Deutsche Blockade vor dem Tor | Sport | DW | 09.09.2018
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Neustart, zweiter Teil

Deutsche Blockade vor dem Tor

Der späte Sieg der deutschen Elf gegen Peru lässt viele Fragen offen. Die dringlichste dürfte sein, weshalb das Team so nachlässig mit den Chancen umgeht. Eine Schwäche, die auch in der Ausbildungsstruktur liegt.

Marco Reus (r.) scheitert an Perus Torhüter (Reuters/K. Pfaffenbach)

Marco Reus (r.) scheitert an Perus Torhüter

Marco Reus konnte einem fast schon leid tun. Nachdem er die ersten beiden Versuche knapp neben das peruanische Tor gesetzt hatte, traf er im dritten Anlauf den Ball nicht richtig. Es hätte eigentlich nicht viel gebraucht. Ein wenig mehr Präzision, ein wenig mehr Durchsetzungsfähigkeit, ein wenig mehr Spielglück. All das fehlte der deutschen Mannschaft in der ersten Hälfte gegen die Südamerikaner. Reus wirkte spätestens nach dem dritten Versuch wie ein Häufchen Elend, das nicht verstehen konnte, weshalb es die Kugel nicht über die gegnerische Torlinie befördert bekam.

Auf den ersten Blick ist es natürlich der Dortmunder, der an sich selbst verzweifelte. Aber ist er auch der Schuldige an diesem Dilemma, dass die deutsche Mannschaft bereits seit geraumer Zeit mit sich herumträgt? Auch wenn die Partie noch mit 2:1 für das deutsche Team ausging. 

Sechs Chancen, nur ein Tor

Die Nationalmannschaft erspielt sich in eigentlich allen Partien ausreichend viele Möglichkeiten, um als deutlicher Sieger den Platz zu verlassen. Was sie daraus machen? Viel zu wenig. Wie bei der WM. Gegen Frankreich in der Nations League. Jetzt auch gegen die Peruaner. Sie kreieren viele sehenswerte, direkte Kombinationen, die eigentlich beste Einschussmöglichkeiten bieten. Am Ende landeten lediglich zwei Schüsse von sechs guten Möglichkeiten nach deutlicher offensiver Überlegenheit in den gegnerischen Maschen. Julian Brandt nutzte seine Chance mit einem galanten Heber (25.). Nico Schulz profitierte von einem Torwartfehler (85.).

Aber das Fehlen eines zentralen Stürmers, der beweglich ist, kopfballstark und der vor allem mal an der richtigen Stelle steht, wie es sie in Deutschland einst in schier unbegrenzter Zahl gab, lässt sich nicht durch Alternativlösungen wie Reus eine ist - ein gelernten Flügelspieler - kompensieren. Der Mangel an Nachwuchs auf dieser Position ist in den letzten Jahren geradezu frappierend.

Keine Mittelstürmer vorhanden

Die Fehler der Vergangenheit, in denen in den vielen Jugendakademien der Republik vor allem Fußballspieler ausgebildet wurden, die zwar 420 verschiedene Spielsysteme nachts auswendig aufsagen können, aber kaum noch die Kernkompetenzen des Spiels beherrschen, sind besorgniserregend. Und in Länderspielen derzeit (nicht) gut zu beobachten. 

Diese Weltklasse-Mittelstürmer wie Gerd Müller, Horst Hrubesch, Rudi Völler und viele mehr, um die uns einst die ganze (Fußball-) Welt beneidete, sind schlicht nicht mehr vorhanden. Deutschland war einst das Land, das nicht zuletzt aufgrund dieser scheinbar nie versiegenden Quelle dieser Spieler-Spezies weltweit anerkannt war. Das sah häufig nicht gut aus, war aber ungeheuer effektiv. Bundestrainer Joachim Löw war allerdings nie ein Freund dieses eher rustikalen Stils. 

Die Mannschaft kreist um sich selbst

Fußball Länderspiel Deutschland - Peru (picture-alliance/dpa/U. Anspach)

Spielte heute von Beginn an: Julian Brandt

Bis der deutsche Fußball auf die Idee kam, dass diese Profis nicht mehr die Kriterien der modernen Art des Spiels erfüllen. Der Stürmer musste plötzlich der erste Verteidiger sein, der im Dauer-Umschaltspiel mit permanentem Anlaufen die Gegner bekämpft. 

Die deutsche Mannschaft kreist mit dem Ball vor allem um sich selbst. Flanken von den Außenseiten sind nicht mehr vonnöten, weil in der Mitte ohnehin niemand steht, der sie ins Tor wuchten könnte. Es fehlt der deutschen Mannschaft der einfache Weg in der Komplexität des eigenen Spiels. Auch gegen die körperlich eigentlich unterlegenen Peruaner. Offensiv-Kopfball-Spezialisten gibt es schon lange nicht mehr. Wohl auch deshalb versuchte es Nico Schulz vor allem mit flachen Hereingaben in den gegnerischen Strafraum.

Weshalb sich viele Spieler so schwer tun, regelmäßig beste Möglichkeiten auslassen und scheinbar vor dem gegnerischen Gehäuse blockiert sind, ist allerdings ein Phänomen, das wohl nur Psychologen nach eingehender Analyse erklären können. Das glückliche Kullertor von Schulz fünf Minuten vor dem Ende legte nur einen schönen Schleier über die großen Abschlussmängel der deutschen Elf. 

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