Maelsa)

Gegen die Ausbürgerung Biermanns (r.) hatte Kunert protestiert, hier ein Bild von 2001 mit Journalist Fritz Pleitgen

In der DDR galt Kunert als einer der meistgelesenen Autoren. Obwohl er zunächst auf den Sozialismus setzte, war er doch bald vom SED-Staat enttäuscht - und wurde über lange Zeit hinweg bespitzelt. Belästigungen durch die Stasi waren für ihn an der Tagesordnung.

Offener Protest gegen Biermann-Ausbürgerung

1976 gehörte Kunert zu den ersten Unterzeichnern eines Protestes gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann aus der DDR. 1979 ließ das DDR-Regime den unbequemen Dichter Kunert in den Westen ausreisen. In Schleswig-Holstein auf dem Lande fand er ein neues Zuhause - in einer ehemaligen Dorfschule in Kaisborstel. Dort lebte er mehr als 40 Jahre.

Günter Kunert im Alter von 90 Jahren gestorben (picture-alliance/dpa/C. Rehder)

Schwarzseher und Katzenliebhaber: Kunert wies früh auf die Folgen der Umweltzerstörung hin

Rund 70 Jahre lang hat der ungemein produktive Autor publiziert. 1950 erschien Kunerts erster Gedichtband "Wegschilder und Mauerinschriften" und 2019 der kritische DDR-Roman "Die zweite Frau" - das Manuskript war bereits 45 Jahre zuvor entstanden, Kunert hatte es aus Sorge, ins Gefängnis zu müssen, unter Verschluss gehalten, dann vergessen und erst im hohen Alter zufällig im Keller wiederentdeckt.

Günter Kunert im Alter von 90 Jahren gestorben (picture-alliance/dpa/Carstensen)

Sein Grafikstudium brach er einst ab, doch in späteren Werken führte er Text und Bild wieder zusammen

Mit seiner ersten Frau Marianne war Kunert 50 Jahre verheiratet. Nach ihrem Tod, Kunert war schon über 80, heiratete er ein zweites Mal und widmete Erika seinen DDR-Roman "Die zweite Frau". Bereits zu Lebzeiten hat Kunert ein Grab auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee gekauft. Dort wurde bereits seine erste Frau beerdigt. Kunert wollte dort auch beigesetzt werden.

haz/jj (dpa, epd, munzinger)

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