Genossenschaften: Stromerzeugung kann jeder | Wissen & Umwelt | DW | 27.09.2018
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Energiewende

Genossenschaften: Stromerzeugung kann jeder

Energiegenossenschaften machen Konsumenten zu Stromerzeugern. 862 gibt es davon in Deutschland. Die Branche setzt auf Sonnenkraft – und erhofft sich einen Aufschwung.

Bei schönem Wetter steigt Martina Pfaff gerne auf das Flachdach ihres neuen Hauses. Von oben sieht man in der Ferne die spitzen Türme des Kölner Doms. Pfaff und die anderen Mitglieder der Wohnungsbaugenossenschaft haben das Dach begrünt – für die Bienen. Neben dem Grün stehen mehrere Reihen von Solarmodulen – für die Energiewende. Die Photovoltaikanlage (PV) gehört ebenfalls einer Genossenschaft: "Die Energiegewinner eG" aus Köln. Sie betreibt bundesweit vor allem Photovoltaik-Anlagen, hat aber auch einige Windräder und sogar ein kleines Wasserkraftwerk. Jeder, der will, kann Mitglied werden. Die meisten Solarmodule der "Energiegewinner" stehen auf Schulen und Turnhallen. Die Idee ist, auch Stadtbewohnern die Stromerzeugung zu ermöglichen, die kein eigenes oder geeignetes Dach haben.

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Milliarden für die Energiewende

Drei Personen reichen, um eine Genossenschaft zu gründen. Mit wenigen Hundert Euro ist man dabei und darf über alles mitentscheiden. Jedes Mitglied hat nur eine Stimme, egal wieviel Geld es hineingesteckt hat. Genossenschaften haben in Deutschland eine lange Tradition. Die ältesten Bürgerzusammenschlüsse im Energiesektor haben schon vor 90 Jahren die Versorgung in entlegenen Gegenden ermöglicht.

Die Reaktorunfälle von Tschernobyl und Fukushima brachten dann viele Leute dazu, nach einer Alternative zum Atomstrom zu suchen. Die festen langfristigen Einspeisevergütungen für den Ökostrom machten die Sache berechenbar. 855 Energiegenossenschaften wurden zwischen 2006 und 2017 gegründet, nach Angaben des Deutschen Genossenschaftsverbands (DGRV) zu 95 Prozent von Privatpersonen. Die über 180.000 Mitglieder haben seit 2006 2,5 Milliarden Euro in Energie aus Sonne, Wind und Biomasse investiert.

Deutschland Köln - Energiegewinner - Martina Pfaff und Kay Voßhenrich auf dem Dach einer Kölner Wohnungsbaugenossenschaft (Matilda Jordanova-Duda)

Martina Pfaff legt Wert auf den Genossenschaftsgedanken: "Was der Einzelne nicht stemmen kann, erreicht die Gruppe."

"Alles besser machen"

Solar-Installateur Kay Voßhenrich und Vertriebsspezialist Ramon Kempt wollten eine "Energiegenossenschaft gründen, die alles besser macht als das bisher Dagewesene". Sie wollten sie nicht ehrenamtlich aufziehen, wie es die meisten tun, sondern professionell. Es ging darum, die Anlagen nicht nur zu finanzieren und zu betreiben, sondern sie auch selber zu planen und zu installieren. Mit ihren Ehepartnern und Freunden, sogar Kindern, waren es zehn Leute, die 2010 die ersten Anteile kauften. Inzwischen sind es mehr als 600 Mitglieder. Ein Profi-Team setzt die Pläne um, zu denen neuerdings auch Öko-Wärme und E-Carsharing zählen.

Die Mitgliedschaft kostet bei den Kölnern 50 Euro. Zusätzlich kauft man sich in ein oder mehrere gemeinschaftliche Projekte ein: Wo und mit wie viel, das entscheidet jeder selbst. "Wenn ich ein Solarmodul erwerbe, bin ich automatisch mit diesem ganz konkreten Projekt verbunden und mit sonst keinem", erklärt Kempt. Man bekomme dann jährlich seinen Anteil der Erträge, die die ausgewählte Anlage erwirtschaftet hat. Die Kosten für die Wartung und Versicherung trage die Gemeinschaft.

Waschen und spülen mit Eigenstrom

Martina Pfaff ist Mitglied geworden, hat mit ihrem Mann ein oder zwei der Solarpaneele erworben und kann den Strom vom Dach auch selber nutzen. "Ich merke, dass ich mir zwei Mal Gedanken mache, ob ich eine Spül- oder Waschmaschine eben über Nacht laufen lasse oder lieber morgens anwerfe", sagt sie. Ob sie damit wirklich Geld spart, kann sie nicht sagen. Ein kleiner Aufpreis wäre okay. Ihr ist es wichtig, den großen Energiekonzernen ein Schnippchen zu schlagen, "damit nicht alles bei ihnen landet. Denn wir haben das Problem der Stromtrassen und der Speicherkapazität. Von solchen Problemen hat man deutlich weniger – meine ich jedenfalls – wenn man in die kleine lokale Verteilung geht". Viel Wert legt die Kölnerin dabei auf den Genossenschaftsgedanken, ein immaterielles Weltkulturerbe übrigens: "Was der Einzelne nicht stemmen kann, kann die Gruppe erreichen".

Der Vorstand der Energiegewinner und Geschäftsführung Projektgewinner (Energiegewinner): Ramon Kempt, Kay Voßhenrich, Frank Schillig (v.l.)

Der Vorstand der Energiegewinner: Ramon Kempt, Kay Voßhenrich, Frank Schillig (v.l.)

Der direkte Draht

"Genossenschaften haben schon einen Vertrauensbonus bei den Leuten, die Geld anlegen wollen, weil wir nicht von einer Heuschrecke aufgekauft werden können", betont Voßhenrich. "Wir sind außerdem kein großes Unternehmen. Viele kommen und reden mit uns, bevor sie höhere Beträge anlegen." Dann ist da noch das handfeste Produkt: Man weiß, wo die eigene Investition steht, man kann ihr sogar beim Stromerzeugen zugucken. Deshalb investieren viele mit Vorliebe in der eigenen Region. Das ist aber kein Muss, zumindest nicht bei den "Energiegewinnern".

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Sie haben auch schon Anlagen in Luxemburg und Frankreich gebaut. Als die Einspeisevergütungen gesenkt und die EEG-Umlage erhöht wurde, seien viele Projekte in Deutschland unwirtschaftlich geworden, so Kempt. Nach einer steilen Wachstumskurve Anfang des Jahrzehnts stagniert insgesamt die Gründung von Energiegenossenschaften seit 2014. Allerdings sind Photovoltaik-Module jetzt viel günstiger zu haben, und von der neuen EU-Richtlinie erwartet die Branche einen gewaltigen Schub für die Bürgerenergie.

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Eigenstrom ohne Sonnensteuer

"Ich finde sie richtig gut, weil sie einen ganz entscheidenden Punkt anpackt: die Abgabe auf Eigenstrom!", so Voßhenrich. Anlagebetreiber, die ihre Elektrizität selbst verbrauchen, müssen die EEG-Umlage zahlen, sofern sie nicht nur ein paar Paneele auf dem Dach des eigenen Häuschens haben. Nun aber befreie die EU den Eigenstrom bis 30 KW von dieser "Sonnensteuer", freut sich der Genossenschaftler: "Da gibt es keinen Unterschied mehr, ob ich Anlagebetreiber, Mieter, Eigenheimbesitzer oder Gewerbetreibender bin. Die Richtlinie geht sogar noch weiter: Gebäude in der direkten Nachbarschaft können auch abgabefrei mit Strom beliefert werden. Und das wird meiner Meinung nach im urbanen Umfeld einen Solarboom auslösen."

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