Deutschland rollt Radfahrern den Solarteppich aus | Wissen & Umwelt | DW | 18.11.2018
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Innovation

Deutschland rollt Radfahrern den Solarteppich aus

Deutschland hat seinen ersten Solarweg! Wenn auch vorerst nur als Teststrecke, die Sie dennoch ausprobieren können. Ob mit dem Rad, dem Kinderwagen oder zu Fuß. Ein Zukunftsmodell - oder doch zu teuer?

Rechts Felder, links Einfamilienhäuser, dazwischen schlängelt sich ein Radweg durch den Stadtteil Liblar in Erftstadt. Zwei Radfahrer zücken ihre Handys, um den Wegweiser zu fotografieren: "Eröffnung des ersten Solarwegs Deutschlands".

Viele kleine Solarfliesen aus einem genoppten Sicherheitsglas bilden eine Art Teppichboden, den man auf dem Asphalt ausgerollt hat: "Das ist ein 35 Jahre alter Radweg mit Dellen und Baumwurzeln", sagt der Erfinder des Solarteppichs und Gründer des Startups Solmove, Donald Müller-Judex. "Wir haben ihn, so wie er ist, mit Photovoltaik überklebt". Das Anbringen auf den Bestand ist ein wesentlicher Vorteil der neuen Technologie, denn eine Straße aufzureißen oder neu zu bauen ist teuer.

Jede der 10 mal 10 Zentimeter großen Fliesen ist eine Solarzelle, die mit einem Gewebe elektrisch und mechanisch mit den anderen flexibel verzahnt ist. Eine Gummischicht absorbiert den Schall und verbindet den Teppich mit dem Untergrund.

Die Idee ist dem Ingenieur Müller-Judex gekommen, als er vor einigen Jahren in Allgäu nach Freiflächen für Solaranlagen suchte. Alle geeigneten Dächer waren schon besetzt, dafür gab es reichlich einsame, sonnenbeschienene Straßen. Allein in Deutschland stünden 1,4 Milliarden Quadratmeter an wenig verschatteten Radwegen, Seitenstreifen, Zufahrten und Parkplätzen für die Energiegewinnung zur Verfügung. Bereits versiegelte Flächen könnten so doppelt genutzt werden.

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Wissenschaftler der RWTH Aachen untersuchen die Solarweg-Oberfläche im Labor (Peter Winandy)

Ob der Solarweg hält, was die Laborversuche versprechen, wird die Praxis zeigen

Weniger Stromertrag, aber viele Funktionen

Auf horizontalen Modulen ist die Sonneneinstrahlung nicht so optimal für die Photovoltaik. "Die Solarstraße erzeugt weniger Strom als die konventionelle Photovoltaik auf dem Dach", sagt Lukas Renken vom Institut für Straßenwesen der RWTH Aachen. Das Institut hat den Solmove-Belag im Labor geprüft. Wie auch ähnliche Technologien, etwa von SolaRoads aus den Niederlanden. Straßen-Kraftwerke entstehen derzeit in mehreren Ländern: Die Umsetzung unterscheidet sich vor allem beim Aufbau und der Verlegung der Paneele.

Die Vorteile des innovativen Pflasters sieht Renken in seiner Multifunktionalität: In den Fliesen ließen sich Heizungsschleifen für den Winter, LED-Beleuchtung und später auch Induktionsschleifen für das kabellose Aufladen von E-Fahrzeugen einbauen. Oder auch Sensoren, mit denen man den Verkehr zählen und steuern kann - zum Beispiel die Ampelschaltung.

Den Winterdienst kann sich die Kommune auf der Teststrecke sparen - wenn das System funktioniert. Die Fläche wird mit dem selbst erzeugten Strom aufgetaut. Ansonsten wird der Strom ins Netz gespeist oder kann von den Anwohnern verbraucht werden. Müller-Judex rechnet mit etwa 15.000 Kilowattstunden pro Jahr.

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"Wir werden die nächste Zeit auf den Monitor gucken und die Erträge mit der normalen Photovoltaik vergleichen. Es sind zwei bis drei Winter erforderlich, um allein die Heizung zu testen". Und auch, wie die Anlage mit Frost, Schmutz und Belastung zurechtkommt muss sich erst noch zeigen.

Der Solarweg in Erftstadt mit Laub bedeckt (DW/M. Jordanova-Duda)

Wie resistent der Solarweg gegen Wetter und Schmutz ist, wird sich in der Testphase zeigen

Die Oberfläche soll sich durch die genoppte Struktur selbst reinigen: Der Dreck sammelt sich in den Fugen und wird vom Regen abgewaschen. Ob das aber auch in der Praxis so ist? Gerade hat ein Hund drauf gemacht. "Das können wir unter Laborbedingungen ja nicht testen", sagt Renken.

Gegenentwurf zum Braunkohle-Abbau

Rund 800.000 Euro hat der Bau gekostet, finanziert von der Nationalen Klimaschutzinitiative. Bundesumweltministerin Svenja Schulze freut sich, mal nicht nach Amsterdam oder Kopenhagen, sondern in die rheinische Provinz zu fahren, um ein Öko-Vorzeigeprojekt kennenzulernen. Sie wünscht sich mehr davon.

Müller-Judex wünscht sich mehr Unterstützung von der Politik und staatliches Risikokapital für Cleantech-Startups. "Unsere Förderung macht ungefähr ein Zehntel davon aus, was in Frankreich oder China zur Verfügung steht". Dort werden Solarstraßen im weit größeren Stil gebaut. Bis 2020 installiert das gleichnamige Startup 1000 Kilometer "Wattway" in Frankreich. Die Regierung hat dafür die Benzinsteuer angehoben.

Müller-Judex, Schulze und Erner fahren Rad auf dem Solarradweg (Matilda Jordanova-Duda)

Bundesumweltministerin Svenja Schulze (Mitte) freut sich, ein Öko-Vorzeigeprojekt in der Heimat testen zu können

Auch die Kommune Erftstadt tut viel, um ihre Radstrecken aufzuwerten, sie hat zehn Prozent der Kosten selbst getragen. "Wir haben viele historische Wege und ehemalige Tagebau-Bahntrassen und investieren eine Menge Geld darein", sagt Bürgermeister Volker Erner. Er schwärmt von 100 Prozent sauberer Energie, und das, ohne die Landschaft zu zerstören. "Vor drei Jahren hätte kein Mensch gedacht, dass so etwas möglich ist". Der Solarweg ist auch ein Gegenentwurf zum nahegelegenen Braunkohlerevier.

Die Solarstraße verdient Geld

Kritiker des Projekts meinen, mit dem vielen Geld ließen sich zahlreiche herkömmliche Radwege bauen oder renovieren. Vandalen haben vor der Eröffnung schon ein paar Glasfliesen zerschlagen. Die Teststrecke ist natürlich weit teurer als ein künftiger Solarweg von der Stange. 

Für die Serienproduktion rechnet Müller-Judex mit 250 Euro pro Quadratmeter. Diese würden sich nach zwölf bis 14 Jahren rechnen und danach würde der Belag noch weitere zehn Jahre Strom erzeugen. Auf Dauer soll die Solarstraße also günstiger sein als die normale, die ausschließlich Kosten verursacht. Die Anfrage sei jedenfalls groß, vor allem aus dem Ausland. In China sollen bei den Olympischen Spielen 2022 Shuttle-Busse 190 Kilometer weit fahren und sich dabei induktiv aufladen. Diese Strecke wird vielleicht mit Solmove-Modulen gepflastert.

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Innovationen im Straßenbau seien in Deutschland sehr schwer umzusetzen, meint RWTH-Experte Renken: "Die Kommunen wollen nichts falsch machen. Es ist wichtig, mit den Behörden zusammenzuarbeiten und sie früh ins Boot zu holen".

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